In dieser Ausgabe:
>> Joseph Beuys und seine Schüler
>> Vik Muniz - Kunst in den Favelas
>> Ayse Erkmens Interventionen
>> Deutsche Pop Art: Thomas Bayrle

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"To be a teacher is my greatest work of art"
Joseph Beuys und seine Schüler im Kunstmuseum Ahlen



Epigonen? Nein danke! Als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie prägte Joseph Beuys zwar eine ganze Künstlergeneration. Doch er ermutigte seine Studenten stets, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Ausstellung "To be a teacher is my greatest work of art" präsentiert jetzt 150 Arbeiten von Beuys und seinen bedeutendsten Schülern aus der Sammlung Deutsche Bank. Achim Drucks stellt die Schau im Kunstmuseum Ahlen vor.




Joseph Beuys, Für Blinky, o.J., © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank



Demütig wäscht Joseph Beuys seinen Schülern die Füße, atonale Musik tönt durch das Atelier, ein junger Mann überschüttet sich mit Mehlwürmern, Studenten diskutieren ihre Arbeiten: Hans Emmerlings Film Joseph Beuys und seine Klasse dokumentiert nicht nur Unterricht und Aktionen an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die 1971 entstandene Produktion ermöglicht auch die Reise in eine Zeit der Umbrüche, die auch von Beuys' künstlerischen wie politischen Aktionen mitgeprägt wurde. "Regiert euch selbst" steht auf dem Flugblatt, das er zusammen mit Johannes Stüttgen vor einer Kaufhof-Filiale verteilt. Der Professor mit dem obligatorischen Hut und sein kalkweiß geschminkter Schüler diskutieren engagiert mit Passanten über politische Veränderungen. "Mehr Demokratie wagen" lautet schließlich auch das Motto der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt, die seit 1969 die Bundesrepublik reformiert. Im Zuge von Studentenbewegung und APO verlässt die Kunst ihren Elfenbeinturm und kommt in der Einkaufsstraße an.




Peter Angermann,
Ohne Titel (Joseph Beuys), aus "Tapeten", 1983,
Sammlung Deutsche Bank


Zu sehen ist die faszinierende Dokumentation im Rahmen der Ausstellung To be a teacher is my greatest work of art. Das Kunstmuseum Ahlen präsentiert 150 Papierarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank. Kurator Friedhelm Hütte, Direktor der Deutsche Bank Kunst, stellt zahlreichen Beuys-Arbeiten Werke seiner bedeutendsten Schüler gegenüber: Zeichnungen, Fotografien und Druckgrafik von Walter Dahn, Felix Droese, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Imi Knoebel, Blinky Palermo oder Katharina Sieverding zeigen Beuys' künstlerischen und persönlichen Einfluss sowie die Wechselwirkungen des intensiven Dialogs zwischen dem Professor und seinen Studenten.




Imi Knoebel, Ohne Titel, 1968/72, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Manchmal genügte schon ein Zeitungsbericht, um angehende Künstler zu bewegen, nach Düsseldorf zu kommen. Bei einer Aktion wurde Beuys geschlagen, mit blutiger Nase streckte er dem Publikum ein Kruzifix entgegen. Das Foto dieses Künstler-Messias, der selbst körperliche Attacken spontan in seine Aktionen mit einbezog, wurde in vielen Zeitungen abgedruckt. "Er war trotz seines Alters offen, rebellisch, hat Dinge in Frage gestellt, die andere seiner Generation wortlos hinnahmen. Deswegen hat uns auch der Zeitungsartikel so beeindruckt. Wir brauchten jemanden, der auch auf der Suche war wie wir. Wir suchten nach dem Extremen", erklärte Imi Knoebel in einem Interview. Knoebel und sein Freund Rainer (Imi) Giese brachen ihr Studium an der Werkkunstschule Darmstadt ab, um 1965 nach Düsseldorf zu gehen. Für sie war die Person Beuys dabei weitaus wichtiger als sein Werk.


Blinky Palermo, Ohne Titel, aus "Wandzeichnungen", 1968, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Obwohl ihre vom russischen Konstruktivismus geprägten Arbeiten in diametralem Gegensatz zu seiner eigenen Position standen, nahm Beuys die beiden in seine Klasse auf. "Beuys hatte zu unseren Sachen keinen Zugang. Er konnte aber zulassen, dass völlig andere Dinge entstehen." Er stellte ihnen sogar einen der drei Klassenräume zur Verfügung, in dem anfangs auch Blinky Palermo gearbeitet hat. Der Meisterschüler von Beuys ist in Ahlen mit einer Serie vertreten, die Entwürfe zu Wandzeichnungen zeigt – schlichte Geraden in geometrischer Anordnung. Die beiden Imis setzen sich in ihren Fotoserien ebenfalls mit dem Thema Abstraktion auseinander: Knoebel hält seine Projektionen fest – reduzierte Formen aus Licht, die er an nächtliche Hausfassaden warf. Bei Giese formieren sich leuchtende Ziffern zu Linien. Welten liegen zwischen diesen kühlen Formexperimenten der drei Minimalisten und der biomorphen Bildsprache von Beuys.


Joseph Beuys, Mädchen (Rücken), 1957, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Das stellte für den Professor kein Problem dar. Im Gegenteil: Es war Beuys erklärtes Ziel, seine Studenten dabei zu unterstützen, ihren individuellen Weg zu finden. "Ich habe mich auch gar nicht bemüht, den Menschen etwas aufzudrücken, was etwa meine Idee von der Kunst gewesen ist oder ist. Sondern ich habe immer nach den Möglichkeiten gesucht, die jeder einzelne hat", erklärte er 1984. Als der Professor für Bildhauerei 1961 zu unterrichten begann, lagen die Schwerpunkte noch ganz konventionell auf Aktzeichnung und plastischem Gestalten mit Holz, Ton oder Gips. Parallel zur Konkretisierung seiner "plastischen Theorie". Mitte der Sechziger Jahre wurden diese traditionellen Unterrichtsformen dann von diskursiven Auseinandersetzungen in den Hintergrund gedrängt. Während der "Ringgespräche" diskutierte man künstlerische wie gesellschaftliche Fragen. Die Erweiterung des Kunstbegriffs führte auch zur Arbeit mit neuen Materialien wie Fett, Filz oder Fundstücken sowie zu Beuys Konzept der "Sozialen Plastik". Dabei ging ihm nicht mehr nur um materielle Kunstwerke, sondern um seine Utopie von einer Gesellschaft, in der jeder seine Kreativität frei entfalten kann.



Joseph Beuys, Filzplastik-Bronzeplastik, 1964, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Die Bedeutung von Kunst für die Gesellschaft, die Beuys immer wieder betonte, spiegelt sich auch in der Entstehung der Sammlung Deutsche Bank Ende der siebziger Jahre. Beuys berühmte Formel "Kunst=Kapital" galt auch hier. Aber eben nicht in dem Sinne, dass Kunst als dekorative Wertanlage für die Vorstandsetagen betrachtet wurde. Unter dem Motto "Kunst am Arbeitsplatz" ging es vielmehr darum, die unmittelbare Begegnung mit zeitgenössischen Positionen außerhalb etablierter Institutionen wie Museen oder Galerien zu ermöglichen. Kunst sollte als kulturelles Kapital allen Mitarbeitern, Besuchern und der Öffentlichkeit zu Gute kommen. Die große Bedeutung von Beuys für die Sammlung demonstrierte auch die Widmung der obersten Etage eines der Frankfurter Zwillingstürme an den Künstler. Seine Zeichnungen standen dabei im Mittelpunkt des Interesses. Dieses Medium ist für die Sammlung wie für Beuys von zentraler Bedeutung. So betrachtete er die Zeichnung als "Verlängerung des Gedankens", da sie kreative Prozesse ganz unmittelbar spiegelt.

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