In dieser Ausgabe:
>> Re-Reading the 80s
>> Tim Rollins & K.O.S.
>> Barbara Kruger
>> Interview Rainer Fetting

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Aus der Bronx ins MoMa
Tim Rollins und sein Jugendprojekt K.O.S.



Edukative Programme für Kinder und Jugendliche haben gerade Hochkonjunktur. So fördert die Deutsche Bank Stiftung ein Projekt, das Schülern die kostenlose Begegnung mit der Kunst im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ermöglicht und auch das Deutsche Guggenheim setzt seit Anfang an auf altersgerechte Vermittlungsangebote. Zeit also für einen Blick zurück: Schon seit mehr als 25 Jahren arbeitet Tim Rollins mit Schülern aus dem New Yorker South Bronx zusammen. An einem der extremen gesellschaftlichen Brennpunkte der USA bietet der Künstler und Pädagoge mit seinen Kollektiv Tim Rollins + K.O.S. (Kids of Survival) den Jugendlichen eine Alternative zu Drogen und Kriminalität. K.O.S. ist aber mehr als eines der üblichen Sozialprojekte – denn Arbeiten der Gruppe haben es in renommierte Museen wie das MoMA oder die Tate geschafft. Cheryl Kaplan hat Tim Rollins in seinem Atelier in Chelsea getroffen.



Tim Rollins
Foto courtesy Cheryl Kaplan. Cheryl Kaplan, 2008.
All rights reserved.

Wie er so in seinem hölzernen Schaukelstuhl sitzt, erinnert Tim Rollins an einen Provinzprediger aus dem 19. Jahrhundert. Ein leichter Südstaaten-Dialekt klingt durch wenn er spricht, was eigentlich erstaunlich ist, wenn man weiß, dass er 1955 im ländlichen Teil Maines im äußersten Nordosten der USA zur Welt kam. Gerade erst ist er wieder nach New York zurückgekehrt. Im Laufe der letzten Woche war er in in Syracuse, Kentucky und Harvard. In seinem Atelier sieht es wie Hölle aus: Berge von Papier liegen herum, aus einem Koffer quellen Kleidungsstücke, auf einem Haufen leerer Farbtuben liegt eine Tüte mit einem frisch gereinigten weißen Hemd, ein Laptop ragt aus einem Plastikregal. Auf einem Foto sieht man den jungen Künstler – damals waren seine Haare noch pechschwarz – mit Chris Hernandez, einem der Originalmitglieder von K.O.S. Er wurde am Valentinstag 1993 in der South Bronx erschossen.



Atelier von Tim Rollins and K.O.S
Foto courtesy Cheryl Kaplan. Cheryl Kaplan, 2008.
All rights reserved.

Nach 26 Jahren arbeitet Rollins noch immer an den Grenzen zwischen Kunst, Bildung und sozialer Rettungsaktion – genauso wie damals, als er in den frühen Achtzigern K.O.S. ins Leben rief. Ein Gemeinschaftsprojekt mit künstlerisch talentierten Kids aus der South Bronx, deren Leben von Armut und Gewalt bestimmt war. Der Kern von K.O.S. – Kids of Survival, Kinder des Überlebens – besteht aus einem Dutzend Mitgliedern, die in Workshops mit Jugendlichen aus Schulen in ganz Amerika arbeiten. Oft dauert es Jahre, bis die gemeinsamen Projekte beendet sind. "Mit unserem Gemälde The Red Badge of Courage begannen wir 1992", erläutert Rollins, "es basiert auf dem Bürgerkriegsroman von Stephen Crane. Und gerade haben wir eine neue Version für unsere Ausstellung in der Warehouse Gallery in Syracuse erarbeitet. Crane hat dort die Universität besucht. Wir haben in dieser Arbeit die Romanvorlage auch mit den Predigten von Martin Luther King, Jr kombiniert."



Tim Rollins and K.O.S., The War of the Worlds (after H.G. Wells), 2004
©Tim Rollins and K.O.S..
Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich.
Galleria Raucci / Santamaria, Neapel.
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich.

Bei Tim Rollins und K.O.S beginnt ein Projekt immer mit einer Entdeckungsphase, in der sich die Teilnehmer Zeit für Recherchen und konzeptionelle Planung nehmen. Dazu trifft sich die Gruppe oder kommuniziert per E-Mail, Telefon oder Video-Konferenzen, schickt Material mit Fed-Ex hin und her. Rollins tritt hierbei nie als Solo-Künstler in Aktion oder drückt den Bildern seine persönliche Handschrift auf. Er vergleicht sich eher mit einem Dirigenten – und K.O.S. ist sein Orchester. Wenn dann die eigentlichen Workshops beginnen, tun sich Rollins und langjährige Mitglieder von K.O.S. zusammen, um so genannte Master Classes zu leiten, in denen über die Texte diskutiert wird, auf denen die Kunstwerke basieren, um dann gemeinsam loszuarbeiten. Hierbei bildet der Text nicht nur eine konzeptionelle, sondern ganz handfeste Grundlage. Seiten aus den besprochenen Büchern werden herausgetrennt und mit speziellem Kleber, den man sonst in bibliothekarischen Archiven verwendet, auf die grundierte Leinwand geklebt.

Manchmal arbeiten K.O.S. auch mit Musik. So bei einer Serie großformatiger Drucke zu Josef Haydns Oratorium Die Schöpfung. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Kalamazoo Institute of Arts in Michigan und dem gemeinnützigen Kunstzentrum Pyramid Atlantic in Maryland, das sich auf handgeschöpfte Papiere, Drucke und die Herstellung von Büchern spezialisiert hat, und ist derzeit in einer Ausstellung an der Colgate University in Hamilton, NY zu sehen.



Tim Rollins and K.O.S.: 25 Years,2007
Ausstellungsansicht Galerie Eva Presenhuber
Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich.
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich.


Tim Rollins and K.O.S. in den späten achtziger Jahren
© Tim Rollins and K.O.S.

Mit ihren Gemälden entwickeln K.O.S. eine Vielfalt unterschiedlicher Stile – von der narrativen Illustration bis zum abstrakten Neo-Geo-Look. Die Exponate der großen K.O.S.-Retrospektive in der Züricher Galerie Eva Presenhuber basierten auf so unterschiedlichen Vorlagen wie Shakespeare, Franz Kafkas Amerika, Lewis Carrolls Alice in Wonderland oder Ralph Ellisons The Invisible Man. Wenn die Arbeiten einen ebenso belesenen wie ganz und gar geerdeten Eindruck machen, liegt das an Rollins Lehransatz, der den Kids einen Zugang zu diesen Klassikern ermöglicht. Er bringt sie dazu, in der Auseinandersetzung mit den literarischen Vorlagen die grundlegenden Themen und Motive aufzuspüren. So konzentrierten sie sich bei Kafka auf die goldenen Trompeten, die im letzten Kapitel von Amerika eine wichtige Rolle spielen. Auf dem Gemälde scheint dann eine ganze Armada dieser Instrumente über das großformatige Bild zu marschieren. Und Alice lässt K.O.S. durch eine schwarze Welt irren. Das Gemälde Black Alice vermittelt den Eindruck von Entfremdung und Heimatlosigkeit und überträgt dieses Gefühl "am falschen Ort zu sein", das Carrolls fantastische Geschichte durchzieht, direkt auf die Leinwand.



Tim Rollins and K.O.S.,
Amerika - Everyone is Welcome ! (after Kafka), 2002
©Tim Rollins and K.O.S..
Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zurich.
Galleria Raucci/Santamaria, Neapel.
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich.

Wenn der Name K.O.S. irgendwie nach einer Band klingt, dann entspricht das dem damaligen Zeitgeist. Nachdem er 1978 von Maine nach New York getrampt war, zog Rollins ins legendäre Chelsea Hotel – in dem auch Punk-Rock-Star Sid Vicious und seine Freundin Nancy Spungen oder Bands wie die New York Dolls und die B-52’s zuhause waren. "Unter der Woche war ich im Club CBGB’s unterwegs und sonntags in Harlem", erzählt Rollins von seinen ersten Jahren in New York. Das Chelsea Hotel war damals zwar nicht gerade der sicherste Ort, aber dort traf sich die Szene. Rollins war in die Stadt gekommen, um bei Joseph Kosuth an der School of Visual Arts zu studieren. Für den Anruf bei der Kunstschule gingen seine letzten Münzen drauf. Der Konzeptkünstler nahm ihn in seine Klasse auf und sollte bald sein Mentor werden. Kosuths Essay Art After Philosophy hatte ihn stark beeindruckt – besonders mit seinem "politischen Gehalt und dem demokratischen, offenen Ansatz. Viele denken, die frühe Konzeptkunst wäre elitär und hätte das Publikum ausgeschlossen. Ich sah das genau umgekehrt. Sie erlaubte es auch ohne Leinwand und Farben künstlerisch aktiv zu werden. Kunst besteht aus Ideen." Rollins erste Arbeiten wirkten dann auch wie eine Mischung aus Arte Povera und Konzeptkunst.



Tim Rollins and K.O.S., aus der siebenteiligen Serie
"A Diary of a Young Girl (after Anne Frank)", 2007
©Tim Rollins and K.O.S.. Privatsammlung.
Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich.
Galleria Raucci/Santamaria, Neapel.
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich

Auch sein religiöser Hintergrund hat Rollins Arbeit geprägt. Als Kind verbrachte er die Sommer immer bei seiner Urgroßmutter. Sie gehörte zu der sehr gemeinschaftlich geprägten Erweckungsbewegung mit ihren hochemotionalen Gottesdiensten, bei denen die Gläubigen häufig in exstatische Zustände geraten. "Wir gingen immer zusammen in das Zelt, in dem die Gottesdienste und Heilungen stattfanden. Das war auf dem Land – in der Nähe von Burnham. Mein Vater war ein Trinker, meine Mutter sehr religiös. In Maine kam ich nur freitagnachmittags in der Kirche mit Kunst in Berührung." Auch heute noch erreicht man Rollins in der Baptist Memorial Church in Harlem, wo einen die Empfangsdame am Telefon mit den Worten "Gelobt sei der Herr! Was kann ich für Sie tun?" begrüßt. Für den Jungen aus Maine bot die Kunst auch den Ausweg aus schwierigen Familienverhältnissen. "Mein Vater arbeitete als Näher bei der Northeast Shoe Company. Als die Fabrik geschlossen wurde, lebten wir von Sozialhilfe. In Main bedeutete das ein unglaubliches Stigma. Obwohl er Alkoholiker war, hat mein Vater sein Leben einigermaßen im Griff gehabt. Und er hat mich nie wirklich verletzt. Er hat die Familie zwar vernachlässigt, war aber nicht gewalttätig. Vielleicht ein bisschen, wenn er völlig dicht war. Ich habe ihm vergeben."



Tim Rollins and K.O.S.,
aus der siebenteiligen Serie The Creation (after Haydn), 2004
©Tim Rollins and K.O.S..
Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich.
Galleria Raucci/Santamaria, Neapel
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich

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