In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Andrea Zittel
>> Miwa Yanagi: Die Schönheit des Kerkers
>> Nenn mich nicht Stadt
>> Neue Formen der Governance
>> Arbeit am Mythos

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Die Schönheit des Kerkers: Miwa Yanagis digitale Traumarchitekturen


Vom 31.01. bis 28.03.2004 zeigt die Deutsche Guggenheim in Berlin Arbeiten der jungen japanischen Foto-Künstlerin Miwa Yanagi. Ihre urbanen Raumvisionen offenbaren die geheime Lust an einer verstörten Realität, in der Fakten und Fiktionen miteinander verschmelzen. Maria Morais über Codes, Uniformen, labyrinthische Kerker und Frauenrollen in Yanagis digitalen Traumwelten.


Miwa Yanagi: My Grandmothers, Minami, 2000, Sammlung Deutsche Bank, © Miwa Yanagi


"Meine Sekretärinnen sind zwar total fähig, aber auch super nervig. Egal wo ich hingehe, sie spüren mich auf und bringen mich hier in dieses Zimmer zurück. Was ist denn schon dabei, wenn die Chefin in einem Stofftierkostüm ausgeht? Das ist eben mein Geschmack, und außerdem hält mich das fit." (aus der Serie: My Grandmothers, Minami, 2000)

Die jugendliche Trotzigkeit, die sich in Miwa Yanagis Begleittext zu Minami verbirgt, entspringt einer der Zukunftsvisionen junger japanischer Frauen, die von der Foto-Künstlerin für ihre Serie My Grandmothers darüber befragt wurden, wie sie sich selbst in fünfzig Jahren vorstellen. Die daraus resultierenden Phantasien sind vielfältig: Yuka (2000) rast mit einem jungen Mann auf dem Motorrad die Westküste Amerikas entlang, Regine & Yoko (2001) geben in ihrem Haus ausgelassene Parties mit Freunden, Eriko (2001) sinniert als gealtertes Model auf einem zum Laufsteg stilisierten Grab über ihre vergangene Schönheit und Minami träumt nicht zuletzt vom Erfolg. Bemerkenswert an allen Geschichten ist, dass die meisten Frauen die Zukunft als Verlängerung ihres gegenwärtigen Lebens entwerfen: sie sind durch und durch dynamische Großmütter, denen das Alter nur äußerlich anzumerken ist.



Miwa Yanagi: My Grandmothers, Regine & Yoko, 2001, Sammlung Deutsche Bank,
©Miwa Yanagi

Obgleich der Titel der Serie die Einbindung in den familiären Zusammenhang assoziiert, kommen Familie und Männer in den Visionen kaum vor. Das mag auch daran liegen, dass Miwa Yanagi (Artikel in db-art.info 12 hier) nur bestimmte Frauen und Geschichten auswählt: "Nicht jede wird in die Serie My Grandmothers aufgenommen. Meine eigenen Vorlieben sind der Schlüssel für die Auswahl. (...) Selbst wenn sie mit jemandem zusammen leben oder eine Familie haben, bevorzuge ich Frauen, die auf ihren eigenen Füßen stehen können. (...) Das entspricht meiner Idealvorstellung von Frauen." Yanagi (Interview hier) geht es um mehr als die individuellen Wünsche einer jungen japanischen Frauengeneration. My Grandmothers spiegelt in ihrer distanziert kühlen Ästhetik die aktuelle Gesellschaft Japans wider. Nach dem Ende der von Wachstum geprägten sogenannten Bubble-Economy, in der auch die Künstlerin aufwuchs, sieht sich Japan vor stetig sinkende Geburtenraten und den Verlust traditioneller Werte und Lebensentwürfe gestellt. Vor allem in den medial überfluteten Großstädten, wie Tokio und Osaka, tritt die Diskrepanz zwischen dem Früher und Heute deutlich zu Tage.


Miwa Yanagi in ihrem Studio

Mit kritisch-neugierigem Blick hat die Künstlerin, die 1996 mit ihrer Teilnahme an der Prospect`96 in der Frankfurter Schirn schlagartig bekannt wurde, inzwischen ein umfassendes Werk geschaffen, das in drei großen Foto-Serien die gelebte Realität im modernen Japan hintergründig durchleuchtet. Im Überblick wird die Zielrichtung der zugrundegelegten Recherche deutlich, die zwischen Erinnerung, Vorstellungen und Wunschbildern pendelt: Elevator Girls (1993-1999), My Grandmothers (seit 1999) und ihr neuestes Projekt Granddaughters (seit 2002) wirken wie ein Panorama unterschiedlicher Raumutopien, in dem Fakten und Fiktionen verschmelzen.


Miwa Yanagi: Elevator Girl House 3F, 1998, Sammlung Deutsche Bank, © Miwa Yanagi

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