In dieser Ausgabe:
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Blick nach Osten

"Japan ist anders anders", das behauptet jedenfalls der Held in Cees Nootebooms Roman Mokusei. Er beschreibt damit die Schwierigkeit, aus westlicher Perspektive die komplexe japanische Kultur zu verstehen, die durch die unterschiedlichsten Einflüsse geprägt wurde. Doch zugleich scheint Tokio auf dem Sprung, sich zur ersten Metropole der neuen Kunst des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. So hat Francesco Bonami auf der Biennale in Venedig den japanischen Künstler Takashi Murakami als Schlüsselfigur der heutigen Kunstszene propagiert. Eine Skizze der zeitgenössischen japanischen Kunst von der Kalligraphie zum Tokyo-Pop zeichnet Margrit Brehm.

"The world of the future might be
like Japan is today – superflat"
Takashi Murakami

Ikiro in Otterloo, Kaikai Kiki in Paris, Senritsumirai in Prato, Yume no Ato in Berlin und Baden-Baden, Japan: Keramik und Fotografie in Hamburg, Weiche Brüche: Japan in Innsbruck, The Japanese Experience in Kraichtal – ein Blick auf die Programme der Museen und Ausstellungshäuser in Europa (und sogar schon früher einsetzend in Amerika) zeigt es deutlich: Zeitgenössische Kunst aus Japan ist gefragt. Natürlich könnte man die steigende Aufmerksamkeit für die Werke der jungen und jüngsten Generation japanischer Künstler als nur einen Aspekt des inzwischen den Globus umspannenden Marktes betrachten. Auch der Verweis auf die ständig wachsende Popularität von Mangas im Westen und die erfolgreiche Vermarktung der in dieser japanischen Spielart des Comics die Rolle der Protagonisten einnehmenden Fantasy-Wesen könnte als ein Argument dienen, warum Japan Europa ein bisschen näher gerückt zu sein scheint. Allein Schlagworte wie Globalität und verändertes Konsumverhalten sind zu unspezifisch, um verständlich zu machen, warum die zeitgenössische Kunst aus Japan – vor allem auch bei Künstlern – auf so großes Interesse stößt und welche Veränderungen in der Struktur des Kunstsystems, damit verbunden sein könnten.




Jiro Osuga, Coach Journey, 2001, Sammlung Deutsche Bank

Einen Hinweis, dass der Blick gen Osten als Zeichen für einen tiefgreifenden Perspektivwechsel gewertet werden könnte, gab Francesco Bonami, Kurator der diesjährigen Biennale in Venedig mit seiner Ausstellung Von Rauschenberg bis Murakami im Museo Correr. Die Verleihung des ersten Preises für Malerei der Biennale an Robert Rauschenberg im Jahre 1964, kürte den jungen Amerikaner zum "Picasso" der zweiten Jahrhunderthälfte und besiegelte, so Bonami, endgültig die Vormachtstellung Amerikas auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst. Wenn Bonami nun den japanischen Künstler Takashi Murakami als Schlüsselfigur der heutigen Kunstszene propagiert, so diagnostiziert er damit zugleich auch eine erneute Verschiebung der Gewichtungen. Murakamis Malerei steht für ihn für die Zukunft, für eine Kunstproduktion des 21. Jahrhunderts. "Murakami's canvases of cyborg and cosmic characters resonate with dynamic futuristic energy that reaches the unfathomable realm of our imagination."

Noch kann es nicht mehr als eine These sein, aber die Zeichen mehren sich, dass japanischen Künstlern eine entscheidende Bedeutung in der weiteren Entwicklung der internationalen Kunst zukommen wird. Vor rund einhundert Jahren schwelgte die europäische Kunst im Japonismus und ihr Augenmerk richtete sich hauptsächlich auf das "alte Japan" – das heute zumindest teilweise als europäische Projektion der eigenen Sehnsüchte auf ein noch weitgehend unbekanntes Land erkennbar ist. Die Faszination, die die aktuelle Kunst aus Japan heute ausübt, rührt gerade umgekehrt von ihrer vermeintlichen Zukunftsträchtigkeit her. Es sind dabei nicht nur die Werke, sondern auch die durch sie ausgelösten Diskussionen über die Möglichkeiten der zeitgenössischen Kunst, die eigene Position im Zeitalter der globalen Informationsgesellschaft zu reflektieren, und die Strategien, die die Künstler nutzen, um andere Orte und eine neue Öffentlichkeit zu finden, die das Interesse im Westen wecken.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Kunst der in den späten fünfziger und sechziger Jahren Geborenen, die die Sehgewohnheiten herausfordert, überrascht und fasziniert. Klare, flächig aufgetragene Farben dominieren figurative Malereien, deren Bildvokabular in einer ganz spezifischen Sampling-Methode Manga-Adaptionen und Hinweise auf eine persönliche Befindlichkeit mit Referenzen an die eigene und die westliche Kunsttradition verbindet.

Dieses Cross-over, das sich besonders im Tokyo-Pop und in einer Kairaku Kaiga (Malerei der Freude) genannten Kunstrichtung findet, kennzeichnet auch die japanische Fotografie. Vielleicht ist an den Werken in diesem "modernen" Medium die Ambivalenz zwischen Tradition und Innovation, zwischen Ost und West sogar noch deutlicher ablesbar, die das japanische Denken und die daraus sich ableitende Ästhetik bestimmt.


Yutaka Sone: Her 19th Foot, 1997,
Sammlung Deutsche Bank

So stehen neben häufig fast wie Schnappschüsse wirkenden Fotos, die von der Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit, dem urbanen Leben in der High Tech Society Tokio und dem sozialen Umfeld erzählen, streng komponierte Aufnahmen, die in ihrer Fokusierung auf eine menschenleere Natur oder Stadtlandschaft formale Referenzen an die tradierte "Zen-Idee" des Bildes als Zeichen aufweisen.


Tomoko Maezawa: Grass 8, 1999
Sammlung Deutsche Bank

Schon dieser erste kurze Einblick in die Produktion der japanischen Künstler heute, macht deutlich, dass es angesichts der Vielfalt der Stile und Ansätze ebenso unmöglich ist, über "die japanische Kunst" zu sprechen wie über "die deutsche" oder "die amerikanische" Kunst. Will man dennoch versuchen, einige charakteristische Merkmale zu definieren, so fällt auf, dass unabhängig vom Medium und der thematischen Ausrichtung die Mehrzahl der Werke eine sehr distanzierte Bildsprache prägt. Expressivität, Emotionalität oder gar exhibitionistische Selbstentäußerung finden sich in den Werken so gut wie gar nicht. Stattdessen beeindruckt eine spezifische Konsequenz in der stilisierten Inszenierung, die handwerkliche Meisterschaft und die manchmal fast technoid wirkende Glätte, die für westliche Augen zunächst als Widerspruch zur poetischen Kraft und spirituellen Dichte der Arbeiten erscheint, diese aber – auf den zweiten Blick – sogar noch verstärkt.


Taiji Matsue: Iran 1998, 1998
Sammlung Deutsche Bank

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