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Das grausame Strahlen des Glamours: Beat Streulis Blick auf urbane Passanten



Beat Streuli, New York 01, 2002
Sammlung Deutsche Bank, (c)The Artist. Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich


Gewöhnliche Passanten erstrahlen auf seinen großformatigen Fotografien wie anonyme Stars. Seit Jahren hält die Kamera des schweizerischen Künstlers Beat Streuli in Großstädten rund um den Globus Menschen fest: Büroangestellte, Jugendliche, Jogger, Arbeiter, Manager, Hausfrauen. Streulis Bilder verleihen den Porträtierten einen überraschenden Glamour. Zugleich scheint das Teleobjektiv die Gewalt und die Wucht des Alltags erst richtig sichtbar zu machen. Brigitte Werneburg hat Streuli in seiner Wahlheimat Brüssel getroffen.



Beat Streuli, Krakow October 05, 2005
Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf und Beat Streuli

Brüssel ist grau an diesem Wochenende, an dem auch die Kunstmesse stattfindet. Doch nicht die Messe ist mein Ziel. Ich treffe Beat Streuli, der hier in der belgischen Hauptstadt seit drei Jahren lebt.

Streulis Wohnung liegt in der Altstadt, einer lebendigen Gegend mit engen Straßen, die von der üblichen Innenstadtverschönerung noch nicht erreicht wurde. "In mancher Hinsicht", so sagt er mit Blick auf die Umgebung, "ist die Stadt eine Miniaturversion von Berlin", nicht zuletzt wegen der billigen Mieten. Ein diffuser, bedeckter Himmel wie er sich jetzt über Brüssel spannt, kommt in Beat Streulis Arbeiten nicht vor. Alles bei ihm scheint in helles Licht getaucht, in beinahe kristalliner Klarheit vor dem Betrachter zu liegen. Vielleicht geht mir deshalb ein Satz des amerikanischen Journalisten James Agee durch den Kopf, den ich kürzlich las: "Der Anblick einer Straße im Sonnenlicht kann dröhnen wie eine Symphonie, vielleicht wie keine Symphonie es kann". Er trifft für mich präzise das besondere Geheimnis von Streulis Werk, die anhaltende Faszination seiner Fotografien und Videofilme. Zurzeit sind seine neuesten Arbeiten in Berlin und Leipzig zu sehen.




Beat Streuli, Martinique, o.J.
Sammlung Deutsche Bank,
© www.fiftyfifty-galerie.de

Beim Anblick einer sonnendurchfluteten Straße, bemerkt Agee weiter, verschiebe sich die Aufmerksamkeit "vom Überprüfbaren hin auf das Bestreben, einfach das grausame Strahlen dessen, was ist, zu erfassen". Nirgendwo ist dieses grausame Strahlen so genau erfasst wie im Werk von Beat Streuli. Er findet es in den Menschen, die die lichtdurchfluteten Straßen der großen Städte dieser Welt bevölkern. Im Einzelnen, den er mit dem Teleobjektiv im Strom der Massen stellt und fotografiert. Seine Aufnahmen liefern seine gültige Definition: Das grausame Strahlen heißt Glamour. Die Passanten in den Metropolen dieser Welt sehen gut bei ihm aus. Der verengte Bildausschnitt mit dem extremen Schärfeunterschied zwischen Vorder- und Hintergrund, akzentuiert ihre Erscheinung; ihr Haar glänzt im Licht, die Haut schimmert samten und ihre modische Aufmachung samt Accessoires wie teuren Sonnenbrillen, technischen Gerätschaften wie Kopfhörer und inzwischen auch Mobiltelefonen, verstärken die frische, moderne Lebendigkeit der urbanen Szenerie. Der besondere Reiz ihrer Gestik, Haltung und Mimik, auch im Kontakt untereinander, aber liegt in der Selbstvergessenheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie sich durch den Alltag bewegen.



Beat Streuli, Osaka, 2003
©Beat Streuli, 2004 und Galerie Conrads, Düsseldorf

Es ist oft genug bemerkt worden, dass Streuli den Menschen, die er ja insgeheim aufnimmt, wohl gesonnen ist. In den hellen, aufgeräumten und nüchternen Wohnräumen, in denen ein üppiges modernes Polstermöbel Bequemlichkeit signalisiert, räumt Beat Streuli ein, dass seine Bilder einen hohen Wiedererkennungswert haben. "Ich denke, es ist mein empathischer Blick. Man merkt immer, dass da ein gewisses Kribbeln ist, eine Faszination. Eigentlich ist es schwer festzumachen, warum man ziemlich schnell weiß, dass es ein Streuli ist, wenn man irgendwann eines meiner Fotos sieht."



Beat Streuli, Osaka, 2003
©Beat Streuli, 2004 und Galerie Conrads, Düsseldorf

Diese empathische Haltung führt aber nicht zu psychologischen Porträts. Beat Streuli blickt durchaus mit einer gewissen Gleichgültigkeit in den Stadtraum, in dem Menschen, Architektur, Verkehrsmittel und Werbung ein dicht verwobenes, interagierendes Oberflächenmuster bilden. Auf dieser Oberfläche entsteht das "grausame" Strahlen des Glamours, den Beat Streuli in seinem Werk festhält.



Beat Streuli, New York, New York, 2000/2002
Sammlung Deutsche Bank,

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