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Ein gewisser katholischer Glamour: Tim Stoners Bilder kollektiven Glücks

Seine Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die gerade in der Ausstellung Blick aufs Ich im Neuen Museum Weserburg Bremen zu sehen waren und ab September bei der Ausstellung Man in the Middle in der Tübinger Kunsthalle gezeigt werden, schildern archaische und alltägliche Rituale kollektiver Glückseligkeit: Oliver Koerner von Gustorf über die utopischen Freizeitszenarien des britischen Malers Tim Stoner .

Lavendel, türkis, königsblau, pistaziengrün: Die puderigen Farbtöne, die sich auf den Aquarellen und Gemälden des jungen Engländers Tim Stoner in Schichten überlagern, sind überstrahlt von vermeintlichem Optimismus und Reminiszenzen an die idealisierten Vorortträume vergangener Dekaden, von Erinnerungen an eine bessere Zukunft, die eine weiße Mittelschicht angesichts der Versprechungen kommender Wirtschaftswunder träumte. Sommertage im Countryclub oder am Meer, Schulaufführungen, Tennismatches, Cocktailpartys, Barbecues, Ferienlager, der Rauch von Mentholzigaretten, Gallonen von erdbeerfarbenem Daiquiri: Stoner hat die Vision einer Freizeitgesellschaft, die von perfekten Familien, Nachbarn und Liebhabern bevölkert ist, in eine bis zur Schablonenhaftigkeit stilisierte Bilderwelt verlegt, in der sich seine Protagonisten als gesichtslose Silhouetten wiederfinden, umrahmt von einem gleißendenden Gloriolenschein, dessen helle Wucht einem atomaren Fall Out gleichkommt.

Tim Stoner, Smoke, 2002
©The Approach Gallery, London
Tim Stoner, Birthday Party, 1998
©Tim Stoner, London
Sammlung Deutsche Bank


"Ich mache keine religiösen Gemälde", sagte Stoner über seinen Beitrag zum Ausstellungsprojekt The Leisure Society (2001) im niederländischen Museum de Vleeshal. "Aber ich bemühe mich schon, so etwas wie ein Heiligenbild zu erzeugen. Der Maßstab meiner Gemälde hat diesen Anschein von Lebensgröße und vermittelt einen gewissen katholischen Glamour. Was mich beschäftigt, ist die grundsätzliche Annahme, dass es in diesem Leben etwas besseres geben muss. Ich finde, das unser Dasein heutzutage ziemlich trivial und von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt ist. Trotzdem glauben wir noch immer an unsere Freizeit als eine Art heiligen Lebensstil, ganz so wie die Menschen im Mittelalter daran glaubten, dass sie in den Himmel gelangen könnten




Tim Stoner, Study for Costa, 2001
©Tim Stoner, London, Sammlung Deutsche Bank


Stoners Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die gerade in der Ausstellung Blick aufs Ich im Neuen Museum Weserburg Bremen zu sehen waren und ab September bei der Ausstellung Man in the Middle in der Tübinger Kunsthalle gezeigt werden, vermitteln eine ambivalente Sicht auf das Menschenbild des angebrochenen Millenniums. Die Segnungen westlichen Wohlstands schlagen sich auf seinen Aquarellen in Momentaufnahmen einer utopischen Gesellschaft nieder, die offenbar - entledigt von jedweder Arbeit oder materiellen Sorgen - alltägliche wie auch archaische Rituale kollektiver Glückseligkeit zelebriert. Auf den ersten Blick wirkt es, als habe die Suche nach der Insel der Seligen ihr Ende gefunden. Wie neugeboren steigen Badende aus dem Chlorwasser eines Hallenschwimmbades (Rebirth , 2001), folkloristisch kostümierte Tänzerinnen formieren sich im Kreis und halten Stäbe mit Kirchensymbolen in die Höhe (Feste, 2001), Familien und Paare versammeln sich händehaltend an Palmenstränden (Study for Costa, 2001) oder stellen sich für Erinnerungsfotos in Positur (Study for Pilgrims, 1999).


Tim Stoner, Study for Pilgrims, 1999
©Tim Stoner, London
Sammlung Deutsche Bank
Tim Stoner, Rebirth, 2001
©Tim Stoner, London
Sammlung Deutsche Bank


Die Idee zu seinen Bildern sei bei dem Besuch einer Goya-Schau in einem Museum für Druckgrafik in Marbella entstanden, erklärte Stoner im Gespräch mit Museumsleiter Rutger Wolfson: "Sie zeigten Die Schrecken des Krieges und die Stierkämpfer (ein großes Bild hier, mehrere kleinere Bilder hier, alle Bilder ganz klein hier). Ich erinnere mich daran, dass es sintflutartig regnete, als ich das Museum verließ, und ich dachte: 'Wie könnte wohl jemand solche profunde Kunst machen, die so tragisch und brutal ist, so voller Pathos – während man hier in Marbella lebt, mit dem traumhaften Wetter, tolle Sachen isst, und von wunderschönen Körpern umgeben ist? Der Gegensatz zwischen diesen tiefgründigen, aufwühlenden Kunstwerken und der idyllischen Szenerie weckte in mir den Wunsch, beides in einem Gemälde zu vereinigen."

Auf den ersten Blick wirken Stoners Freizeitparadiese nicht nur idyllisch, sondern auch so makellos und unberührt, als seien sie Bestandteil einer neuen Welt. Waren es Quäker, die im frühen 17. Jahrhundert an Bord der Mayflower die Ufer eines unbekannten Kontinents erreichten, um diesen zu besiedeln, so sind die Pilgerväter Stoners als Touristen in einer merkwürdig zeitlosen Zone angelangt, in der die "Großen Erzählungen" von Fortschritt und Humanismus ihre Bedeutung fast gänzlich verloren haben. So zeigt sein Gemälde Union (2001) die Zusammenkunft einer Gruppe von Männern mit Pilgerhüten, die in einer mysteriösen Zeremonie Stöcke zusammenhalten, an deren Enden Insignien religiösen, philosophischen und naturkundlichen Wissens befestigt sind: Engel, Teufel, Königsthrone, Krieger, Köpfe, Amoretten und Fledermäuse, die wie Totems vergangener Kulturen anmuten. Doch erscheint es, als sei diesem verschworenen Bund mit den Gesichtszügen auch die Erinnerung genommen. Wie die eigene Identität bleiben die Ursprünge des archaischen Rituals im Dunklen.

Tim Stoner, Union, 2002
©The Approach Gallery, London
Tim Stoner, Patriots, 2001
©The Approach Gallery, London


Die kollektive Inszenierung von Kultur gerät bei Stoner zum dekorativen Bestandteil einer alles umfassenden Freizeitgestaltung und erscheint als Mischung aus entfremdetem Mysterienspiel und halbherzig choreografierter Revue. Symbolische Rituale, die auch durchaus ganz alltäglich sein können, dienen der Unterhaltung und Festigung der Gemeinschaft und werden von Statisten ausgeführt, die sich als Bauern, Mägde, Akrobaten, Tänzerinnen und Eingeborene kostümieren – oder als Kleinfamilien, Geburtstagsgäste, Nachbarn und Urlauber. Auf beunruhigende Weise lösen sich in Stoners Aquarellen und Gemälden die Grenzen zwischen Alltäglichem und Geheimnisvollem, Fremdem und Vertrautem, Tatsächlichem und Repräsentiertem auf.

Es ist eine Schattenwelt, deren mutmaßliche Tiefe sich als Überlagerung zweidimensionaler Oberflächen entpuppt, beinahe so, als würde man ein 3D-Bild ohne die entsprechende Brille betrachten. " Höhlenmalerei war flach", merkt Stoner dazu an, "und die Moderne nahm erneut auf diese flächige Malweise Bezug. Sie besann sich auf die Idee einer primitiven Spiritualität, die sich in an der Oberfläche offenbart. Ohne zu sehr wie ein alter Romantiker klingen zu wollen - ich liebe diese Vorstellung, und als ich anfangs versuchte, sie in meiner Arbeit umzusetzen, war es fast zu peinlich, um darüber zu sprechen."

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