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Kalte, klare Bilder
Annette Kelms konzeptuelle Fotoarbeiten


Dokumentarfotos, die nichts dokumentieren. Porträts, auf denen die abgebildete Person nicht zu erkennen ist. Annette Kelms Fotoarbeiten sind ebenso präzise wie hermetisch. Die in Berlin lebende Künstlerin, die mit einer fünfteiligen Serie in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, gilt als eine der viel versprechendsten Nachwuchsfotografinnen aus Deutschland. Anlässlich ihrer Einzelausstellung im Witte de With hat Tim Ackermann Anette Kelm in Rotterdam getroffen.



Caps, 2008, 20-teilige Serie
Courtesy of the artist and Johann Koenig Gallery, Berlin


Eine Mütze ist eine Mütze ist eine Mütze. Zumindest sieht Annette Kelm das so. Die Berliner Fotografin hat eine ganze Bilderserie über eine Baseballmütze gemacht: Eine schlichte Kopfbedeckung ohne Logo, zufällig im Chinatown von New York entdeckt. Die Baseballmütze ist nicht aus Stoff gefertigt, sondern aus Bast geflochten. Sie evoziert sowohl den Hillbilly-Muff mittelamerikanischer Kleinstädte als auch die traditionellen Strohhüte chinesischer Reisbauern. Ein hybrides Objekt, das sich letztlich keinem Ort der Welt exakt zuordnen lässt. Die Kappe ist faltbar, ein Wunderwerk der Mode, das nur einen einzigen Schönheitsfehler hat: Sie ist so schlampig entworfen, dass sie vom Kopf ihres Trägers herunterfällt. "Die Mütze ist total durchdacht, funktioniert aber trotzdem nicht", sagt Annette Kelm. "Das Scheitern interessiert mich daran."



Caps, 2008, 20-teilige Serie
Courtesy of the artist and Johann Koenig Gallery, Berlin



Gescheitert ist ja streng genommen auch ihre Fotoserie Caps. Kelm hat die Baseballmütze in fünf verschiedenen Farbvariationen und aus jeweils vier Blickwinkeln vor einem neutralen Hintergrund fotografiert. Ergibt 20 Fotos. Abgesehen davon, dass die Künstlerin hier das dem Bereich der Skulptur zuzuordnende Prinzip der Dreidimensionalität in der "flachen" Fotografie imitiert, scheint die Serie keinem weiteren Sinn zu folgen; sie enttäuscht alle Ansprüche, die an diese Präsentationsform gemeinhin gestellt werden. Weder verdeutlicht die Serie einen zeitlichen Ablauf noch offenbart die Abfolge der Bilder weitere Informationen über das Motiv noch führt ein Differenzvergleich mit einem ähnlichen Motiv zu einer "Mützen-Typologie". Nicht einmal die Entstehungsgeschichte des Motivs als multikulturelles Konsumprodukt oder das Interesse seiner Schöpferin lassen sich aus der Serie herauslesen. Die vervielfältigte Mütze ist einfach nur das: eine Mütze. Sie verharrt sozusagen verstockt in ihrer Mützenhaftigkeit.



Ferienhaus, Heringsdorf, Maxim Gorkistraße,
Wolgaster Holzindustrie Aktiengesellschaft, 1900, 2008
Courtesy of the artist and Johann Koenig Gallery, Berlin


Spröde und etwas verschlossen wirkt die Fotografie von Annette Kelm auf den ersten Blick. So muss es eigentlich niemanden verwundern, dass auch die 1975 in Stuttgart geborene Künstlerin zwar sehr freundlich, aber eben auch sehr ernsthaft und vor allem sehr vorsichtig im Geben von Antworten ist. Zum Interview-Termin in der Rotterdamer Ausstellungshalle Witte de With, wo ihr gerade die erste institutionelle Einzelausstellung eingerichtet wurde, erscheint sie in existenzialistischem Schwarz: Pulli, T-Shirt, Jeans. Und ziemlich existenziell sind die Fragen, die ihre Arbeiten an das eigene Medium stellen. Mit ihren Bildern hat sie in den letzten fünf Jahren die gewohnten Herangehensweisen der Fotografie ausgehebelt: Sie hat Porträts geschaffen, auf denen man die abgebildete Person nicht erkennt. Dokumentarfotos, die nichts dokumentieren. Bilder im Werbefotografie-Stil aufgenommen, mit alten Musikinstrumenten, die nicht mehr auf dem Markt erhältlich sind. Es wirkt, als habe sie alles falsch gemacht. Doch nicht zufällig wurde Kelm 2005 mit dem Förderpreis der Art Cologne ausgezeichnet. Die 32-Jährige ist die große Hoffnung der deutschen Nachwuchsfotografie; sie zeigt, wie die Zukunft der konzeptuellen Fotokunst aussieht. Und natürlich sind ihre so gegenläufig zum Mainstream geschaffenen Werke nicht schlecht, sondern sehr aufregend.






Annette Kelm, To a snail, I / III, 2003
Sammlung Deutsche Bank


Bei Kelm gibt es komplexe Welten zu enträtseln. In ihrer Mützenserie, in der Abbildung eines Wasserglases mit Eukalyptuszweig oder auch in jenen fünf Fotos, die die Bewegung einer Welle am Strand festhalten. Die Künstlerin hat die Bilder 2003 auf Mallorca aufgenommen, heute gehören sie zur Sammlung Deutsche Bank. "Die Wellenbilder haben so etwas Filmisches", sagt Kelm. "Ich habe mich damals mit der Darstellung von Zeit beschäftigt." Trotz ihrer vielfältigen Interessen und ihrer sehr heterogenen Motivauswahl kann man mittlerweile eine typische Annette-Kelm-Bildsprache identifizieren: Kühl und klar sind ihre Fotos. So kalt und klar wie das Licht über dem Seziertisch eines Gerichtsmediziners. Häufig lichtet die Künstlerin die Motive frontal und mit immenser Detailschärfe ab. Die Fotos wirken minutiös arrangiert und perfekt ausgeleuchtet, so dass der Schattenwurf minimiert wird und der Bildgegenstand als relevantes Objekt präzise hervortritt.



Annette Kelm, Frying Pan, 2007
Courtesy Johann König Gallery, Berlin


Eine emblematische Arbeit ist Frying Pan (2007) – die Aufnahme einer Rickenbacker, der allerersten E-Gitarre von 1934. Kelm hat sie vor einem türkisfarbenen Stoffhintergrund platziert, dessen Treppenmuster irgendwo zwischen M.C. Escher und afrikanischer Volkskunst schwankt. Die Gitarre wirkt durch ihre ungewohnte Umgebung wie ein unbekanntes Instrument aus einem anderen exotischen Kulturkreis. "Die unterschiedlichen Bezüge, die ein Bild herstellt, sind mir wichtig", sagt Kelm. "Die Rickenbacker hat mich als Motiv gereizt, weil sie für den Übergang von der akustischen zur elektrischen Musik steht." Übergänge interessiere sie. Die kulturellen Bruchstellen.



Big Print #1 (Lahala Tweet - cotton chevron,
fall 1949 design Dorothy Draper,
courtesy Schumacher & Co), 2007
Courtesy of the artist and Johann Koenig Gallery, Berlin

Letztendlich ist tatsächlich Kelms Interesse das entscheidende Kriterium für die Auswahl eines Motivs. Häufig entdeckt sie ihre Sujets durch zufällige Beobachtungen und fühlt sich von ihnen instinktiv angesprochen. Zwei großformatige C-Prints in der Rotterdamer Ausstellung zeigen etwa Aufnahmen von Stoffmustern der amerikanischen Raumgestalterin Dorothy Draper, der Queen des gehobenen Einrichtungsgeschmacks und der heimeligen Haushaltsführung. Kelm hat ihre Muster frontal und in Originalgröße abgelichtet, so dass man die Bilder bei oberflächlicher Betrachtung durchaus mit den echten Stoffbahnen verwechseln könnte. "Drapers Neobarockstil erinnert mich an die Sets von Stummfilmen, in denen alles überzeichnet ist: riesige Uhren, riesige Türen, riesige Schränke", erzählt sie. "Ich bin ein Fan von Kenneth Anger und dem amerikanischen Avantgarde-Kino der Fünfziger und Sechziger."

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