In dieser Ausgabe:
>> Marc Brandenburgs Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank
>> Olafur Eliasson:
>> "Es ist wichtig, die Maschine zu zeigen"
>> Olafur Eliasson im Interview

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Kulturgeschichte statt Naturgeschichte

Ein Interview mit dem Künstler Olafur Eliasson




Olafur Eliasson

Sie verbringen mehrere Monate im Jahr in Island und fotografieren Landschaftsformationen: Gletscher, Höhlen, Inseln Flüsse. Inzwischen ist ein enzyklopädisches Bildarchiv entstanden. Es gibt diverse Foto-Serien, darunter die Arbeit "Kartografie" mit Luftaufnahmen, die das dänische Militär anfertigte. Welche Rolle spielt diese Art der Dokumentation für Ihre Arbeit?

Das Militär hat in den fünfziger und sechziger Jahren für die Landkartenerstellung ganz Island aus der Luft fotografiert. Diese Aufnahmen kann jeder als Karte kaufen, Bergsteiger oder Wanderer zum Beispiel.



The aerial river series, 2000

Ich fahre zwar nicht jeden Sommer nach Island und auch nicht ausschließlich, um dort zu fotografieren. Aber ich besuche dort regelmäßig meine Familie und Freunde. Wenn ich dort bin, bereise ich natürlich das Land und fotografiere. Das gehört einfach dazu. So entstehen in einem Sommer etwa die Serien über Gletscher und in dem anderen die über Wasserfälle. Dabei dokumentiere ich meine Ferien und meine Zeit in Island. Andererseits dokumentiere ich damit auch einen gewissen Landstrich. Über die Jahre sind inzwischen so viele Aufnahmen entstanden, dass sie langsam eine Meta-Serie ergeben, eine detaillierte Dokumentation des Landes. Es wird aber wohl noch ein bisschen dauern bis ein Ganzes daraus entseht.

Vermeiden sie es dabei, Menschen oder Architekturen zu fotografieren?

Nein. Es tauchen immer wieder Menschen auf meinen Aufnahmen auf und die Spuren, die sie hinterlassen: Stege, Wege und Gebäude. Auch die Leuchtturmserie dokumentiert das. Ohne den Menschen existiert schließlich nichts. Die Wasserfälle sind ja auch nicht einfach so da. Wenn wir nicht hingehen würden, wüssten wir nicht, ob der Wasserfall tatsächlich vorhanden ist. Er existiert auch nur, wenn ich darüber erzähle. Wenn ich über etwas anderes erzähle, gibt es ihn nicht mehr. Im Grunde genommen hat unsere Wahrnehmung der Welt mehr mit den Menschen als mit Natur zu tun.



The lighthouse series, 1999

Im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit fällt oft der Begriff "Techno-Romantik". Im Klappentext zu Ihrer jüngsten Monografie werden Sie als moderner Caspar David Friedrich vorgestellt. Warum werden Ihrer Meinung nach Fotografien wie die Landschaften aus der Islandserie häufig als romantische Naturdarstellungen verstanden?

Ist es etwa "romantisch", wenn ich in meinen Fotos die gleiche Konstruktion suche wie die Romantiker im 19. Jahrhundert? Ich möchte nicht missverstanden werden, denn ich finde diese Strömung sehr interessant. Allerdings halte ich die anthroposophischen Wissenschaften in ihrem Anspruch, die Welt repräsentieren zu wollen, für viel zu totalitär. Für mich entwickeln sie eine Art prä-phänomenologischer Vorstellung vom Individuum, das sozusagen aus einer Ur-Kraft oder einer Grundsubstanz geschaffen wurde. Das halte ich für eine Konstruktion. Es gibt nicht das "wahre Material". Ich glaube grundsätzlich, dass vor unserer Geburt, vor unserer "Kultivierung" oder kulturellen Erziehung, nichts da ist. Ich glaube stark an eine kulturelle Prägung und daran, dass es grundsätzlich nur eine Kulturgeschichte gibt. An eine naturgegebene Erfahrungsgeschichte glaube ich nicht. Natürlich können wir sagen: "Oh, diese Architektur ist wirklich phantastisch!", aber sie ist es nur deswegen, weil unsere Kulturgeschichte uns darauf hingewiesen hat.



Green River, 1998

Bedeutet das dann auch, dass unser Begriff von Romantik lediglich kulturell geprägt ist?

Es ist wichtig zu präzisieren, worüber man eigentlich spricht, wenn man den Begriff der "Romantik" aufgreift. Man muss schließlich auch unterscheiden, ob man über die Romantiker in Deutschland, Amerika, England, Nord- oder Südeuropa spricht. Der Begriff der Romantik wird von jeder Nation unterschiedlich gesehen und bewertet. Die Romantik in England hat mit Turner eine ganz andere Prägung gefunden als die deutsche Romantik mit Caspar David Friedrich. In Deutschland hat zur gleichen Zeit Kant mit seinem phänomenologischen Anspruch gewirkt. Er vertrat eine Hierarchie der Wahrnehmung: Wer am meisten wahrnimmt, ist Gott am nächsten und damit besser als der blöde Bauer, der gar nichts wahrnimmt, weil er zu dumm dafür ist. Ich beschreibe das jetzt natürlich sehr vereinfacht. Entscheidend ist jedoch, dass es sich hierbei um ein hierarchisches Modell handelt. Der deutschen Romantik haftet dadurch etwas Elitäres an. Ich habe mit dem Begriff der deutschen Romantik nur deshalb ein Problem, weil sie in ihren historischen Zusammenhängen eine gewisse Arroganz und totalitäre Stimmung evoziert.

Sie stellen nie Ihre Fotoarbeiten zusammen mit Ihren Installationen aus. Sie unterscheiden hierbei zwischen "Repräsentation" und "Wirklichkeit". Ist eine Installation "wirklicher" als Fotografie?

Nein, sie ist nicht wirklicher. Es handelt sich bei einer Installation lediglich um eine andere Konstruktion, in der das Abstraktionsniveau nicht höher oder niedriger, sondern einfach ein anderes ist. Übrigens habe ich Fotoarbeiten und Installationen bereits zusammen ausgestellt. Aber der Betrachter in der Ausstellung sollte die Trennung zwischen Fotografie und Installation mitbekommen und sehen. Deshalb zeige ich beides räumlich voneinander getrennt. Für mich ist es in diesem Fall so, als würde man die Skizzen einer Skulptur neben die Skulptur setzen. Das kann man natürlich machen. Man schafft dadurch eine dritte Möglichkeit, die Arbeit zu betrachten. Das werde ich in Zukunft auch sicher häufiger machen.

Haben denn die Fotografien den Charakter von Skizzen?

Ja, das könnte man sagen. Eigentlich dokumentieren die Fotoarbeiten mehr oder weniger manipulativ Naturphänomene.

Ihre Installationen experimentieren mit naturwissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Wahrnehmungsmodellen, die für den Betrachter körperlich erfahrbar werden und eine Vielzahl von Empfindungen auslösen. Ist hierbei auch eine spirituelle Erfahrung impliziert?

Diese Art von Erfahrung kann man nie ausschließen. Auf die eine oder andere Art setzt man sich eigentlich immer mit diesem Thema auseinander. Der Aspekt des Spirituellen fließt insofern in meine Arbeit ein, als das Allgemeinbild, das jeder mit sich herumträgt, generell in Frage gestellt wird. Tendenziell liegt dies schon im Bereich des sogenannten "Spirituellen". Aber ich bin gegen eine solche allgemeine Auslegung, vor allem weil dieser ganze Bereich heute so eng verbunden ist mit den Auffassungen des New Age und dieser ganzen oberflächlichen Verarschung.



No nights in summer, no days in winter, 1994

Gegen Mystik habe ich im Prinzip nichts einzuwenden. Ich finde es zum Beispiel interessant, dass der Okkultismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar absolut präsent war, aber in der Geschichtsschreibung der Moderne überhaupt keine Erwähnung findet. Besonders interessiert mich dabei natürlich wieder die Konstruktion der Wirklichkeit, die uns die Geschichtsschreiber bieten. Unser Bewusstsein resultiert aus geschichtlicher Erfahrung, die uns über andere vermittelt wird. Dabei wurde natürlich vieles ausgelassen, vor allem das nicht-funktionalistische. Dazu gehören auch das Okkulte oder das Mystische. Aber bei diesen unterschlagenen Phänomenen der Geschichte handelt es sich gleichermaßen um Konstruktionen, die genauso zusammengesetzt sind, wie die weltlichen Anschauungen gegen die sie sich wandten. Daher würde ich eigentlich sagen: Mit "dem Spirituellen" haben meine Arbeiten gar nichts zu tun. Andererseits möchte ich mit meinen Installationen die Betrachter dazu bringen, sich selbst beim Beobachten zu beobachten und ihnen die Methoden, die dabei angewandt werden, bewusst machen. Sie sollen sich sozusagen in der dritten Person betrachten. Dabei ist es wichtig, die Systeme oder Strukturen mit denen wir beobachten, ebenfalls zu betrachten. Dazu gehört eine gewisse Form der Ordnung, die uns eine Selbstreflexion erst ermöglicht.

In ihren Texten behaupten Sie, "Natur" sei ein Konstrukt der Zivilisation. Die bewusste Unterscheidung zwischen Repräsentation und Wirklichkeit geht mit dem Akt der Desillusionierung einher. In einem Interview betonten Sie, es sei heute wichtig "die Maschine zu zeigen", und zogen Parallelen zu Peter Weirs Film The Truman Show. In diesem Film entdeckt der Held, dass die Welt, die er für wirklich gehalten hat, ein Fernsehstudio ist, in dem die Sterne am Himmel Scheinwerfer sind und der Horizont über dem Meer eine Kulisse. Der Film endet damit, dass Truman die Begrenzung seiner Welt erkennt und das Studio für immer verlässt, um in der "Wirklichkeit" zu leben. Glauben Sie, dass er ein glücklicherer Mensch wird?

Nun, ich sagte ja, dass es keine Hierarchie von Wirklichkeit gibt. Truman wird das Studio verlassen und die gleiche Geschichte noch einmal erleben. Er wird zur Erkenntnis gelangen, dass das Draußen ebenfalls eine Konstruktion ist. Es handelt sich lediglich um eine weitere Kuppel. Solange er sich drinnen im Studio befindet, ist das Außen sozusagen sein blinder Punkt. In dem Moment, wo er nach draußen tritt, nimmt er ihn wahr. Doch schon bald wird er entdecken, dass die gesellschaftliche Struktur der äußeren Welt einem Wertesystem unterworfen ist, das eben auch nicht natürlich oder von Gott geschaffen ist. Es handelt sich um eine kulturelle Konstruktion. Diese wurde zwar über einen längeren Zeitraum entwickelt und ist viel größer als das Studio, aber in ihr gibt es ebenfalls einen großen blinden Punkt - nur dass er nicht so schön und rund ist wie der vorherige. Und so wird es immer sein. Eine Erlösung, wie sie die Moderne formulierte, gibt es nicht. Wir können sie höchstens in uns selbst finden.


Das Interview führten Maria Morais und Oliver Koerner von Gustorf


© Olafur Eliasson, Berlin

Die Abbildungen entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung des Künstlers der Monografie: "Olafur Eliasson", erschienen im Phaidon Verlag, London/New York, 2002.