In dieser Ausgabe:
>> Interview Ellen Gallagher
>> Porträt Marlene Dumas
>> Neuankäufe 2005
>> Ausstellungs-Highlights 2006

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Geheimnisvolle Haut:
Eine Begegnung mit Marlene Dumas


Sie krümmen sich vor Lust, zeigen ihre Makel und Wunden, verharren in Sehnsucht und Einsamkeit. Die zumeist weiblichen Figuren auf den Bildern der in Amsterdam lebenden südafrikanischen Malerin Marlene Dumas rühren an Konventionen, Sehnsüchten und Erinnerungen. 2005 gehörten zwei Arbeiten der prominenten Künstlerin zu den Neuankäufen der Sammlung Deutsche Bank. Oliver Koerner von Gustorf hat Marlene Dumas bei den letzten Vorbreitungen zu ihrer Ausstellung „Female“ in Baden-Baden getroffen.



Warhols Child, 1989-91
Sammlung Garnatz, Städtische Galerie Karlsruhe,
Foto Heinz Pelz, Courtesy Kunsthalle Baden- Baden

Das greisenhafte Baby treibt mit angewinkelten Armen und Beinen vor einem weiten Hintergrund, den aufgedunsenen Bauch und die Schamlippen hervorgestreckt. Seine Haut ist gräulichblau angelaufen, fast transparent, wie Pergament. Kaum geboren, nimmt es in seiner geisterhaften und verletzlichen Erscheinung schon Alter, Sterben und Tod vorweg. Der Kopf des Mädchens ist mit einem dünnen, platinblonden Haarschopf bedeckt, der aussieht, als würde eine Perücke aus dem kleinen Schädel wachsen. Warhols Child hat Marlene Dumas ihr Anfang der neunziger Jahre entstandenes Ölgemälde betitelt, das in einer Breite von drei Metern an der Wand prangt.



Untitled (Looking down), 1992
Sammlung Deutsche Bank

Auf die Frage, wie dieses merkwürdige Wesen zur Welt kam, reagiert sie belustigt: „Na ja, nachdem mein wirkliches Kind, meine Tochter, Ende der Achtziger geboren wurde, machte ich verschiedene Gemälde, für die ich Bilder von Babys als Vorlagen benutzte. Während ich mich also ganz real als Mutter um meine Tochter kümmerte, fiel mir auf, was für ein merkwürdiges Wesen sie ist. Ich beobachtete alles, was sie tat, und dabei entstanden ganz unterschiedliche Gemälde. Zugleich bezog ich mich damals in meiner Arbeit auf Künstler, die ich mag, und Warhol ist jemand, der mich sehr interessiert. Es gibt unterschiedliche Komponenten, die für meine Arbeit entscheidend sind: das Gemälde, die Person und das Porträt. Es ist gerade die Reibung zwischen diesen einzelnen Elementen, die mich anzieht. Ich begann das Gemälde nicht als Porträt von Andy Warhol oder meiner Tochter, es ist eine Mischung aus beiden. Warhol trug immer seine Perücken, und das Baby sah aus, als trüge es eine Maske – als könne man es mit jeder beliebigen Persönlichkeit ausfüllen. Zugleich ist das Gemälde eine Art Hommage an Warhol. Ich bin ein Fan, denn er ist einer der wenigen Künstler des 20. Jahrhunderts, der sich auf eine eigenwillige und sinnliche Weise mit elementaren Dingen wie Tod und Sexualität auseinandersetzt.“


Anonymous, 2005
Collection of the artist,
Courtesy Kunsthalle Baden-Baden


Während im Kurpark die Laternen angehen und in der Fußgängerzone Hochbetrieb herrscht, hallt Dumas Stimme in der menschenleeren Kunsthalle Baden-Baden nach wie in einer Kapelle. Erst vor einer Stunde ist sie aus London angekommen, um die letzten Vorbereitungen für ihre Werkschau Female in Angriff zu nehmen. Eigentlich müsste sie erschöpft sein. Doch im Gespräch ist sie konzentriert und von überwältigender Offenheit. Immer wieder wirbelt ihr langer schwarzer Mantel hoch und lässt die blond gelockte Mittfünfzigerin wie eine Dirigentin wirken, die durch jede Geste mit ihrer Umgebung und ihrem Werk kommuniziert. Peepshow-Girls in aufreizenden Posen, nackte, bleiche Kinder, geschundene Heilige, die an die Folteropfer von Abu Grahib erinnern: Dumas Bilder erscheinen wie ein dunkler Gegenpol zu der gutbürgerlichen Welt draußen – Lichtjahre entfernt von Teestunden im Brenners Parkhotel , den mit Schleifen verzierten Schachteln im Schaufenster des Chocolatiers Godiva, den pompös Auslagen der Versace Home-Collection.


Female, 1992-93, Sammlung Garnatz,
Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz,
Courtesy Kunsthalle Baden-Baden


In der große Halle im Inneren des Gebäudes bildet die 1992/93 entstandene Serie Female aus der Karlsruher Sammlung Eberhard Garnatz das Zentrum der Ausstellung. In kaltes Licht getaucht, formen 211 kleinformatige, schwarzweiße Tuschezeichnungen ein flirrendes Raster aus neben- und übereinander gehängten Porträts von Mädchen und Frauen. Dumas hat sie nach eigenen Fotografien und Medienbildern gemalt – Prominente, Vergessene, Farbige, Weiße, Alte, Junge. Allesamt verbindet sie nur eine einzige, profane Kategorie: die des weiblichen Geschlechts. Mit zart verlaufenden Konturen aus wässeriger Tusche und sparsam gesetzten Gesten lässt die Künstlerin ihre Serie als einen pathologischen Befund der Einsamkeit erscheinen.

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