In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Ein fröhliches Wesen:
Ein Gespräch zwischen Elizabeth Peyton und Cheryl Kaplan



Auf der diesjährigen Whitney Biennale war sie neben David Hockney der unangefochtene Star: Die 1965 geborene amerikanische Malerin Elizabeth Peyton findet die Vorlagen für ihre Gemälde in massenhaft reproduzierten Bildern. Neben Images aus Büchern, Zeitungen oder Musikvideos arbeitet sie allerdings ebenso mit eigenen, "privaten" Fotos von Freunden. Sid Vicious, Prinz Harry, Jarvis Cocker und Leonardo di Caprio: Historische Gestalten und lebende Menschen erscheinen in Peytons Werk als zerbrechliche, androgyne Wesen mit hellen Augen und scharlachroten Lippen. Cheryl Kaplan hat die Künstlerin aus der Sammlung Deutsche Bank in New York zum Exklusiv-Interview getroffen.


Elisabeth Peyton auf der Whitney Biennale, New York
Foto: © 2004 Cheryl Kaplan all rights reserved


Elizabeth Peyton trägt eine türkisfarbene Skimütze, die sie fast bis zu den Augenbrauen heruntergezogen hat, als sie die schmale Treppe zu den oberen Räumen der Galerie Gavin Brown’s enterprise hinaufsteigt. Sie erinnert ein wenig an Prince Harry in ihrem 1997 entstandenen Bild mit dem Titel Arsenal, wirkt aber glücklicher. Peyton ist zierlich und unglaublich agil, und diese Eigenschaft kennzeichnet sowohl ihre Art zu denken aus als auch ihre Art sich zu bewegen. In Sekundenschnelle hat sie im Geiste die ganze Welt umrundet, wenn man das nach den raschen Veränderungen in ihrem Mienenspiel beurteilen darf. Wenn sie dann zu reden beginnt, legt sich dieser Eindruck von einem Moment auf den anderen. Sie strahlt die Selbstsicherheit einer Figur aus einem Schelmenroman aus, einer Figur, die immer einen Blick riskiert und sich vor fast nichts fürchtet. Vielleicht ist sie das genaue Gegenteil von Estella aus Charles Dickens’ Roman Große Erwartungen: Anstatt sich von der sitzen gelassenen Miss Havisham dazu bringen zu lassen, alle Männer und alle Menschen prinzipiell zu hassen, liebt sie einfach jeden und nimmt das Übel dieser Welt gar nicht wahr.


Elizabeth Peyton: Live to Ride (E.P.), 2003
Courtesy Gavin Brown's enterprise, New York
©Elisabeth Peyton


Die Kraft von Peytons Porträts beruht auf romantischer Liebe und auf dem leisen Gefühl von Angst, das nie lange auf sich warten lässt. Ihre Porträts zeugen von Anerkennung und Freude, selbst dann, wenn sie Qualen miteinbeziehen, wie das Porträt von Kurt Cobain, bei dem sich der Kummer auf der gesamten Oberfläche des Bildes ausgebreitet zu haben scheint. In ihrem gesamten Werk lotet sie Freude und Leid genau aus, um Ironie bewusst zu vermeiden. Man schaue sich nur einmal die ganzseitige Anzeige für die Whitney Biennale an, auf der Peytons Bild Live to Ride (E. P.) beinahe in Originalgröße abgebildet ist: Man bekommt einen Eindruck, wie geradeheraus sie ist.

In ihren Bildern von Prominenten und Freunden hat Peyton eine Reihe von Helden geschaffen, die in beinahe episodenhafter Folge immer wieder auftauchen. Sie alle sind Abenteurer, denen der seltene Charakterzug der Demut gemeinsam ist, der ihnen entweder anerzogen oder später wieder eingeimpft wurde. Der amerikanische Dichter Edwin Honig schreibt in seinem Essay Dark Conceit: The Making of Allegory: "Der Held ist ein Mann von Charakter, der über ein besonderes Urteilsvermögen und Können verfügt... Ein Freund von allen Menschen, mit denen er gemeinsame Sache macht...“ Elizabeth Peytons Gemälde sezieren die Populärkultur, um die gemeinsam gemachte Erfahrung herauszustellen.



Cheryl Kaplan: Was hat Sie an der Art, wie Ihre Bilder bei der Whitney Biennale gehängt wurden, am meisten überrascht? Ihre Bilder hingen ja eingekeilt zwischen David Hockney und Jack Pierson .

Elizabeth Peyton: Ich wusste nur, dass ich neben David Hockney hängen würde. Was Jack Pierson für Bilder zeigen würde, wusste ich bis kurz vor dem Hängen noch nicht. Man kann sich Jacks Bilder mit seinen wirklich schönen Männern ansehen und dann vermuten, dass auch David Hockney etwas ähnliches macht, und dass es wahrscheinlich auch in meinen Arbeiten um diese Art von Schönheit gehen wird. Es war toll, zu sehen, dass das nicht der Fall war. Die Hängung war ziemlich hintergründig. Auf den ersten Blick schien alles so offensichtlich. Wenn man dann aber die Bilder im Original vor sich sieht, dann ist es das nicht mehr. Es war wesentlich komplexer.


Arbeit von Jack Pierson Elisabeth Peyton: David Hockney
Courtesy Gavin Brown's enterprise,
New York ©Elisabeth Peyton


CK: Mir hat dieser hintergründige Effekt gut gefallen. Glauben Sie, dass die Tatsache, dass Sie Porträts malen, auch Vergleiche mit klassischen Malern von Ingres bis Sargent herausfordert, selbst wenn Sie stilistisch mit Hockney verglichen werden?

EP: Mich überrascht es, dass diese Vergleiche zur klassischen Porträtkunst nicht viel häufiger fallen. Ich mache mir oft Gedanken darüber. Als ich noch jünger war – und weil ich eine Frau bin – hat man meine Arbeit noch nicht einmal als Porträtmalerei betrachtet. Die Leute betrachteten sie als Ausdruck der Sehnsüchte und Leidenschaften eines Teenagers oder als Obsession. Im Laufe der Geschichte haben Menschen immer wieder Menschen gemalt, die sie geliebt haben. Das ist nichts Neues und beschränkt sich nicht nur auf Frauen oder junge Menschen. Viele Männer waren ganz vernarrt in große Persönlichkeiten und haben sie gemalt. Ich habe die Hockney-Geschichte immer vorangetrieben. Lange Zeit sind die Kritiker nicht auf ihn gekommen, dann habe ich angefangen, ihn zu malen und damit zum Ausdruck gebracht, dass ich ihn wirklich sehr mag. Er beeinflusst mich sehr stark.


Elisabeth Peyton vor David Hockneys Arbeiten, Whitney Biennale, New York
Ausstellungsansicht Whitney Biennale New York: Arbeiten von David Hockney, Fotos: © 2004 Cheryl Kaplan all rights reserved


CK: Kennen Sie Hockney gut?

EP: Nein, ich habe ihn nie kennen gelernt.

CK: Es wäre schön, Sie einmal beide zusammen zu erleben. Dass Sie die Form des Porträts verwenden, verwundert viele und wirft Fragen auf, weil die Porträtmalerei eine eher antiquierte, in der heutigen Malerei eher ungewöhnliche Gattung darstellt, obwohl der Film das Porträt ja ständig einsetzt. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch zwischen Malerei und Film um?

EP: Dass Menschen andere Menschen anschauen, war schon immer eine Idee der zeitgenössischen Kunst. Warhol war der größte Porträtmaler aller Zeiten. Für mich ist Porträtmalerei nie überholt oder altmodisch. Schon als ich klein war, wollte ich immer Bilder von Menschen malen. Das war etwas, worin ich mich auskannte. Ich war immer ein bisschen zu huschig, um Film wirklich zu verstehen.


Elizabeth Peyton,Meg with a broken arm (Meg White),2003
Courtesy Gavin Brown's enterprise, New York ©Elisabeth Peyton

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