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Künstlerhaus mit Aussicht:
Angelika Stepken über die Wiedereröffnung der Villa Romana in Florenz



2005 feierte die Villa Romana in Florenz ihr 100-jähriges Bestehen. Bereits seit 1905 beherbergt die Villa auf den Hügeln über Florenz die Preisträger des ältesten deutschen Kunststipendiums. Ausgeschrieben wird es vom Villa Romana Verein, dessen Arbeit seit langem von der Deutschen Bank gefördert wird. Nicht nur Gustav Klimt oder Max Beckmann fanden hier Ruhe und Inspiration, sondern auch Georg Baselitz oder Jungstars wie Amelie von Wulffen. Nach einer umfassenden Sanierung startet die ehrwürdige Institution nun mit neuer Leiterin und neuem Programm in die Zukunft. Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit Angelika Stepken über Pläne und Perspektiven für ihr Haus unterhalten.



Angelika Stepken bei der Eröffnung der Ausstellung
"Collier Schorr - Forests & Fields" im Badischen Kunstverein,
Foto Courtesy Collier Schorr

Als die Preisträger der Villa Romana im November 2006 ihre Koffer packten, ging eine Ära zu Ende. Denn mit ihnen nahm Joachim Burmeister Abschied von dem Haus, das er über dreißig Jahre geleitet hatte, länger als jeder seiner Vorgänger. Es war Burmeister zu verdanken, dass das Künstlerhaus in den siebziger Jahren neu belebt wurde. So sanierte und eröffnete er damals Gastateliers und den Ausstellungsraum der Villa Romana "Salone" und beherbergte in der von Max Klinger erworbenen Villa Künstler, die Geschichte schrieben, oder in den folgenden Jahren zu Ruhm und Ehre kommen sollten. Markus Lüpertz malte hier angeblich seinen ersten Stahlhelm, Martin Kippenberger fand hier ein temporäres Zuhause. Zu den Stipendiaten gehörten Johannes Brus oder Katharina Grosse wie auch Anne und Patrick Poirier, Marina Abramovic oder die Videokünstler Marcel Odenbach und Ulrike Rosenbach.

Nun hat eine Frau die Leitung übernommen. Wenn die vier jüngsten Stipendiaten Andrea Faciu, Barbara Kussinger, Silke Markefka und Michail Pirgelis im Mai in Florenz ankommen, werden sie von Angelika Stepken empfangen. Die 1955 geborene Kritikerin und Kuratorin blickt auf zahlreiche internationale Ausstellungen zurück und leitete ab 1998 den Badischen Kunstverein in Karlsruhe, wo sie mit ihrem diskursiven und kritischen Programm auch außerhalb Deutschlands für Furore sorgte.



Die Villa Romana in Florenz
Foto: Michael Danner

Oliver Koerner von Gustorf: Frau Stepken, Sie haben als Leiterin des Badischen Kunstvereins in Karlsruhe eine Menge bewegt und dort ein sehr progressives Programm lanciert, wie etwa die Reihe "Kritische Gesellschaften". Sie haben es geschafft, den Verein als einen der interessantesten Kunstorte in Süddeutschland zu etablieren. Wie kam es zu der Entscheidung, zur Villa Romana zu wechseln?

Angelika Stepken: Praktisch gesehen war mein Vertrag in Karlsruhe – wie es auch mein Vertrag in Florenz nun ist – ein befristeter. Ich musste mich also fragen, wie es weitergeht. Als ich die Ausschreibung der Villa Romana las, habe ich dazu meine Fantasien entwickelt. Ich habe gedacht, dass ich hier in Florenz die Chance habe, eine Institution programmatisch wieder neu zu profilieren, mit Künstlern zusammenzuarbeiten und ein Vermittlungsprogramm zu entwickeln.



Im Garten der Villa Romana
Foto: Michael Danner

Was hat Sie dabei am Standort Florenz besonders gereizt?

Zum einen habe ich wie so mancher ein bisschen italienische Geschichte in meiner Biografie. Ich habe hier bereits vor dreißig Jahren für eineinhalb Jahre gelebt. Es war aber in erster Linie nicht der Standort Florenz sondern die Einrichtung Künstlerhaus die mich interessierte – die lange Tradition, die die Villa Romana auszeichnet, und die Frage, wie man eine solche Institution heute weiterführen kann.


Ihr Vorgänger Joachim Burmeister hat ja nicht nur ein Lebenswerk sondern auch eine Menge von Legenden hinterlassen, die vor allem aus den Siebzigern und Achtzigern stammen. Markus Lüpertz und Georg Baselitz waren Stipendiaten, Michael Buthe feierte hier rauschende Feste, später kamen Künstler wie Marcel Odenbach oder Karin Sander. Dennoch befand sich die Villa Romana gerade in den letzten Jahren ein bisschen im Dornröschenschlaf. So wurde zum Beispiel erst jetzt eine Internetseite eingerichtet. Welche Teile dieses Erbes werden Sie übernehmen, was wird sich ändern?

Auch wenn ich in meiner Arbeitsweise ganz anders orientiert bin als Herr Burmeister, profitiere ich natürlich von seinem Lebenswerk und seinen Visionen, davon, dass er es geschafft hat, dass die Villa Romana nach wie vor ihren Mythos produziert hat. Ich begegne, seitdem ich den Job übernommen habe, unendlich vielen Leuten, von denen ich gar nicht geahnt habe, dass sie mit der Villa eine Geschichte verbindet, sei dies ein Stipendium, eine Ausstellung, Besuche oder Feste.


Auch wenn es um die Villa Romana in den neunziger Jahren etwas stiller wurde, ist sie nicht in Vergessenheit geraten. Was ich beibehalten werde und auch beibehalten muss, ist eine gewisse Exklusivität, die ja zugleich eine große Qualität dieses Hauses ist. Die Villa Romana liegt nicht in Los Angeles oder in London, sondern ist eine Villa des 19. Jahrhunderts in Florenz, einer Stadt, in der es sonst kaum Orte für zeitgenössische Kunst gibt. Es gilt also gerade wegen der Besonderheiten des Standorts, die Institution mit all ihren Qualitäten international zu vernetzen.



Die Villa Romana in Florenz
Foto: Michael Danner

Wie wollen Sie das machen?

Es gibt verschiede Ansätze für eine Neuprofilierung. Das beginnt mit ganz pragmatischen Überlegungen, die bereits bei der Sanierung eine Rolle spielten. So werden wir im Erdgeschoß einen öffentlichen Bereich einrichten. Bislang gab es nur den sogenannten "Salone Villa Romana", wo Ausstellungen gezeigt wurden. Ein weiterer sehr schöner Ausstellungsraum wurde nun im Gartensaal eingerichtet, daneben liegt mein Büro. So wird schon beim Betreten der Villa deutlich, dass das Haus keine "geschlossene Anstalt" ist, sondern sich nach außen vermitteln will. Gemeinsam mit dem Vorstand wurde außerdem beschlossen, dass in einer Art "Pilotprojekt" das Auswahlverfahren für die Stipendien modifiziert wird, um das Profil des Preises zu schärfen.

Das gilt allerdings erst ab kommendem Jahr.

Genau. Die Stipendiaten, die jetzt im Mai zu uns kommen, wurden noch nach dem alten Verfahren gewählt. Es soll in Zukunft eine kleinere Jury geben, die vier junge Künstler benennt, für die es Sinn machen würde, sechs bis zehn Monate lang in Florenz zu arbeiten und gegebenenfalls auch miteinander zu kooperieren. Die Juroren werden dann im Folgejahr auch zu Lectures oder Workshops in die Villa geladen. Und es gibt noch eine Neuerung. Die Stipendiaten, die hierhin kommen, haben in Zukunft auch die Möglichkeit, selbst internationale Gäste einzuladen. Es gibt im zweiten Stock kleine Gästezimmer, die auch von Herrn Burmeister Künstlern und Reisenden zur Verfügung gestellt wurden. Die sollen weiterhin gastfreundlich genutzt werden, aber etwas enger orientiert an der inhaltlichen Arbeit der Villa. Die Preisträger können andere internationale Künstler für kürzere Aufenthalte vorschlagen, aber auch Wissenschaftler, Architekten, Philosophen – je nachdem um welche Themen oder Diskurse es ihnen bei ihren Arbeiten geht. Darüber hinaus sollen sie im Anschluss an ihren Aufenthalt in der Villa Romana eine Ausstellung in Deutschland bekommen, sei es in einem Kunstverein oder einer anderen Institution. Es wird nicht darum gehen, die Preisträger statisch, der Reihe nach vorzustellen, sondern um projektbezogene Ausstellungen, die darüber Rechenschaft ablegen, woran hier in Florenz gearbeitet, worüber kommuniziert wurde. Dementsprechend soll auch die Publikation eher die Form eines Readers oder eines Arbeitsbuches annehmen. Es gibt allerdings eine Neuerung, die bereits die Stipendiaten dieses Jahres betrifft – sie werden während der glühendheißen Augustwochen in den Genuss einer Sommerfrische kommen und zwar in Bolgheri. Das ist ein sehr kleiner Ort mit ca. 35 Häusern und acht Restaurants, eine halbe Stunde südlich von Livorno gelegen. Dort liegt der Besitz der Familie Incisa, die die Stipendiaten der Villa Romana einlädt, einige Wochen in einem kleinen Schloss zu logieren und zu arbeiten, das sehr abgelegen auf einem Berg über der Küste liegt. Wenn alles klappt, wollen wir diese Kooperation gerne auch im nächsten Jahr fortführen. Natürlich ist es toll, in Ruhe in solch einem Schlösschen zu arbeiten und Zugang zum Privatstrand zu haben. Aber es geht auch um eine gewisse Vernetzung. Denn in diese Gegend zieht es in den Sommermonaten auch die diskrete High Society der Toskana, und wenn es am Ende des Monats eine kleine Präsentation in der ehemaligen Dorfschule gibt, mag das interessante Begegnungen ermöglichen.



Blick von der Terrasse
Foto: Michael Danner

Wie sieht es mit den Ausstellungen in der Villa Romana aus?

Ich werde natürlich auch bei den Ausstellungen im Haus neue Akzente setzen. Ich möchte ein relativ autonomes, internationales Ausstellungsprogramm kuratieren soweit es im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Villa liegt.

Können Sie bereits etwas über das geplante Programm erzählen?

Die offizielle Wiedereröffnung ist erst am 7. September. Ich habe konkrete Pläne, aber die möchte ich noch nicht mitteilen, bevor nicht alles unter Dach und Fach ist. Die Räume sind nicht riesig groß, gerade mal 100 Quadratmeter. Aber ich bin sicher, man kann da sehr schöne Ausstellungen machen – mit internationalen Positionen, die ich sehr schätze, die aber auch für Florenz von Bedeutung sein könnten. Es gibt hier nur wenig Orte für aktuelle Kunst, aber durchaus Künstler, Kritiker und natürlich die Kunstakademie. Die Aufmerksamkeit für die Villa Romana ist in einer Stadt wie Florenz relativ groß – und auch die Erwartungen. Eine sehr ambitionierte Kunsthalle, von Sergio Risaliti initiiert, musste letztes Jahr nach gerade mal zweijähriger Laufzeit wieder schließen. Offenbar gibt es seitens der Kommune kein großes Interesse, die zeitgenössische Kunst zu unterstützen.

Und Sie müssen diese Rolle nun ausfüllen?

Ich sage es mal so: Die Villa Romana ist natürlich keine Kunsthalle, und ich bin ein Ein-Frau-Betrieb mit Praktikantin, aber in genau diesem Umfeld will ich die Ausstellungen positionieren.