In dieser Ausgabe:
>> Interview: William Kentridge
>> Die Legende der zwei Inseln: Pierre Huyghe im Gespräch
>> Spiel mit der Wirklichkeit: Kunst und Theater
>> On Stage: Kunst, Raum und Inszenierung

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Im Inneren der Black Box
William Kentridge im Interview




William Kentridge in Stockholm bei den
Vorbereitungen zu Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: Petra Hellberg Deutsche Guggenheim, © William Kentridge

Die Zauberflöte, die Nashornjagd, der deutsche Völkermord an den Herero in Namibia: Mit "Black Box/Chambre Noire" erschafft der südafrikanische Künstler William Kentridge im Deutsche Guggenheim ein mechanisches, miniaturisiertes Welttheater, das zugleich Elegie auf ein Stück vergessener Geschichte ist. Cheryl Kaplan hat sich mit dem Künstler unterhalten.

Anfang dieses Jahres traf ich mich mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge im winterlichen Central Park zu einem Spaziergang durch Christos Installation The Gates. Er hatte damals gerade mit der Arbeit an Black Box/Chambre Noire, seinem Auftragswerk für das Deutsche Guggenheim in Berlin begonnen. Bekannt wurde William Kentridge vor allem durch seine Animationsfilme und die Theaterarbeit mit der Handspring Puppet Company, die in Capetown von Basil Jones und Adrian Kohler gegründet wurde. Kentridge hat auf der ganzen Welt ausgestellt, von der Biennale in Venedig (1993), dem Hirshhorn Museum (2001), dem New Museum of Contemporary Art in New York (2001) bis zum Centre Pompidou (2002), dem Castello di Rivoli (2004) oder dem Metropolitan Museum of Modern Art (2005). 1999 wurde ihm der renommierte Carnegie Prize verliehen.



William Kentridge in seinem Johannesburger Studio
bei der Arbeit an Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge

Stets sind die imaginären Charaktere in seinen Filmen und Inszenierungen von ihren Kämpfen und Verwicklungen erschöpft und auf der aussichtslosen Suche nach einer Heilung begriffen. Eine dieser wiederholt auftauchenden Figuren ist der verwöhnte Makler und Geschäftsmann Soho Eckstein, für den das Leben in Tide Table beinahe zum abrupten Stillstand kommt. Von den Filmen Weighing…And Wanting bis zu Stereoskope sieht Eckstein Königreiche kommen und gehen und ertrinkt dabei gelegentlich fast in seinen Tränen.

In Kentridges Film History of the Main Complaint (1996) liegt Eckstein schließlich im Koma, umgeben von einer Schar von Ärzten. Während der Finanzhai dahin siecht, spiegelt sich in seiner Erkrankung auch die politische Misere Südafrikas wieder. In Kentridges Filmen stolpern die zumeist mit Zeichenkohle porträtierten Charaktere immer wieder über ihre eigenen Fehler und Schwächen – festgehalten von einer Bolex-Kamera, die sie in minutiösen Einzelbildern animiert.



William Kentridge, Szenenbild aus Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge


Als Teil einer Serie von fortlaufenden Gesprächen unterhielt ich mich mit William Kentridge kurz bevor er von seinem Johannesburger Studio nach Berlin aufbrach. Während Black Box den Bogen vom Film zu Theater und zur Oper spannt, nimmt die Arbeit ihren historischen Ausgangspunkt bei dem Massaker an den Hereros, das 1905 in der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch Südwestafrika stattfand.

Cheryl Kaplan: Ihre Zeichnungen für "Black Box" verweisen auf das Theater, den Film, auf Fotografie, die Oper und das Vaudeville-Varieté.

William Kentridge: Grundsätzlich funktionieren die Filme wie vierdimensionale Zeichnungen. Manchmal bleibt die Zeichnung zweidimensional und wird als gemalter Hintergrund eingesetzt, so wie auch bei Black Box im Deutsche Guggenheim. Es gibt Projektionen auf flachen Oberflächen, die einen zeitlichen Ablauf ins Spiel bringen, der dann die Hintergründe animiert. Die Logik und die Arbeitsweise haben mit dem Zeichnen zu tun. Ich erweitere diese Möglichkeiten in die Bereiche des Filmemachens oder des Theaters. Mich interessiert, auf welche Weise das Kino und die Weiterentwicklung der Fotografie zusammentreffen können. Black Box verweist auf den Bühnenkasten des Theaters, den Experimentierraum, die "dunkle Kammer" der Fotografie, den Raum zwischen Linse und Sucher, auf die Black Box als Aufzeichnungsgerät bei Flugzeugabstürzen. Das Miniaturtheater der Black Box ist ein optisches Spielzeug, das zugleich ein Vorläufer des Kinos ist. Anstatt Akteure auf einer Bühne zu erleben, geht es hier darum, ein verkleinertes Kinder-Theater mit seiner beweglichen Maschinerie zu sehen. Auf einer formalen Ebene hat Black Box etwas mit dem Varieté des Vaudeville zu tun, das im späten 19. Jahrhundert die Ära des Kinos einläutete.



William Kentridge, Szenenbild aus Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge

Wie haben Sie sich auf die Auftragsarbeit im Deutsche Guggenheim vorbereitet?

Die Vorbereitungsarbeiten zogen sich über zwei Jahre hin, in denen ich an einer Oper nach Motiven von Mozarts Zauberflöte arbeitete, wobei ich ein Bühnenmodell im Maßstab von 1:10, Projektionen und Miniaturfiguren einsetzte. Bei der Zauberflöte geht es um die Aufklärung, ihre Beschränkungen und um jene, die nicht bereit für sie sind, wie etwa Papageno oder Monostatos. Die Zauberflöte wurde 1791 uraufgeführt, und etwa hundert Jahre später zeigten sich die Folgen der Aufklärung in der Kolonialisierung Afrikas. Auf der Berliner Westafrika-Konferenz von 1884 wurde Afrika aufgeteilt, und es wurde als ein Projekt der Aufklärung angesehen, geistige Erleuchtung in den dunklen Kontinent zu bringen. In meiner Ausstellung beziehe ich mich auf die deutsche Kolonialisierung Namibias. Ich bin dort hingereist, um den Ort zu besichtigen, an dem zwischen 1904 und 1907 die großen Massaker am Stamm der Hereros stattgefunden haben. Teile des Archivmaterials und des Filmmaterials, das in den Bergen aufgenommen wurde, wo der Völkermord stattfand, sind in die endgültige Fassung der Ausstellung eingeflossen.


William Kentridge, Szenenbild aus Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge
William Kentridge, Untitled, (drawing for Black Box/Chambre Noire), 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge


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