In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

>> Zum Archiv

 
Ausbruch aus dem Kunstraum:
Land Art und die Rückkehr zur Natur


Konzentrische Kreise in vereisten Flüssen, aufgeschüttete Erdhügel in den Steppen des Mittleren Westens, kilometerlange Stoffsegel an der kalifornischen Küste: Harald Fricke über die Bewegung der amerikanischen Land Art, die seit Mitte der sechziger Jahre unberührte Landschaften für monumentale und archaische Kunstwerke einsetzte, um sich gegen zivilisatorische Ängste und ökologische Ausbeutung zur Wehr zu setzen.



Filmstill aus: "Rivers and Tides: Andy Goldsworthy working with Time", Germany 2000,
directed by Thomas Riedelsheimer
©2002 The Moving Image Inc., All rights reserved

In seinen Kurzgeschichten hat der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald immer wieder ein Paradox der 20er Jahre beschrieben. Im Trubel und in der geschäftigen Hektik New Yorks sind die Menschen bei ihm so vollkommen eingeschlossen, dass sie vergessen, wie klein ihre Stadt doch im Vergleich mit dem restlichen Land ist. Denn auf der anderen Seite des Hudson River liegt noch ein ganzer Kontinent, der über Jahrhunderte von Ost nach West entdeckt und erschlossen wurde. Das wirkliche Amerika beginnt daher auch bei dem Dandy Fitzgerald außerhalb des Big Apple, dort liegt - wie schon zu Zeiten des großen Naturphilosophen Henry David Thoreau (1817 – 62) - das freie Land, von dem der einzelne New Yorker im täglichen Überlebenskampf nie etwas spürt. Für ihn ist seine Stadt das Zentrum der Welt, auch wenn sie nur einem winzigen Anhängsel des gewaltigen Kontinents gleichkommt.


Luftaufnahme: Robert Smithson, Spiral Jetty, Salt Lake Utah, 1971, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Es dauerte bis in die Sechzigerjahre, damit dieses Missverhältnis sich auch in der Kunst bemerkbar machen sollte. Auf dem Höhepunkt des Kunstbooms mit seinen Galerien und Szenen von Pop bis Minimal Art wurde einer Vielzahl von Akteuren plötzlich klar, dass es da draußen noch mehr gab als die immergleichen Partys, Eröffnungen und Verkaufsgespräche in New York. Plötzlich zog es Künstler wie Walter de Maria, Michael Heizer, Dennis Oppenheim oder Robert Smithson hinaus aufs Land, bis in die Wüsten von Nevada. Dort sollte die neue Kunst als Land Art entstehen, mit der man im Rekurs auf Natur die Probleme der Zeit sichtbar machen wollte: Umweltkatastrophen, Armut trotz Massenproduktion, Rassenkonflikte und die gesellschaftlichen Ängste angesichts des Vietnam-Kriegs – alles schien auf die Zerstörung des Planeten hinauszulaufen, gegen die sich die Land Art mit der Orientierung an archaischen Kunstformen zur Wehr setzte. Aufklärung war das Ziel - wie konnte es sein, dass Amerika zwar den Weltraum ergründete und zum Mond flog, aber über die Zustände im eigenen Land nicht Bescheid wusste?



Richard Long, A Circle in Huesca, 1994 Sammlung Deutsche Bank


Zudem galt es, sich von den etablierten Kunstströmungen abzusetzen. Minimal Art hatte sich ihren Weg bis in die Sammlung des Museum of Modern Art gebahnt und trat ab Mitte der Sechzigerjahre mit demselben autoritären Gestus und Absolutheitsanspruch auf, gegen den sich ihre Hauptvertreter wie Frank Stella oder Donald Judd kurz zuvor noch aufgelehnt hatten. Zugleich hatte auch Pop-art einiges von seiner subversiven Kraft eingebüßt und war zu einem Spielzeug der reichen New Yorker Prominenz geworden, die nun Schlange stand, damit Warhol sie auf Siebdrucken verewigte. Die neue Künstlergeneration wollte mit beidem brechen und weder akademisch noch kommerziell erscheinen. Wie aber ließ sich diese Strategie in der Höhle des Löwen umsetzen? Es blieb nur die Flucht aufs Land, zurück in eine Natur, die in der gekünstelten Atmosphäre von New York wie schon in den 20er Jahren längst aus den Augen verloren war.


Dennis Oppenheim, Annual Rings, 1968

Doch da draußen lag alles andere als ein Paradies bereit. Die Geburt der Land Art fand auf einer Terra Incognita statt: Dennis Oppenheim ging in den Norden, wo er an der Grenze zwischen Kanada und USA in bitterster Kälte mit der Kettensäge seine konzentrischen Kreise in vereiste Flüsse schnitt; Walter de Maria nutzte die Steppen des Mittleren Westens, um riesige Erdhügel zu amorphen Environments aufzuschichten; Michael Heizer ließ mit Bulldozern tiefe Furchen in die Wüste von Nevada graben, als wäre der vertrocknete Boden ein weißes Blatt Papier; und Robert Smithson entdeckte in den unwirtlichen Industriearealen New Jerseys unweit von New York eine archaische Welt der Gegenwart, in der Bagger wie Monumente einer untergehenden Kultur aussahen (dazu auch seine Schriften: Learning from New Jersey and Elsewhere, 2003). All diese Aktivitäten werden seit 1967/68 unter dem Begriff der "Land Art" kunsthistorisch gebündelt. Doch als eine Kunst der Landschaft lassen sich diese Markierungen und Installationen nur schwerlich zusammenfassen. Schließlich hat das Wort "Landscape" im Englischen selbst eine metaphorische Bedeutung, nach der Landschaft als "ein Bild von Natur" wahrgenommen wird. Von dieser Bildwerdung zeugt auch die lange Tradition der Landschaftsmalerei in den USA: Schon auf den Gemälden des 1836 geborenen Alexander Helwig Wyant sah man die Wälder entlang des Tennessee als unbesiedelte Schönheit der Natur, und auch der von Solingen nach Massachusetts übergewechselte Maler Albert Bierstadt zeigte das Yosemite Valley als unberührte Idylle, als ideales Spiegelbild unbegrenzter Möglichkeiten, die Amerika im 19. Jahrhundert noch verhieß.


[1] [2] [3]