In dieser Ausgabe:
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The Wrong Gallery
©Copyright Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.

Etwas versteckt findet sich inmitten der Museumssammlung eine Ausstellung der Wrong Gallery. Kuratiert wurde die Schau mit dem Titel Down by Law von Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni and Ali Subotnik, die gemeinsam für die diesjährige Berlin Biennale verantwortlich zeichnen. Eigentlich hatten die drei ein etwas abseitiges Abenteuer versprochen. Aber dann präsentieren sie doch eine cool inszenierte Schau in klassischer Hängung, für die sie sich aus der hauseignen Sammlung bedient haben – mit Werken von Andy Warhol, Chris Burden, Matthew Antezzo, Robert Mapplethorpe und Dread Scott. Es wirkt als wäre das aufmüpfige Benehmen zur Pose verkommen. Wie hatte Cattelan doch gesagt: "Früher haben wir so getan, als ob, jetzt handeln wir." Was kommt wohl als nächstes?


Es lohnte sich, einen Blick auf die Gemälde von Ed Paschke zu werfen, der auch von Jeff Koons sehr geschätzt wird. Oder die Bilder von Kelley Walker, der gerade in aller Munde ist, oder die Arbeit von Gedi Sibony, der ebenfalls schwer im Kommen ist – sozusagen eine zweite Generation von Künstlern wie Richard Tuttle oder Tom Sachs, die gleichfalls mit Fundstücken und Weggeworfenem arbeiten. Und wo wir gerade wieder bei der Spurensicherung sind – die einzig ausgebildete Kriminalfotografin auf der Biennale ist auf jeden Fall Angela Strassheim. Ihre Bildmotive schließen die eigene Großmutter im offenen Sarg ebenso mit ein wie das Spiegelbild ihres Schwagers, der seinem Sohn die Haare kämmt. In ihren sensiblen Arbeiten finden sich Anklänge an Nan Goldin, Gregory Crewdson, Dana Hoey and Malerie Marder.



Angela Strassheim, Untitled (Father and Son), 2004


Mit kriminalistischem Gespür zog das Kunstvolk von einem Tatort zum anderen: In den folgenden Tagen konnte man alle auf der Biennale erspähten Künstler, von Jeff Koons, Marina Abramovich und Doug Aitken über Gedi Sibony, Pierre Huyghe und Rirkrit Tiravanija, in Taxis steigen und quer durch die Stadt in Richtung Armory Show fahren sehen. In diesen Strom reihten sich Kuratoren, Sammler, Banker und Galeristen mit ein. Die Gesprächsthemen reichten vom Lästern über die Whitney-Biennale bis hin zur Diskussion über das Fehlen bekannter Gesichter auf der Armory. Fast jeder wunderte sich, warum so renommierte Galerien und Händler wie Marian Goodman, Sadie Coles, Daniel Reich , The Gladstone Gallery, Luhring Augustine, Andrea Rosen und Tanya Bonakdar diesmal nicht erschienen waren. Aber um der Wahrheit genüge zu tun, Barbara Gladstone wurde am Stand von Jay Jopling gesichtet, und auch Tanya Bonakdar durchstreifte die Standreihen.



Jay Joplings White Cube Gallery auf der Armory Show
©Copyright Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.

Letztendlich geht es bei der Armory Show um das Geschäft und Messechef Matthew Marks war ganz in seinem Element. Die seit über einem Jahrzehnt bestehende Veranstaltung wirkt wie ein weiteres Standbein der großen Messen in Miami, Köln, Basel oder London. 1994 debütierte die von den beiden an Krebs gestorbenen Galleristen Pat Hearn und Colin de Land gemeinsam mit Matthew Marks und Paul Morris ins Leben gerufene Schau noch als Gramercy International Contemporary Art Fair. Inzwischen ist sie ein internationales Schwergewicht unter den einschlägigen Messen. Dem Anlass entsprechend ist der Eröffnungsabend immer ein Gala-Event, bei dem der Gastgeber, das Museum of Modern Art, zugleich Spenden sammelt.


Alex Katz bei Thaddeus Ropac
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Die auf den Piers 90 und 92 direkt am Hudson River gelegene Armory Show schien erheblich mehr auf Malerei fokussiert zu sein als die Biennale; vielleicht war die Malerei hier aber auch einfach nur besser zu sehen. In jedem Fall entstand der Eindruck, als hätte jeder Stand ein Gemälde von Alex Katz im Gepäck, obwohl er bereits bei seinen Stammgalerien Thaddeus Ropac und Pace Wildenstein durchaus präsent war. Doch gab es auch jede Menge Perlenvorhänge sowie den einen oder anderen Kerzenhalter zu sehen, die man bereits auf der Whitney entdeckt hatte. Videokunst präsentierte sich hier zumeist in Form fotografischer Standbilder, wie etwa in Eve Sussmans C-Prints aus ihrem letzten Film Rape of the Sabines. Im Gegenzug gab es von Chloe Piene die winzigste Videoinstallation der Welt zu sehen, so klein, dass man sie kaum bemerkte. Jay Jopling zeigte die Goya Serie der Brüder Dinos und Jake Chapman in einer etwas größeren Variante als im letzten Jahr - neben einem der bekannten Arzneimittelschränke von Damien Hirst. Bei Jeffrey Deitch erinnerten die Monitore von Barry McGee an die Videokunst Nam June Paiks.


Barry McGee bei Jeffrey Deitch auf der Armory Show
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Die von der Lisson Gallery ausgestellte Silver Screen Door von Rodney Graham war das wohl schönste Understatement der Messe, zu dem nur die 1.500 Kilogramm schwere Silberskulptur von Anish Kapoor am selben Stand in Konkurrenz treten konnte. Eine extra-große, aus der Wand ragende Skulptur des japanischen Pop-Künstlers Takashi Murakami gab es bei der Pariser Galerie Emmanuel Perrotin zu bestaunen - eine eindrucksvolle Jagdtrophäe im für den Künstler typischen Comic-Format. Diese heldenhafte Geste stand in klarer Opposition zu den eleganteren und subtileren Arbeiten auf der Armory. Wer nach der Ochsentour noch stehen konnte, ließ auch die weniger interessanten Gegenmessen nicht aus – die Scope und die Pulse. Dabei drängten sich auf der Scope die unerfreulich unprofessionell beleuchteten Stände dicht an dicht an viel zu beengten Gängen. Man hatte eher den Eindruck auf einem Hochschulrundgang, als auf einer sorgsam ausgewählten Präsentation zu sein. Die Pulse kam anmutiger, aber auch wesentlich konservativer daher. Dort waren ausgiebige Kunstgespräche mit Sammlern die Regel, als das tatsächlich große Geschäfte getätigt worden wären. Auf der Armory hingegen drehte sich alles ums Geschäft und das brummte. Wer einen hatte, ließ sich bei seinen Expeditionen von seinem persönlichen Kunstberater begleiten. Die, die sich etwas besser auskennen, riefen einfach zu Hause an, um noch mal um Erlaubnis für den geplanten Kauf zu fragen. So ist es eben in New York.


Takashi Murakami
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Übersetzung: Oliver Koerner von Gustorf

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