In dieser Ausgabe:
>> Interview: William Kentridge
>> Die Legende der zwei Inseln: Pierre Huyghe im Gespräch
>> Spiel mit der Wirklichkeit: Kunst und Theater
>> On Stage: Kunst, Raum und Inszenierung

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Die Legende der zwei Inseln:
Ein Gespräch zwischen Pierre Huyghe und Cheryl Kaplan




Dreharbeiten zu "A Journey That Wasn't", Central Park, Oktober 2005
©Copyright Cheryl Kaplan 2005. All rights reserved.

Für seinen Film "A Journey That Wasn’t" hat der Franzose Pierre Huyghe eine Eisbahn mitten in New York in ein Stück Antarktis transformiert – eine fantastische Bühne mit künstlichen Eisbergen und Pinguinen. Die Premiere des Films ist zur Eröffnung der Whitney Biennale 2006 angesetzt. "Die Reise der Pinguine" mitten in New York? Mitnichten, denn Huyghe geht es bei seinen Exkursionen um die Behauptung und Rückeroberung von Identität. Cheryl Kaplan hat ihn und seinen Kameramann Maryse Alberti am Drehort im Central Park besucht.


Pierre Huyghe, Central Park, New York, Oktober 2005
©Copyright Cheryl Kaplan 2005. All rights reserved.


Nach acht Tagen Regen gleicht der New Yorker Central Park dem Mekong Delta. Nicht gerade das, was sich Pierre Huyghe vorgestellt hatte, als er sich entschied, die dortige Eisbahn als Setting für den zweiten Teil seines Films A Journey That Wasn’t zu benutzen. Die Crew des Franzosen ist gerade damit beschäftigt, die drei High Definition-Kameras und die künstlichen Eisberge in Position zu bringen. Außerdem vor Ort: ein 40-köpfiges Orchester unter der Leitung des Komponisten Joshua Cody. Alles ist hier in Plastikfolie gehüllt, so auch die Statisten. Eine schwarze Plane bedeckt die Eisbahn.



Dreharbeiten zu "A Journey That Wasn't", das Orchester, Central Park, Oktober 2005
©Copyright Cheryl Kaplan 2005. All rights reserved.





Die Deutsche Bank sponsort A Journey That Wasn’t und wird dieses aufwendige Projekt bis zur Whitney Bienniale 2006 begleiten. Seinen Anfang aber nahm das Projekt schon im Februar 2005. Mit einer kleinen Crew brach Huyghe auf einem High-Tech-Schiff von Ushuaia in Tierra del Fuego an der Südostspitze von Argentinien zur Antarktis auf, um sich auf die Suche nach seltenen Albino-Pinguinen zu begeben. Das Projekt A Journey That Wasn’t besteht aus dieser Reise in Richtung Südpol, dem Event in New York, dem zweiteiligen Film und einer Installation. Die Arbeit des 1962 in Paris geborenen Huyghe umfasst Live Events, Installationen und Filme. Seine Werke waren schon 2001 auf der Biennale in Venedig zu sehen oder im New Yorker Guggenheim Museum, wo er 2002 den prestigeträchtigen Hugo Boss Preis gewann. 2006 werden seine Arbeiten im ARC, Musee d’Art Moderne de la Ville de Paris und der Tate Modern in London ausgestellt.



Dreharbeiten zu "A Journey That Wasn't", Central Park, Oktober 2005
©Copyright Cheryl Kaplan 2005. All rights reserved.

Cheryl Kaplan: Sie haben 2002 für die Art Basel Miami Beach ein Projekt mit Annlee, einer japanische Anime-Figur, realisiert und sogar zusammen mit dem Künstler Philippe Parreno das Copyright für diese Figur erworben.

Pierre Huyghe: Wir haben das Copyright gekauft und es wurde von einigen Künstlern genutzt, um dieser "Marke" verschiedene Stimmen zu verleihen. Dann haben wir Annlee von ihren Darstellungen getrennt, indem wir ihr das Copyright an sich selbst übertragen haben. Sogar ich darf jetzt ihr Image nicht mehr benutzen. Annlee könnte als Song oder als Buch zurückkehren, aber nicht mehr als Bild.



Pierre Huyghe, One Million Kingdoms, 2001.
Video installation with sound, Solomon R. Guggenheim Museum
©Copyright Pierre Huyghe 2004. All rights reserved

CK: In Ihren Projekten übertragen Sie die Bedeutungen und Erinnerungen häufig von einer Figur auf eine andere. Wir haben darüber gesprochen, wie Touristen Dinge von ihren Reisen mitbringen, in der Hoffnung, mit diesen Souvenirs ein Stück einer fremden Kultur zu besitzen. Und jetzt sind Sie hier im Central Park, um am zweiten Teil Ihres Antarktis-Films "A Journey That Wasn’t" zu arbeiten. Dazu haben Sie einen seltenen Albino-Pinguin von der Antarktis nach New York gebracht.

PH: Ich interessiere mich dafür, wie eine Welt in eine andere übersetzt wird, welche Bewegungen dann stattfinden und wie dabei ursprüngliche Bedeutungen verwässert oder verfälscht werden. Ich habe Zweifel am Begriff des "Exotischen", an der Faszination daran, etwas von außerhalb hierher zu bringen und daran zu glauben, dass dieses "Dort" dadurch zu einem "Hier" wird. Das Anderswo bleibt immer eine eigene Geschichte und um sie zu erzählen, muss man immer eine Entsprechung erschaffen.


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