In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> Genialer Kosmopolit: Robert Wilson
>> Kunst auf allen Etagen
>> "Waterworks" in der Lobby Gallery

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Gebrauchswert: Ein Interview mit Richard Artschwager


Auf und Nieder/ Kreuz und Quer betitelt Richard Artschwager seine Schau für das Deutsche Guggenheim. Vom 10. Mai bis zum 6. Juli 2003 werden in der Ausstellungshalle in Berlin über 40 Zeichnungen, Skulpturen, Bilder und Multiples zu sehen sein, die zwischen 1965 und 2003 entstanden. Cheryl Kaplan hat Richard Artschwager in seiner Wohnung in New York besucht und exklusiv für db-art.info interviewt.


Untitled (Library), 1989
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Sammlung Deutsche Bank


Richard Artschwagers Arbeiten mischen sich ein. Man erwartet es kaum. Auf den ersten Blick scheint alles ganz offensichtlich. Doch dann schleicht sich etwas ein, die Erkenntnis, dass die Dinge, die wir vermeinen zu sehen, sich vor unseren Augen in ihre Bestandteile aufspalten. Zuerst war es Formica, dann blp und Celotex.
Richard Artschwager in his appartement
New York City 2003
Artschwagers Sprache formiert sich in einem langfristig angelegten System, welches von innen her expandiert. Sie erscheint in verkürzter Form als Ausrufe- oder Anführungszeichen in Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen. Es mag einem nicht sofort bewusst werden, aber Artschwager blendet die Dinge aus. Dass er Jahre damit zubrachte, Möbel zu bauen, ist nur ein Aspekt seines Schaffens. Von den späten Sechzigern bis Mitte der siebziger Jahre gehörte Artschwanger zusammen mit Johns, Rauschenberg, Warhol und Lichtenstein zum inneren Zirkel der Pop Art. Dennoch war er auf gewisse Weise ein Außenseiter.

Untitled (Quotation Marks), 1980
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Courtesy of Alexander Edition

Es passt, dass seine Großmutter Vorlesungen von Mendeleev, dem Erfinder des Periodensystems, besucht hat. Artschwagers Code ist jedoch auch der unsrige und er ist sehr menschlich. Es wäre einfach, seine architektonischen Zeichnungen und Gemälde als Gebäude zu begreifen. Aber Artschwager durchdringt die Dinge, indem er erkennt, was auch Wystan Hugh Auden in seinem Gedicht Musée des Beaux Arts sah:

"Über das Leiden wussten sie gut Bescheid
die Alten Meister: wie kannten sie gut
seine menschliche Rolle, dass es geschieht,
während einige essen, ein Fenster öffnen oder ziellos umherschweifen."


Richard Artschwager in his studio, 2003

Als ich gerade gehen will, zeigt mir Artschwager eine Reihe von Fotografien, welche die wandlungsfähige Beschaffenheit des blp belegen. Fügt man noch ein "i" hinzu, wird daraus eine Echoanzeige, ein Leuchtzeichen, eine Markierung (englisch: "blip"). Dieser Leuchtpunkt, oft von einem schrillen elektronischen Ton begleitet, zeigt die Position eines aufgespürten Objekts an. Als Bestandteil von Artschwagers Welt tauchte das blp 1963 in einem Notizblock auf. Er war auf der Suche nach einem "sehr festen, dichten und schwerem Nachbild". Wie Artschwager kurz anmerkt, verbrachte er viel Zeit damit, auf den Seiten von Illustrierten und Magazinen zu zeichnen, das zu tun, was Duchamp mit der Mona Lisa gemacht hat: die Dinge entstellen. Beim blp geht es gleichermaßen um Sprache, wie um Streichung und Auslassung. "Das blp wurde im Winter 1967/68 geboren, während Artschwager an der University of California, Davis dozierte" [Ingrid Schaffner, Parkett, vol.46, p.26, 1996].

Gegen Ende 1968 und in den nächsten Jahren tauchte das blp auf Kraftwerken, Museumswänden und sogar Universitätsgeländen auf. Nur vorübergehend auf Papier gezähmt, entwickelte das blp ein Eigenleben, indem es immer wieder in die Welt zurückkehrte. Gelegentlich nahm es eine verschwommene, häufig eine gummiartige Gestalt an. Während es sich wie ein Gefäß verhält, das nichts fassen kann, ist es seine Aufgabe zu stören, indem es nicht stört. Wie fast alle Arbeiten Artschwagers ist das blp diskret. Der Künstler bezeichnete es einmal als "eine sinnlose Invasion des sozialen Raums durch ein Logo-artiges, völlig nutzloses Kunstelement. Es ist klein, aber gut sichtbar und weigert sich beharrlich, seine Nutzlosigkeit aufzugeben."


Locations, 1969
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Nach einem kurzen Bad im Swimmingpool, in dem Johnny Weissmueller einst trainierte trifft Ann Artschwager Vorbereitungen für die Reise nach Europa. In vierundzwanzig Stunden werden die Artschwagers in der Bretagne landen. In Anspielung auf die englische Bezeichnung für diesen Landstrich, also "Brittany", bemerkt Richard Artschwager: "Wenn ich ankomme, schicke ich den Eltern von Britney Spears eine Postkarte. Sie müssten doch eigentlich wissen, wie man den Namen ihrer Tochter buchstabiert!"

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