In dieser Ausgabe:
>> Kara Walker im Dialog mit Darius James
>> Wiedersehen in New York

Im Archiv:
>> Man in the Middle - "In fantastischer Gesellschaft"
>> Kara Walker - Wie schwarz darf Humor sein?

 

Ich hasse es, den Löwen zum Fraß vorgeworfen zu werden



Kara Walker


Kara Walker im Dialog mit Darius James


Kara Walkers kontroverse Ausstellung aus der Sammlung Deutsche Bank ist zur Zeit im Museum voor Moderne Kunst in Arnheim zu sehen und wird ab dem 21. Oktober im Wiener MuseumsQuartier gezeigt. Aus diesem Anlass haben wir den afroamerikanischen Autor Darius James gebeten, mit ihr in einen online-Dialog zu treten. Bei seinem Erscheinen 1992 löste James' Buch "Negrophobia" einen Skandal aus. Wie auch Walkers Arbeit reflektierte es das Unterbewusstsein, die Träume und Ängste eines von unterschwelligem Rassismus geprägten Amerikas und stieß auch innerhalb der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auf Kritik. Lesen Sie exklusiv bei db-art.info Auszüge aus dem Briefwechsel, und verfolgen Sie den Meinungsaustausch über erotische Abgründe rassistischer Klischees.

Darius James: Was mir gleich an deiner Arbeit auffiel, war, dass dein Einsatz von Scherenschnitten und Schattenrissen ein ganz starkes Gefühl von volkstümlicher Kunst vermittelt und seinen Ursprung in schwarzen Erzähltraditionen findet. Ich mag sehr, wie die auf deinen Bildern eingefrorenen Momente ganze Fabeln erzählen, vorgesungen mit dem Witz und der Gerissenheit des blues trickster. Ich sage "gesungen", weil die stilistische Ausführung lyrisch ist, weil deine Arbeit zugleich das Bildhafte, das Erzählerische und das Musikalische umfasst.

Ich bin auch von deiner satirischen Unverfrorenheit beeindruckt. So etwas sehe ich selten. Und wenn es mal versucht wird, dann ist es häufig schlecht gemacht. Es geht dir nicht an die Gurgel. Man wittert kein Blut. Als mein Roman "Negrophobia" zum ersten Mal als Hardcover herauskam, zeigte der Umschlag eine weiße Frau, deren Schatten ein dicklippiger birnenköpfiger Coon war. Einige Leute vom Verlag fühlten sich persönlich angegriffen und drohten, mir den NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) auf den Hals zu hetzen. Und dann, ich mache keine Witze, wurde das Buch in einigen schwarzen Buchläden in einer braunen Papiertüte unter dem Ladentisch verkauft. Inzwischen hängt das Cover im Smithsonian. Seltsamerweise waren diejenigen, die sich am meisten von meiner Arbeit angegriffen fühlten, Schwarze aus der Mittel- und Oberschicht. Schwarze aus der Arbeiterschicht erkennen den Witz und verstehen, worum es geht. Ich erzähle das alles, weil ich gerne von dir wissen würde, wie die Schwarzen in den Staaten deine Arbeit aufnehmen.

Kara Walker: Es gab Briefkampagnen, nachdem ich 1997 ein Mac-Arthur-Stipendium erhielt, und einmal wurde einer meiner am wenigsten anstößigen Drucke aus einem Museum in Detroit entfernt. Mein Werk wurde in der International Review of African American Arts verrissen: 17 Seiten ohne Verfasserangabe, auf denen ich hauptsächlich wegen meiner Frisur und meines weißen Ehemannes vorgeführt wurde, oder weil meine Arbeit nicht einzigartig sei, ich mein Lehrgeld noch nicht bezahlt hätte und so weiter und so fort. Es war ziemlich beschämend und stumpfsinnig, dass gerade zwei Ausgaben des Magazins, die die Verlockungen rassistischer und stereotyper Bilder verdeutlichen sollten, sich auf eben jene stereotypen rassistischen Bilder verließen, mit denen sich Schwarze untereinander abstempeln. Auch die Harvard Universität und Henry Gates Jr. initiierten 1998 eine Art von "Niggerati Zirkus", dem ich nicht beiwohnte – was wahrscheinlich zu meinem Nachteil war, aber ich hasse es, den Löwen zum Fraß vorgeworfen zu werden.

Ich las "Negrophobia" 1994, als ich gerade kurz vor meinem Abschluss an der Kunsthochschule stand, und habe mich intensiv damit auseinander gesetzt. Es war einer jener seltenen wohltuenden Momente, bei denen ich dachte, dass es eine andere Person auf der Welt geben könnte, die versteht, was ich mache. Das Einzige, was ich nicht mochte, waren die Illustrationen zwischen den Texten. Tut mir leid. Wir sprechen hier über eine stolze Kunststudentin. Ich erinnere mich, dass ich dachte – "Nein das ist falsch, die Darstellung der Coons auf alten Postkarten ist nicht widerwärtig, weil die Coons widerwärtig sind, sie ist hassenswert, weil sie so niedlich, liebenswert und begehrenswert sind." Die Bilder nähren sich von skatologischem, pädophilem, inzestuösem, mörderischem Verlangen – und wie die Kinderkollektion von Jennifer Lopez oder Werbung für Babyöl tun sie dies auf nostalgische und verführerische Weise.

Darius James: Du hast erwähnt, dass Henry Louis Gates Jr. 1998 in Harvard dem "Niggerati Zirkus" vorstand. Worum ging es dabei genau? Und weshalb wärest Du Löwen-Futter gewesen?

Kara Walker: Ich hatte dort gerade eine Ausstellung, in der ein großer Teil meiner Scherenschnitt-Arbeiten gezeigt wurden, und Gates hatte für ein Wochenende eine Reihe von Lesungen und Filmpräsentationen zum etwas schief gewählten Thema "Rassen und ihre Darstellungen" organisiert, einschließlich eines Panels mit Betye Saar, die eine Zensur- und Hassmail-Kampagne gegen meine Arbeit und ihre positive Aufnahme auf dem Kunstmarkt und bei den Leuten vom Mac-Arthur-Preis startete, Howardina Pindell und Michael Ray Charles (ebenfalls für seine "pickaninny art" sehr angefeindet). Den Berichten meiner enttäuschten Freunde zufolge, die angemacht wurden, weil ich nicht da war, bekam Mister Charles seine Argumentation nicht auf die Reihe. Dabei hat er in der Werbebranche gearbeitet. So eine Schande!

Nun, wäre ich nicht auf der von langer Hand geplanten Reise zu Oma und Opa in Deutschland gewesen (sie in Erwartung ihres ersten und einzigen Enkelkindes), ich hätte lediglich auf dem Podium gesessen, mein Mischlingskind in Armen gehalten und nichts gesagt. Ich meine, man weiß doch, dass man sich auf ein großes Geschrei einlässt, wenn das Gespräch auf unsere schmutzige, rassistische Vergangenheit und unsere schmutzige, rassistische Beziehung zum Begriff "Rasse" kommt – vieles davon spielte sich zwischen den Generationen ab.

Neulich hat mich eine Anzeige sehr betroffen gemacht, die den sexuellen Missbrauch von Kindern anklagte, aber zugleich unnötig sexy aufbereitet war. Die herrschende Vorstellung des schönen, schwarzen Kindes, das ein zerlumptes Kleidchen trägt, wird darin ausgebeutet. Das Bild dieses Kindes ist entscheidend für die Anzeige. Es wird in seiner ganzen verschämten Schönheit – das Gesicht im Profil, blickt es nach unten auf die weiße Barbiepuppe, die es schon bald fallen lassen wird – vollkommen zur Schau gestellt. Das unsichtbare Bild, mit dem wir Passanten uns identifizieren sollen, ist das des konturlosen, weißen Mannes, der es am Arm in die entgegengesetzte Richtung zerrt. Während das Kind auf dem Bild den Blicken vollkommen Preis gegeben wird, verschwindet er im Dunkeln. Die klassische Spannung zwischen verbotenem Verlangen und dem Nachgeben wird hier evoziert. Dabei könnte die Bildaussage, die etwa lauten soll: "Das ist ein Kind, kein Sexobjekt", ebenso gut gelesen werden als "Das ist ein Kind und ein Sexobjekt". Für die Puppe gilt dasselbe.

Darius James: Als ich für "Negrophobia" zu recherchieren begann, stieß ich neben Postkarten, Keksdosen, und Blechspielzeug mit den "Coon-Darstellungen" der Jahrhundertwende auch auf ein paar Zeitungs-Cartoons aus der Bürgerkriegsära – darunter auch einige ziemlich deftige sexuelle Motive, ganz so wie auch in deinen Arbeiten, natürlich ohne die anmutige Linienführung. Anscheinend hast du dich ebenfalls von diesen Bildern inspirieren lassen.





Darius James

In der amerikanischen Phantasie gibt es keine Trennung zwischen Rasse und Sexualität. Der Rassismus wurzelt in der Heuchelei puritanischer Sexualität. Amerikas erste Sexshows wurden von Plantagenbesitzern veranstaltet, die "überwachten", ob sich ihr menschliches Eigentum auch richtig fortpflanzte. Wusstest du, dass Joel Chandler Harris seiner Auserkorenen Liebesbriefe im Dialekt von Uncle Remus schrieb? So drückte er sein sexuelles Verlangen aus.

Kara Walker: Am meisten bin ich von Literatur beeinflusst, besonders von Schundromanen und Pornografie, weil das dem Leser auf jeden Fall einen gewissen Kitzel garantiert. Meine Leseerlebnisse sind dabei auch mit einer gehörigen Portion Scham verbunden nicht nur, weil ich mich eingehend mit schwarzer feministischer Theorie hätte befassen sollen, während ich in "The Master’s Revenge" vertieft war, sondern auch, weil diese Literatur oft so roh ist. Soviel verdammt lästige Wahrheiten über uns und unseren Verlass auf das alte Rollenverhältnis zwischen Herren und Sklaven, um uns und unsere Geschichte zu definieren und neu zu definieren. Ich fing an, auf diese Weise zu arbeiten, weil ich es einfach satt hatte, dass DAS der Garant für meine Erfahrungen als farbiges Mädel sein sollte. Ich fing auch deshalb an, so zu arbeiten, weil umgekehrt so vieles von diesem Paradigma tatsächlich TEIL MEINER ERFAHRUNG wurde, obwohl ich das überhaupt nicht angestrebt hatte.

Es ist ein bisschen merkwürdig, hier im Internet (all zu vertrautes) Garn von Bildern und Symbolen der Baumwollplantagen zu spinnen – vor allem für ein deutsches Publikum, das dazu neigen könnte, all das Zeug für bare Münze zu nehmen. Ich stelle das mal als vergebliche Aufforderung zur Kontroverse in den Raum. Ich möchte glauben, dass ich diese Deutschen gut kenne… Diese Werbung für West-Zigaretten würde in Amerika nie laufen – die, mit dieser abgefahrenen Disco-Afro-Frau und diesem weißen Durchschnittstypen, der ihr seine kleine Fluppe anbietet. Sie zeigt ihre Zähne – ganz roter heißer Amazonensex. Und dann der Aufmacher: "Test it".

Darius James: Ich lebe hier seit vier Jahren. Und wie du habe ich eine Beziehung mit einem deutschen Partner. Dennoch könnte ich nicht behaupten, "Ich kenne die Deutschen gut". Doch ich verstehe, was Du mit "all das Zeug für bare Münze nehmen" meinst. Ich kann hier in jeden x-beliebigen Musik- oder Comic-Laden gehen – mit Sicherheit dröhnt der dümmste Gangsta Rap aus den Lautsprechern. Nichts gegen Gangsta Rap oder Rap im allgemeinen. Ich meine diese betrunkenen, stumpfen Idioten, die lediglich beleidigenden und gestörten Unsinn von sich geben, ohne irgendetwas anderes zum Ausdruck zu bringen, außer eben ihre Beleidigungen und ihr Gestörtsein. Es gibt viele junge Deutsche, die sich diesen Mist anhören, nur weil es "hip" ist, obwohl sie nicht einmal richtig verstehen, um was es in den Texten geht. Wenn sie es wüssten, würden sie kotzen.

Als ich heute Zigaretten kaufen ging, sah ich das West-Anzeigenplakat, von dem du sprachst. Es gibt eine ganze Reihe davon. Um die Weihnachtszeit herum gab es eins, auf dem eine Frau mit Afro-Frisur dargestellt war, die als Knecht Ruprecht verkleidet war, sogar mit Rentieren drauf. Das Plakat, das du beschrieben hast, kannte ich bis heute morgen gar nicht. Ich finde es interessant, weil die Frau den Mann, der ihr eine Zigarette reicht, weit überragt. Und sie scheint sich köstlich darüber zu amüsieren, dass er ihr einen solch kleinen Gegenstand anbietet. Das Bild der Frau entspricht deutlich den sexuellen Phantasien des weißen Mannes, aber die Unzulänglichkeit des weißen Mannes wird auf dem Bild ebenfalls impliziert – Verlangen und Angst vereint in einem Bild.

Das Bild steht weniger für Rassismus als für Exotismus. Ich finde den Exotismus besonders in Bezug auf geschlechtliche Beziehungen zwischen unterschiedlichen Rassen interessant, da es sich in meinen Augen um eine Art Rassismus mit gegenseitigem Einverständnis handelt. Jeder projiziert seine Phantasien dabei auf den anderen. Wenn die Anziehungskraft ausreicht und eine Beziehung entsteht, geht die Phantasie-Phase in einen anderen Zustand über, in dem man plötzlich mit der abgefahrenen Menschlichkeit des anderen umgehen muss. "Exotische" Unterschiede verlieren an Bedeutung, wenn man sich mit der harten Realität eines anderen Menschen auseinander setzt. Manche erheben den Exotismus allerdings auch gerne zum Fetisch.

Ich lebe in Europa. Ich kenne alle möglichen "exotischen" Masturbationsphantasien über Frauen – schwarze, weiße, orientalische, asiatische. Die vom Geschlechterkampf geprägte sexuelle Beziehung innerhalb des Heterokontextes zu untergraben, reizt mich. So wie man bestimmte Stereotypen gar nicht ablegen will, gibt es erstaunlicher Weise auch eine gegenseitige "exotische" Anziehung zwischen "Exoten". Man denke an die Fetischisierung der schwarzen Frau als "Königin Mutter Afrikas", wie sie die romantisch geprägte, schwarz-nationale Bewegung hervorbrachte. Oder an die indonesisch-deutsch-bayerische Frau, mit der ich vor ein paar Jahren eine Affaire hatte, und die sich darüber beklagte, dass sie von allen weißen Jungs, mit denen sie zusammen war, wie eine "Exotin" behandelt wurde. Gleichzeitig hatte sie noch nie etwas mit einem Schwarzen gehabt und projizierte jetzt all ihre Phantasien auf mich.

Kara Walker: Meine Interpretation der West-Anzeige ist ähnlich, in jedem Fall hat sie mich genauso stark beschäftigt. Ein Grund mag darin liegen, dass ich selbst eine hochgewachsene, geile amerikanische schwarze Frau bin ("Bist du ein Model?" oder "BIST DU NICHT DAS MODEL, DAS..." wurde ich schon hundertfach gefragt), die immer großes Vergnügen bei der Vorstellung empfunden hat, ein exotisches Sex-Raubtier zu sein. Wie dem auch sei, meine innere Realität ist so gänzlich anders, viel eher die einer dreizehnjährigen Vorort-Tussi die plötzlich aus dem Hinterhalt zum Angriff übergeht ("Sie war immer so still... Ich kann gar nicht glauben, dass sie so etwas getan hat"). Ich genieße und hasse zugleich diese "crazysexycoolen" Attitüden, die innere Angst kaschieren. Ich kann sicher sagen, dass ich während meiner vorehelichen Abenteuer einige offene Wunden hatte, durch die ich das Unanständige, das Ironische und das Paranoide schlüpfen ließ – was uns zu einem anderen beliebten-Klischee führt: the crazy-ass nigra. Für mich persönlich ist diese Darstellung – schwarze Amazone trifft sexuell frustrierten weißen Meister (Wir dürfen uns nichts vormachen, in der West-Anzeige ist immer noch er der Handelnde. Ihr Lachen ist passiv, es ist lediglich eine Reaktion.) – eine Ikone für die Komplexität der enthaltenen Bezüge und für die Unmöglichkeit, die Illusion von Rassen- und Geschlechter-Rollen aufrecht zu erhalten.

Du sagtest: "Wenn die Anziehungskraft ausreicht und eine Beziehung entsteht, geht die Phantasie-Phase in einen anderen Zustand über, in dem man plötzlich mit der abgefahrenen Menschlichkeit des anderen umgehen muß. 'Exotische' Unterschiede verlieren an Bedeutung, wenn man sich mit der harten Realität eines anderen Menschen auseinandersetzt." Aber Transzendenz findet nicht immer statt. Ich habe viele Notebook-Seiten darauf verwendet, niederzuschreiben, wie die Spannung aufrecht erhalten werden kann, die entsteht, wenn beide Seiten sich nur teilweise zu erkennen geben, also einen raffinierten Striptease ihrer komischen menschlichen Eigenarten hinlegen. Oder, um es anders auszudrücken: Indem sie eine Art fetischisierten Trost in der Phantasievorstellung vom eigenen Körper finden. Im Ernst, die Anzeige für West-Zigaretten würde mir besser gefallen, wenn die heiße Braut mit einer verräterischen Wölbung in der Hose ausgestattet wäre.