In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

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"Ich lebte immer in zwei Welten"
Ein Gespräch mit Yehudit Sasportas



Ihre Zeichnungen sehen aus, als wären die Landschaftsgemälde Caspar David Friedrichs in ein modernes High-Tech Szenario transformiert worden. In gestochen scharfen, filigranen Konturen zeichnen sich einsame Waldstriche, tote Baumriesen und vereiste Bergketten ab, spiegeln sich in dunklen Gewässern oder werden von Linienrastern durchzogen, die an die Strichcodes von Verpackungen erinnern. Auf den ersten Blick oszillieren die Arbeiten von Yehudit Sasportas zwischen Natur und Architektur, ökologischer Katastrophe und romantischer Utopie. Tatsächlich geht es der 36-jährigen israelischen Künstlerin jedoch nicht um die Darstellung von Natur, sondern um eine Topographie der menschlichen Psyche, die Auseinandersetzung mit existenziellen Abgründen des Unterbewussten, die unsere Wahrnehmung der Realität prägen. Im Laufe des letzen Jahrzehnts hat Sasportas ein ausgefeiltes Zeichensystem entwickelt, in dem autobiographisches Material auf minimalistische und analytische Strukturen trifft. Das Ergebnis sind Zeichnungen, Gemälde und Installationen, die wie psychologische Räume funktionieren, die der Betrachter mental oder physisch durchwandern kann. 2007 wird Sasportas den Israelischen Pavillon auf der Biennale bespielen. Andrea Scrima hat die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier getroffen und sich mit ihr über Postmoderne, Kindheitserinnerungen und hybride Organismen unterhalten.


Yehudit Sasportas
Foto: Yehudit Sasportas


Andrea Scrima: Früher sind Sie viel zwischen Deutschland und Israel gependelt, inzwischen haben Sie noch Ihr Atelier in Tel Aviv, aber leben fast ganz in Berlin. Wie beeinflusst das Leben hier Ihre Arbeit?

Yehudit Sasportas: Nach Deutschland zu ziehen, war eine gute Entscheidung. Tel Aviv ist ein sehr intensiver und schnelllebiger Ort, wie ein Auto, das so schnell fährt, dass es die Bodenhaftung verliert. Die Sonne strahlt mit voller Kraft, sobald sie aufgeht. In Berlin kann ich mich viel besser in meine Arbeit vertiefen. Hier wird es im Winter kaum hell; das Licht in Dezember ist unglaublich, und das erzeugt einen völlig anderen Energiefluss, der sich sehr positiv auf meine Arbeit auswirkt. Was meine Zeichnungen anbetrifft, widme ich mich hier viel eher grundsätzlichen Fragen. In Israel stehe ich ständig unter großer Anspannung. Durch die Intensität des Lichtes wirkt dort alles viel kontrastreicher und meine Zeichnungen sind dann eher schwarz-weiß und auch konzeptueller. Berlin macht meine Arbeit weicher und reflektierter; es entsteht ein ganz neues Spektrum von Grautönen.



Yehudit Sasportas
"The Ink Rain", 2006
Sammlung Deutsche Bank

2007 werden Sie den Israelischen Pavillon auf der Biennale bespielen. Gerade sind Sie aus Israel zurückgekehrt, wo bereits skulpturale und architektonische Elemente ihrer Installation hergestellt werden während andere Teile Ihrer Arbeit hier in Berlin entstehen. Beeinflusst dieser Wechsel zwischen zwei verschiedenen Orten die Entwicklung Ihrer Arbeit?

Es führt dazu, dass ich mich auf ganz besondere Weise auf die Arbeit konzentrieren muss. Ich muss die verstreuten Elemente der Installation miteinander in Beziehung setzen und mit bedenken. Gleichzeitig gewinne ich aber eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven. Dieser Prozess spiegelt eine gespaltene Denkweise wieder, die sehr charakteristisch für mich ist, wie eine Koexistenz zweier Stimmen in einem einzigen Menschen. Das Leben an zwei so unterschiedlichen Orten unterstützt diese Gespaltenheit auf produktive Weise.



Yehudit Sasportas
"The Shadow's Wall", 2006
courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin

Wenn man an vielen verschiedenen Orten ausstellt, muss man auch viel reisen, um sich mit den jeweiligen Räumen, mit denen man arbeitet, vertraut zu machen. Dabei entsteht allmählich ein gewisser Drang, ins Atelier zurück zu kehren. Wie ich mich im internationalen Ausstellungsreigen behaupten und dennoch die originäre Aura meiner Kunst bewahren kann, entwickelte sich beinahe zu einer philosophischen Frage für mich. Der Hauptteil meiner Arbeit besteht aus Handwerk, ich mache alles mit meinen Händen. Als ich für die Realisation einer Rauminstallation anfing, mit einem 3D-Computerprogramm zu arbeiten, fand ich diese für mich völlig neue Annäherung an die Technologie faszinierend. Ich nutze die Software als Instrument, meine Installationen von oben zu betrachten, ihre Bestandteile zu ergründen. Für den israelischen Pavillon in Venedig schufen wir ein 3D-Modell des Ausstellungsraumes am Computer. Dann begann ich, kleine Modelle meiner Arbeiten anzufertigen, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden gut dorthin passen; diese entwickelten sich aus einem sehr intuitiven Arbeitsprozess.

The Guardians of the Threshold, Ihre Installation für den israelischen Pavillon, besteht aus einem komplexen Arrangement aus Skulpturen, Projektionen und Gemälden, die auf bewegliche Wände aufgezogen werden. Diese architektonischen Elemente treten in einen Dialog mit der modernistischen Architektur des Gebäudes. Gleichzeitig setzen Sie eine Dehnbarkeit der Raumkonzepte voraus, eine Umkehrung von innen und außen, Kontinuität und Diskontinuität. Können Sie das Konzept dieser Arbeit erklären?

Der Pavillon ist ein Bauhaus-Gebäude aus den fünfziger Jahren, von Zeev Rechter und seinem Sohn Yaacov, zwei berühmten israelischen Architekten. Es hat drei Stockwerke, deren Wände tiefblau gestrichen werden. Architektonische Elemente, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und eine Klanginstallation erzeugen eine sehr dramatische Atmosphäre. Auf subversive Weise interagieren die verschiedenen Komponenten der Installation mit der Architektur des Gebäudes. Klare räumliche Kategorien wie Eingang und Ausgang, Innen und Außen werden in Frage gestellt. Im zweiten Geschoss befindet sich ein sechs Meter breites Tor mit Flügeln, die auf Schienen gleiten. Bilder auf beweglichen Paneelen öffnen sich in ein Nichts. Daneben befindet sich eine Projektion, die ein Fenster suggeriert, durch das man auf eine gemalte Landschaft blickt. Es ist ein hochformatiges Bild, das an Caspar David Friedrich erinnert. Das Licht auf diesem Bild kommt von nirgendwo her, es ist eine Illusion. Es ist sehr wichtig für diese Arbeit, dass die Quelle dieses Lichts ein weiteres Nichts ist. Die Fensterprojektion zeigt eine Sumpflandschaft am frühen Morgen, es liegt ein leichter Nebel über allem. Das Bild ist zweideutig: es könnte der erste Morgen nach einer ökologischen Katastrophe oder einem Krieg sein oder auch eine wunderschöne Utopie. In meinen Zeichnungen und Gemälden geht es häufig um zwei Realitätsebenen, die gleichzeitig existieren. Konzeptuell funktioniert die Arbeit wie eine Ellipse; es gibt zwei Schwerpunkte, Architektur und Natur. Beide funktionieren wie psychologische Räume, wie Strukturen des Selbst.



Yehudit Sasportas
"Koudin", 2006
Sammlung Deutsche Bank

Das erinnert an diese ganz feine Grenzlinie zwischen Spiegelung und "Realität", die man auf Ihren Zeichnungen sieht. Es gibt da diese kaum wahrnehmbaren Übergänge, wie etwa auf Ihrem Diptychon Koudin von 2006, das jüngst für die Sammlung Deutsche Bank erworben wurde.

Die Beziehungen zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein sind ein zentrales Motiv meiner Arbeiten. Ich untersuche dabei die Wurzel der Dinge: die Verletzungen, verborgene Gefühle und Erinnerungen. Von Zeit zu Zeit dringen sie empor, wie eine andere Realität, die beständig unter der Oberfläche existiert, wie eine andere Person, die unser Verhalten kontrolliert, ohne dass wir es wissen. Das Unbewusste schafft eine Art Filter, durch den wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Wenn man einen Fleck auf der Brille hat, überlagert er alles was man sieht, bis man die Ursache erkennt und den Fleck entfernt.


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