In dieser Ausgabe:
>> Portrait Ursula Döbereiner / Kirstine Roepstorff
>> Lawrence Weiner: Interview
>> Cash Flow im Frankfurter ibc: Olaf Metzel

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Gastarbeiter
Ein Gespräch mit Lawrence Weiner


Er ist einer der Pioniere der Konzeptkunst. Anfangs arbeitete Lawrence Weiner noch mit Leinwänden, seit Ende der Sechziger ist Sprache sein bevorzugtes Medium und dient ihm als "bildhauerisches Material". Weiner verlagert die Verantwortung für die Realisierung des Werks auf den Betrachter. Erst seine Reaktion vervollständigt das Werk.

Bücher bilden einen wesentlichen Bestandteil seines Ouevres, häufig konzipiert er seine Sprachskulpturen aber auch für den öffentlichen Raum. Der New Yorker Künstler nahm 1972 und 1982 an der documenta teil. Im Deutsche Guggenheim war 2000 seine Auftragsarbeit NACH ALLES/AFTER ALL zu sehen. Cheryl Kaplan hat mit Lawrence Weiner über seine Vorliebe für anonyme Kunst, Bücher und Öyvind Fahlström gesprochen.




Lawrence Wiener: NYC MANHOLE COVER, 2004
Foto: Eddie 'MacDawg' McShane, 2004
©CyberBid Services 1999-2005

Waren Sie schon einmal in New York? Dann sind Sie dort vielleicht auch schon über eine Arbeit von Lawrence Weiner gelaufen. Der Public Art Fund beauftrage den Künstler 2000 19 Kanaldeckel zu entwerfen. Blicken Sie mal nach unten und Sie können sie noch immer entdecken. Schauen Sie nach oben - und wo immer Sie gerade auf der Welt sind, können Sie Weiners Arbeiten an Hausfassaden oder Türmen, in der Nähe eines Hafens oder, in Glas geätzt, an einem Schulgebäude finden. Sein Werk ist vielgestaltig: Kunst im öffentlichen Raum, Installationen in Galerien und Museen, Performances, Filme, Schallplatten, Projekte im Internet und Bücher gehören dazu. Manchmal schmuggelt sich eine seiner Arbeiten vielleicht sogar unbemerkt in die Innenseite Ihrer Jacke.

Unterhalten habe ich habe mich mit Lawrence Weiner beim Filmfestival in Locarno, wo er zur Jury gehörte. Der Künstler pendelt zwischen Europa und New York und bereitet gerade zwei umfangreiche Retrospektiven für 2007 vor – im Whitney Museum of American Art in New York und im MOCA in Los Angeles. Ich habe ihn auch in seinem Studio im New Yorker West Village besucht, das von Arbeiten und Planungen für jede größere Stadt auf diesem Globus nur so überquillt.



Laurence Weiners Atelierwand
Foto: © Cheryl Kaplan, All Rights Reserved.

Cheryl Kaplan: Für Ihre Arbeiten benutzen Sie Sprache als bildhauerisches Material. Bereits Aristoteles hat über Geldwert und die unterschiedlichen Formen des Tauschhandels nachgedacht, dass beispielsweise viele Schuhe für ein Haus eingetauscht werden können. Wie verhält es sich in dieser Hinsicht mit der Sprache in Ihren Arbeiten, was ist hier der Gegenwert?

Lawrence Weiner: Bezogen auf einen Tausch oder eine Gegenleistung sehe ich das so: Wenn jemand die Verantwortung für eine Arbeit von mir übernimmt, dann wird das Werk nicht nur Teil seiner Psyche, er ermöglicht auch die Kontinuität meiner Produktion. Sie wird Bestandteil der Kultur, die sich dann auch in die Richtung entwickelt, für die das Geld investiert wurde.


Lauwrrence Weiner: Installation in Madridl

Die Menschen, die an Ihren Arbeiten auf öffentlichen Gebäuden vorbeigehen, verinnerlichen diese Arbeit und nehmen sie gleichzeitig mit.

Ja, das machen sie und sie müssen dabei gar nicht wissen, wer der Künstler ist. Es ist nicht nötig, auf den Künstler hinzuweisen. Es ist wie mit den Kanaldeckeln in New York oder dem Flakturm in Wien – diese Arbeiten nehmen ihre endgültige Gestalt erst in der Öffentlichkeit an. Manchmal sprechen Leute auf der Straße, die nicht wissen, wer ich bin, mit mir über eine Arbeit, so als ob sie die Skulptur eines unbekannten Künstlers wäre.

Als Sie in den Fünfzigern nach Kalifornien getrampt sind, haben sie Skulpturen am Straßenrand zurückgelassen. Man konnte sie dort zufällig finden – so wie die Kadaver überfahrener Tiere.

Ich stelle mir immer noch vor, dass Künstler wie Johnny Appleseed oder Simon Rodia sind: du schaffst etwas in einem bestimmten Kontext und überlässt es den Menschen herauszufinden, was sie damit machen können. Ich habe das nicht als einziger gemacht. Diese Skulpturen haben Zeichen innerhalb der Gesellschaft gesetzt. Es war ein vitaler Versuch, Teil der allgemeinen Kultur zu sein.

Sie haben gesagt: "DeKooning hat herausgefunden, dass sein Leben einen größeren Wert besitzt als seine Stellung in der Gesellschaft." Wie hat diese Feststellung Ihr Denken über die Kunst verändert?



Lawrence Weiner, 2005
Foto: © Cheryl Kaplan, All Rights Reserved

Das öffentliche Engagement von Kunst spielte sich für DeKooning auf einer Leinwand ab. Für mich entstand es dagegen bei jeder Interaktion, die ich in Gang setzen konnte. Es war ein kontinuierlicher Dialog innerhalb der Gesellschaft. Dadurch realisierte ich, dass es sich bei der Kunst eher um ein Dienstleistungsunternehmen handelt und es nicht um die Fertigung von Objekten geht. Die Objekte waren nur – wie sich Daniel Buren ausgedrückt hätte – Souvenirs. Im Fall von DeKooning waren manche von ihnen absolut exquisite Souvenirs, die vom Austausch mit der Kultur seiner Zeit zeugen. Kunst zeigt materielle Realitäten auf. Und wenn du die akzeptierst, ändert sich deine Wahrnehmung der Welt. Wenn man sie ignoriert, kann man einfach fröhlich weiter seiner Wege gehen.

Welche Verbindung hatten Sie zu Jackson Pollock, Willem DeKooning und Cy Twombly?

Jeder in New York war damals beeindruckt von den Abstrakten Expressionisten. Sie waren unglaublich freigiebig. Bis in die siebziger Jahre gab es im Max’s Kansas City öffentliche Gespräche, an denen sich jeder beteiligen konnte. DeKooning war regelmäßig dabei und auch Barnett Newman. Andere Künstler von Robert Smithson über Carl Andre bis Richard Serra waren auch daran beteiligt. Pollock habe ich nie getroffen, aber DeKooning und Franz Kline. Diese Leute standen für das, was mich beschäftigte.

Sie haben sich selbst als jemand beschrieben, der seit seiner Kindheit ständig unterwegs ist.

Ich betrachte mich die meiste Zeit als Gastarbeiter. Wo immer ich eingeladen werde zu arbeiten, beschäftige ich mich mit der Kultur, die mich umgibt.



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