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Eine Amerikanerin in Rom
Carrie Mae Weems im Interview



Ihre Fotoarbeit Missing Link, Liberty lieferte das Titelmotiv für das Katalogmagazin Visuell Blind Date, das im Sommer dieses Jahres die Neuerwerbungen der Sammlung Deutsche Bank präsentiert. Und gerade hat Carrie Mae Weems als Stipendiatin der American Academy in Rom eine neue Fotoserie und ihren Film Italian Dreams vollendet. Grund genug für Cheryl Kaplan, sie in ihrem Atelier in Rom zu besuchen und sich mit der Künstlerin über Madonnenfeste, Fellinis Frauen und Gentechnik zu unterhalten.


Liberty, aus "Missing Links", 2004,
Sammlung Deutsche Bank, © Carrie Mae Weems 2004


In mancher Hinsicht gleicht die Filmemacherin Carrie Mae Weems der Titelfigur von Woody Allans Zelig (1983). Das Alter Ego des Regisseurs taucht in diesem Film in entscheidenden historischen Augenblicken auf, um sich dann wie ein Chamäleon wieder in jemand anderen zu verwandeln. Während sich die Auftritte von Zelig auf die 20er und 30er Jahre beschränken, konzentriert sich Weems auf einen viel weiter gefassten Zeitraum und auf eine besondere Mission. In ihren Fotografien, Filmen und Installationen geht es vor allem darum, Themen wie ethnische Herkunft und Geschlecht kritisch zu reflektieren.



Carrie Mae Weems in Rom,
Foto Cheryl Kaplan, ©. Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved

Zelig und Weems zeigen, in welchen Situationen sich Toleranz in Intoleranz verwandelt. Auf seiner Suche nach sich selbst übernimmt Zelig, als "menschliches Chamäleon" gewissermaßen, gelegentlich die Identität seines Gegenübers. So zeigt er sich als Präsident Woodrow Wilson oder als Baseballlegende Babe Ruth. Zu den Figuren von Weems gehören Thomas Jefferson, der dritte amerikanische Präsident, und seine Geliebte, die Sklavin Sally Hemings. In ihrer Installation The Jefferson Suite (1999) verarbeitet sie Forschungsergebnisse von Dr. Eugene Foster, die er in der Zeitschrift Nature veröffentlicht hatte. Danach kommt Thomas Jefferson als möglicher Vater von mindestens einem von Sally Hemings Kindern in Frage.



The Jefferson Suite, Detail, 1999

Weems überdimensionale Fotografien, die auf einen durchsichtigen Musselin-Stoff gedruckt sind, zeigen eine "genetische Wahrheit". Die Installation wird von einer Komposition und einer Erzählung mit dem Titel Let the Record Show begleitet. Mit Genforschung beschäftigt sich die Künstlerin schon seit ihrem Studium. In einem Großteil ihres Werkes, das um Themen der sozialen Ungerechtigkeit und der Diskriminierung kreist, wird die vermeintliche Objektivität und die gesellschaftliche Funktionalisierung von DNA-Analysen immer wieder in Frage gestellt.

Die Protagonisten in Weems Arbeiten, zu denen oft auch die Künstlerin selbst zählt, sind in der Vergangenheit angesiedelt, aber mit der Fähigkeit ausgestattet, politischen Einfluss auszuüben. Ein aussagefähiges Beispiel ist Missing Link, 2004, eine Serie von sechs Fotografien, darunter zwei Iris-Drucke, die vor kurzem von der Sammlung Deutsche Bank erworben wurden. Auf beiden Fotografien sind Figuren zu sehen, die an Darsteller aus einer Minstrel-Show erinnern, eine trägt eine Esels-, die andere eine Elefantenmaske. Die Szenen erinnern an den Mardi Gras in New Orleans, der wiederholt in den Arbeiten von Carrie Mae Weems auftaucht.

Carrie Mae Weems wurde 1953 als Tochter eines Kleinbauern in Portland, Oregon, geboren und engagierte sich in ihrer College-Zeit gewerkschaftlich in einer Bekleidungsfabrik. Sie gehört zu den Vertretern einer neuen politischen Kunstrichtung, die sich mit Identitätsfragen auseinander setzt. Als bildende Künstlerin erlangte sie Mitte der 80er Jahre mit Ausstellungen am Museum of Modern Art in San Francisco und dem International Center of Photography in New York Berühmtheit. In diesem Jahr wurde sie mit den renommierten Rome Prize der American Academy ausgezeichnet.


The Jefferson Suite, Detail, 1999


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