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Begegnungen am Bosporus:
Blind Date Istanbul präsentiert Neuerwerbungen der Sammlung Deutsche Bank



Orient trifft Okzident: Die Ausstellung "Blind Date Istanbul" wagt ein ungewöhnliches Experiment und kombiniert aktuelle Neuankäufe für die Sammlung Deutsche Bank mit osmanischen Kalligraphien der berühmten Sakip Sabanci Sammlung. Im historischen Ambiente einer ehemaligen Villa direkt am Bosporus trifft Franz Ackermann auf Mustafa Rakim oder Eva Hesse auf Hasan Riza.



Franz Ackermann, Ohne Titel (mental map: bayview), 1994
Sammlung Deutsche Bank



Mustafa Rakim, Ohne Titel, Kalligrafisches Wandtableau
spätes 18. - frühes 19. Jahrhundert,
Sakip Sabanci Müzesi


Mitten in Istanbuls Viertel Emirgan liegt die ehemalige Residenz des Industriellen Sakip Sabanci. Die von einem prächtigen Garten umgebene Villa dient seit 2002 als Museum für osmanische Kalligraphie. Jetzt ist in dem historischen Anwesen mit Blick auf den Bosporus die Schau Blind Date Istanbul zu sehen - eine der wohl ungewöhnlichsten Ausstellungen, in denen sich die Sammlung Deutsche Bank je präsentiert hat. Denn Blind Date Istanbul verlässt die Pfade konventioneller Kunstvermittlung und wagt ein Experiment: In knapp fünfzig Paarungen, kuratiert von Nazan Ölzer und Dr. Ariane Grigoteit, begegnen sich osmanische Kalligrafien und überwiegend abstrakte Arbeiten aus der weltweit größten Unternehmenssammlung zu einem Dialog, in dem sich Kunst der Gegenwart und Vergangenheit, Orient und Okzident sowie Stadt- und Sammlungsgeschichte begegnen.



Francis Alÿs, Ohne Titel (aus When Faith Moves Mountains), 2002
Sammlung Deutsche Bank



Faik, Ohne Titel, Kalligrafisches Wandtableau, 1903
Sakip Sabanci Müzesi



Ganz bewusst wurde für diese Schau Istanbul gewählt. Europa und Asien sind am Bosporus nur 660 Meter voneinander entfernt und die Stadt ist seit vielen Jahrhunderten Schauplatz eines regen Austauschs zwischen Ost und West. Dabei ist die boomende Metropole nicht nur das wirtschaftliche sondern auch das kulturelle Zentrum der Türkei. Die moderne 16-Millionen-Stadt hat mehr zu bieten als die Zeugnisse einer glanzvollen Geschichte wie etwa die Hagia Sophia oder den Topkapi Palast. In den letzten Jahren setzt man hier verstärkt auf Gegenwartskunst. Die international vernetzten Kunstakademien Istanbuls werden durch eine Reihe bedeutsamer Neugründungen unterstützt: Nach der Eröffnung des Istanbul Modern 2005 als erstem Museum für zeitgenössische Kunst folgte im vergangenen Jahr die Initiierung einer höchst erfolgreichen Messe mit aktueller Kunst und im Szene-Viertel Beyoglu haben sich zahlreiche junge Galerien etabliert. Die Istanbul Biennale gilt als eine der renommiertesten und feiert gerade ihre 10. Ausgabe. Dass die Stadt immer stärker als lebendiges Kunstzentrum wahrgenommen wird, ist auch der Initiative von Sammlern zu verdanken. Das Sabanci Museum wird privat finanziert und das schnell zum Anziehungspunkt der internationalen Kunstszene avancierte Istanbul Modern wird von der Familie Eczacibasi betrieben.



Eva Hesse, Ohne Titel, 1961
Sammlung Deutsche Bank

Hasan Riza,
Physische Eigenschaften des Propheten Mohamed, 1905
Sakip Sabanci Müzesi

Auf diese Aufbruchstimmung reagiert die Sammlung Deutsche Bank. Im vergangenen Jahr hat sie als Hauptsponsor die Premiere der Kunstmesse Contemporary Istanbul gefördert und jetzt zeigt sie erstmals ausgewählte Neuerwerbungen in Istanbul. Die Direktorin des Sabanci Museums, Nazan Ölcer, die zuvor 25 Jahre lang das Museum für Türkische und Islamische Kunst leitete, wählte für Blind Date Istanbul vor allem aktuelle Arbeiten der Bankkollektion aus und stellt sie einer Reihe kostbarer Kalligrafien aus der Sammlung des Museums gegenüber. Kalligrafie, "die Kunst des schönen Schreibens", entwickelte sich schon früh zu einer überraschend vielfältigen Kunstform. Sie entstand aus dem muslimischen Glauben, der die bildliche Darstellung des Menschen untersagt. Ihr Medium ist das arabische Alphabet. Die ältesten in der Ausstellung gezeigten Arbeiten stammen aus dem 16. Jahrhundert, die jüngsten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank beginnen mit Ernst-Ludwig Kirchners Bahnhof Königstein von 1917. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt allerdings auf Arbeiten der jüngsten Gegenwartskunst wie Sylvie Fleurys 2006 entstandener Skulptur Mushroom oder Zeichnungen von Julie Mehretu oder Francis Alÿs.


Matt Saunders, Udo, 2004, Serie mit 63 Blättern
Sammlung Deutsche Bank



Anonymous, Ohne Titel, Kalligrafisches Wandtableau
18.-19. Jahrhundert,
Sakip Sabanci Müzesi

Bei Blind Date Istanbul geht es um Begegnungen, die unerwartete Aspekte sichtbar machen. Der Parcours führt zu faszinierenden Treffen von Orient und Okzident - mit überraschenden kunsthistorischen Einflüssen, Parallelen, aber auch Gegensätzen zwischen diesen beiden Kulturkreisen. Nazan Ölcer jedoch sieht in der Schau mehr als ein spannendes, ästhetisches Rendezvous verschiedener Generationen, Strömungen, Konzepte und Stile. Für sie setzt Blind Date Istanbul auch einen museumspolitischen Meilenstein: "Damit sind die Weichen gestellt für künftige Kooperationen mit Häusern in London, Paris und Berlin."



Sylvie Fleury, Mushroom, 2006,
Sammlung Deutsche Bank

Blind Date Istanbul
Sakip Sabanci Müzesi/Museum
Istinye caddesi 22, Emirgan

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