Liebe ist noch immer der Ausgangspunkt meiner Arbeit
Nan Goldin im Gespräch mit Piotr Nathan
Seit den
frühen Achtzigern pendelt Nan Goldin zwischen New York und Berlin, wo sie
zu Beginn der neunziger Jahre den Künstler
Piotr Nathan kennen lernt. Seitdem verbindet die beiden eine enge
Freundschaft. Anlässlich ihrer Ausstellung in der Galerie Sprüth Magers
hat Nathan die Fotografin getroffen – zu einem sehr persönlichen Gespräch
über Goldins traumatische Kindheitserfahrungen, wahre Kunst und ihre neue
Abneigung gegen Blitzlicht.
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Nan Goldin, Anthony by the Sea,
Brighton, England 1979 Sammlung Deutsche Bank
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Ihr eigenes Leben steht im Zentrum von
Nan Goldins künstlerischer Arbeit. Bekannt wird die amerikanische
Fotografin Anfang der achtziger Jahre mit ihre mittlerweile legendären
Diashow
The Ballad of Sexual Dependency, benannt nach einem Song aus der
Dreigroschenoper. Dieses visuelle Tagebuch aus rund 700 Fotos,
untermalt von einem Soundtrack aus Popsongs und Opernarien, ist zuerst in
New Yorker Clubs und später auf internationalen Filmfestivals zu sehen.
Sex und Drogen, Liebesdramen und Nachtleben: Ungeschminkt schildern die
von Larry
Clark beeinflussten Bilder Goldins Leben und das ihrer Freunde. Rasch
erobern ihre an Schnappschüsse erinnernden Fotos Galerien und Museen,
viele junge Fotografen wie
Wolfgang Tillmans werden von ihrer Ästhetik inspiriert. Das New Yorker
Whitney Museum widmet Nan Goldin 1996 die umfangreiche Retrospektive
I’ll be your Mirror, die auch im Amsterdamer
Stedelijk Museum und im
Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist. In
25, der Jubiläumsausstellung der
Sammlung Deutsche Bank, ist Nan Goldin mit drei Arbeiten vertreten. Gerade
hat die Sammlung eine weitere Fotografie der Künstlerin erworben:
Anthony by the Sea, Brighton, England 1979, eine Arbeit aus der
Ballad of Sexual Dependency.

Nan Goldin und Piotr Nathan, München 2005 Foto: Skye Parrott
Piotr Nathan: Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns kennen gelernt
haben?
Nan Goldin: Das war bei einer Gruppenausstellung
in der Wewerka & Weiss
Galerie. Als ich dort rein kam, hast du mich mit einem Lächeln
angesehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. In der ersten halben Stunde
habe ich nicht gemerkt, dass du schwul bist. Ich dachte nur: Oh mein Gott,
der ist es! Ich war richtig verknallt in dich. Dein Einfühlungsvermögen,
deine Wärme und Liebenswürdigkeit, so etwas war bei Leuten damals in
Berlin sehr ungewöhnlich – auch so schnell so gebend zu sein. Ich meine
nicht diesen falschen Ich-liebe-dich-Mist. Ich wusste, das ist echt.
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Es war auch für mich Liebe auf den ersten Blick.
Wir hätten damals gleich heiraten sollen. (lacht) Es gab eine Zeit, in der ich
ganz ernsthaft ein Kind von dir haben wollte. Das war mein großer Traum.
Das war vor elf Jahren, 1994.

Simon in my bed, Paris, 2004 ©Nan
Goldin, Courtesy Galerie Sprüth Magers, Köln, München
Nan, deine Arbeiten waren immer sehr persönlich. Du fotografierst vor allem
Menschen, die dir nahe stehen. Hat sich das im Lauf der Zeit geändert?
Nein. Liebe ist noch immer der Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich fotografiere
niemals jemanden, den ich nicht liebe. Aber mittlerweile fotografiere ich
immer öfter Landschaften und halte Gefühlszustände durch Abstraktionen
fest, so wie in den Aufnahmen von Gebäuden in meiner aktuellen
Ausstellung. Sie spiegeln meine Selbstmordgedanken wider. Die Landschaften
können bedrohlich wirken, oder sie sind schön und stürmisch oder auch
einsam. das hängt davon ab, wie ich mich fühle. Oder sie transportieren
ein gefühl von Verlust.
Wenn du an deine künstlerischen
Anfänge zurückdenkst, kann eine traumatische Erfahrung auch inspirierend
sein?
Natürlich. Die meisten Künstler, die ich respektiere,
arbeiten aus einer traumatischen Erfahrung heraus oder um mit Trauma und
Schmerz, egal ob von innen oder außen, klarzukommen.

Guido in the forest, Tulles, Dordogne, 2005
©Nan Goldin, Courtesy Galerie Srüth Magers, Köln, München
Ich glaube, das Publikum liebt Schmerz.
Nein, das glaube ich nicht.
Wenn man sich gerade Sammlungen ansieht – bei vielen Arbeiten der „New
British Art“ geht es um Witze. Das Publikum liebt diese Art von
Witz-Kunst. Glaubst du
Damien Hirst verarbeitet seine Traumata? So viele populäre zeitgenössische
Kunst dreht sich allein um Witze. Diese Kunst besitzt keinerlei Tiefe. Das
sind wirklich nur zynische Witze. Künstler, die ich liebe, sind etwa die
Colorfield Painter wie
Ad Reinhardt oder
Mark Rothko, dessen Arbeit um die Frage nach der Ewigkeit kreist, oder die
deutschen Expressionisten. Ich mag
Otto Dix und
Christian Schad, die Graphiken von
George Grosz, die Arbeiten von
Schiele und die
Selbstporträts von Munch.
Diese Künstler thematisieren Schmerz und sie kritisieren die Gesellschaft.
Ich liebe
Arte Povera. Ich liebe
Richard Tuttle,
Bruce Nauman und viele Fotografen. Und
Gregor Schneider gefällt mir auch sehr. Ich mag Künstler, die sich mit
Themen beschäftigen, in denen es auch um Trauma und Schmerz geht. Ich mag
Arbeiten mit Tiefe.
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