In dieser Ausgabe:
>> 100 Jahre Villa Romana
>> William Kentridge: Black Box/ Chambre Noire

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Ein Arkadien der Moderne
Deutsche Bank Stiftung fördert Jubiläumsausstellung über die Villa Romana




Hans Purrmann, Die Villa Romana von Süden (I), 1938
Kunstverein Speyer, © VG BILD-KUNST, Bonn 2005

Charaktervolle Räume, großzügige Ateliers, ein verwunschener Garten – seit hundert Jahren ist eine Villa in Florenz Reiseziel deutscher Künstler. Fast ein Jahr können die Träger des Villa-Romana-Preises in dem spätklassizistischen Künstlerhaus leben und arbeiten. Die umfangreiche Jubiläumsschau "Ein Arkadien der Moderne?" feiert jetzt die Inspirationskraft dieses Refugiums der Kunst. Unterstützt wird die Ausstellung im Neuen Museum Weimar von der Deutschen Bank, die schon seit Ende der zwanziger Jahre eng mit der Geschichte der Villa Romana verbunden ist.


Max Beckmann, Junge Männer am Meer, 1905
Klassik Stiftung Weimar, © VG BILD-KUNST, Bonn 2005

Lässig mit einer Zigarette in der Hand posiert der junge Künstler auf seinem Selbstbildnis Florenz und blickt dem Betrachter direkt in die Augen. Der 22-jährige Max Beckmann hat allen Grund, sich hier als selbstbewusster Künstler im eleganten schwarzen Anzug zu inszenieren. Sein Gemälde Junge Männer am Meer(1905) wurde in Weimar auf der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes mit dem Preis der Villa Romana ausgezeichnet. Das Selbstporträt als Stipendiat entsteht ein Jahr später vor Ort in Florenz. So eröffnet dann auch das Fenster, vor dem Beckmann posiert, den Blick über den Garten der Villa auf die Stadt am Arno. Beide Bilder sind noch bis zum 15. Januar im Neuen Museum Weimar zu sehen – in der Ausstellung Ein Arkadien der Moderne?, die mit 180 Exponaten die spannungsreiche Geschichte der Villa Romana und ihrer Gäste erzählt.

Ernst Barlach: Sterndeuter I & II, 1909
Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck
©Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg


"Talentvollen Künstlern soll Gelegenheit gegeben werden, eine Zeitlang in Ruhe und schöner Umgebung zu arbeiten." Mit diesen Worten präsentiert Max Klinger in Weimar seine Vision eines Künstlerhauses. Der Maler, Grafiker und Bildhauer – heute vor allen wegen seiner surreal anmutenden Radierungen geschätzt – war als Sohn eines wohlhabenden Leipziger Seifenfabrikanten selbst nie auf finanzielle Förderung angewiesen. Unterstützt wird Klingers Vorhaben von dem weltläufigen Dandy und Mäzen Harry Graf Kessler, zu dieser Zeit auch Direktor des Weimarer Museums für Kunst und Kunstgewerbe. Dem Vorstand des Deutschen Künstlerbundes gefällt die Idee und so erwirbt Klinger in Florenz die 40-Zimmer-Villa an der Via Senese. Ihr von einer hohen Mauer geschützter Garten soll sich im Laufe der Jahre zu einem stimmungsvollen Refugium entwickeln. Besucher erwartet heute ein Park mit Ölbäumen und Zypressen, hohen Lorbeerhecken und einem Bambushain. Und natürlich dürfen auch Zitronenbäume nicht fehlen.



Max Klinger, Sirene, 1892/1895
Sammlung Villa Romana, Florenz, © Villa Romana-Archiv Florenz


Es sind nicht nur die antiken Monumente und die Kunst der Renaissance, die deutsche Künstler schon seit Dürer in "das Land, wo die Zitronen blühn" ziehen lässt. Wie viele seiner Zeitgenossen sucht Klinger in Italien auch nach einer anderen Art zu leben – und nach einer ursprünglicheren Natur, die in seiner Heimat im Zuge der rasant fortschreitenden Industrialisierung immer mehr verloren geht. Neben Rom entwickelt sich Florenz zum wichtigsten Anziehungspunkt für deutsche Künstler. Hier, an der Wiege der Renaissance, malt Hans von Marées seine arkadischen Akte. Hier trifft sich Klinger mit Arnold Böcklin, der im Atelierhaus eines befreundeten Künstlers seine zypressenbewachsene Toteninsel gleich in mehreren Versionen auf die Leinwand bannt.

Arnold Böcklin: Flora, die Blumen weckend, 1876
Von der Heydt-Museum Wuppertal
©Von der Heydt-Museum Wuppertal


Wesen aus der antiken Mythologie wie Zentauren und Nymphen bevölkern Böcklins Gemälde, so auch Flora, die Blumen weckend (1876), das jetzt in der Jubiläumsschau zu sehen ist. Die Göttin der Blumen, nur mit einem leuchtend roten Tuch um die Hüften bekleidet, weckt mit ihrem Harfenspiel blütenbekränzte Putten aus dem Winterschlaf. Böcklins Freund Klinger befreit sich in Italien von seiner akademisch geprägten Malweise, die lichtdurchfluteten südlichen Landschaften inspirieren ihn zu einer fast impressionistischen Malweise. Aus der Sammlung der Villa Romana präsentiert die Ausstellung sein Gemälde Sirene (1892/95). Ekstatisch umarmen sich eine Nixe und ein junger Mann, umtost vom aufgewühlten Meer. Die abgründigen, seltsam blicklosen Augen des Wasserwesens verraten, das diese innige Vereinigung für ihren Liebhaber kein gutes Ende nehmen wird.

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