Spiritual Abstraction
Die kosmopolitische Moderne der Fahrelnissa Zeid

Die türkische Malerin Fahrelnissa Zeid war zugleich Prinzessin und Pionierin der Moderne. Um ihren eigenen Ausdruck zu finden, ließ sie alle Konventionen hinter sich – und malte sogar ihre innere Hölle. Oliver Koerner von Gustorf über die Wiederentdeckung ihrer kosmischen Kunst.
Fahrelnissa Zeids abstrakte Gemälde gehören zum Kühnsten der bildenden Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie entstehen innerhalb nur eines Jahrzehnts, zwischen 1947 und 1958, in London und Paris. Die Malerei der türkischen Künstlerin gleicht einem kosmischen Tanz. Unzählige geometrische Formen fügen sich zu mosaikartigen Kompositionen, bilden Strudel, Wogen und Explosionen aus Farbe. Zeids Bildwelten sind voller dynamischer Energie. Zugleich schafft sie in ihrer Malerei unendlich weite Räume, die glühend heiß, aber auch voller meditativer Kühle sein können. Alles in dieser Welt ist zersplittert und strebt gleichzeitig nach Einheit. Es wirkt, als würden sich in diesem flirrenden Allover Lebensformen, Gefühle und Erinnerungen zusammensetzen oder zerfallen, in einem permanenten Prozess des Werdens und Vergehens.

My Hell heißt das monumentale Werk, mit dem Zeid 1951 beim Salon des Réalités im Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris triumphiert. In der Stadt, wo sie seit 1946 ein Studio unterhält, treffen sich progressive Künstler aus der ganzen Welt, die sich lose zur „Nouvelle École de Paris“ formieren. Nach der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten, die jede Form nicht realistischer Kunst als „entartet“ diffamierten, suchen Künstler nach freieren Ausdrucksmöglichkeiten. Die gestischen, improvisierten Malstile des Tachismus und der Lyrischen Abstraktion finden bei Zeid allerdings eine paradoxe Ausprägung. Sie erzeugt eine unglaublich emotionale, persönliche Malerei, ausgerechnet mit der geometrischen Abstraktion, einer Formensprache, die von vielen ihrer Zeitgenossen als überholt abgelehnt wird.

Doch Zeid kennt keine Konventionen, sowohl bei der Suche nach neuen Formen, als auch bei der Findung ihres künstlerischen Selbst. Der Weg führt sie auch durch die persönliche Hölle. My Hell ist ein Meisterwerk: Das über fünf Meter breite und zwei Meter hohe Gemälde wirkt wie ein kristallisierter Jackson Pollock, als wären dessen Drippings zu Eis erstarrt und in tausend Stücke zerborsten. Um es überhaupt malen zu können, muss Zeid die abgespannte Leinwand über Eck an die Wände ihres Studios nageln, sodass sie beim Arbeiten buchstäblich von ihrer Hölle umgeben ist. Der astronomische Begriff für das, was im Zentrum dieses Gemäldes klafft, wird erst in den 1960er-Jahren etabliert: ein „Schwarzes Loch“, welches eine so starke Gravitation erzeugt, dass jedes Licht, jede Materie in seiner Umgebung verschlungen wird.

Die Schwärze in Zeids Bild ist ebenso absolut und droht auch, alles in sich aufzusaugen: die feinen, fast architektonisch anmutenden Konstruktionen, die feuerroten und kühlgelben geometrischen Formen, die sich wie Kristalle auf der Leinwand angesiedelt haben. My Hell schildert die Urangst vor absoluter Leere und Sinnlosigkeit und feiert zugleich deren Überwindung durch das Bild selbst. Das Malen ist für Zeid wie ein mystischer Akt der Bewusstwerdung: „Wenn ich male“, sagt sie am Ende ihres Lebens, „fühle ich mich als Teil alles Lebendigen … Dann verliere ich mich selbst und werde Teil eines übermenschlichen Prozesses, der Bilder produziert, so wie ein Vulkan Lava und Gestein ausstößt. Meistens werde ich mir des Bildes erst bewusst, wenn es vollendet ist.“

Fight against Abstraction (1947) oder Resolved Problems (1948): Diese Bildtitel zeugen von Zeids innerem Ringen und dem Mut, den sie aufbringen muss, um ihrer Vision zu folgen. Die Malerin geht bereits auf die Fünfzig zu, als sie sich Ende der 1940er-Jahre ganz der Abstraktion verschreibt. Sie betritt damit eine Arena, in der Frauen und erst recht muslimische Künstlerinnen die Ausnahme sind. Und es ist nicht irgendeine Frau, die da ihre Abgründe malt, sondern die Ehefrau von Prinz Zeid Al-Hussein, dem Bruder des irakischen Königs, der seit 1949 in London als Botschafter residiert. Fahrelnissa pendelt zwischen beiden Städten hin und her: In London kommt sie vor allem ihren Verpflichtungen als Diplomatengattin nach, in Paris ist sie ganz Malerin. Ihre Salons in der Irakischen Botschaft, in der sie sich ein Atelier eingerichtet hat, sind als Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle stadtbekannt. Henry Moore, Marc Chagall und Giorgio de Chirico sind hier zu Gast. Und auch die Fotografin Lee Miller und ihr Mann, der Künstler und Kurator Roland Penrose, der Zeid 1954 als erster Künstlerin überhaupt eine Einzelausstellung im Londoner ICA widmet. In den frühen 1950er-Jahren gehört Zeid eindeutig zu den Protagonisten der europäischen Nachkriegsmoderne. Ihre Bilder können es an Wucht und Präsenz mit den Werken der New Yorker Abstrakten Expressionisten aufnehmen. Dabei wird sie in der Presse gerne „Mal-Prinzessin“ genannt, als ob es sich bei ihrer Kunst um ein exotisches Hobby handeln würde.

Tatsächlich führt Zeid ein absolut privilegiertes Leben. Doch genau dieses Leben, das Pendeln zwischen Ost und West, uralten Traditionen und der Moderne, Selbstbefreiung und familiären Tragödien, bringt ihre Kunst hervor. 1901 in eine intellektuelle, adelige Familie hineingeboren, die zur politischen Elite des Osmanischen Reiches gehört, scheint ihr eine glänzende Zukunft bevorzustehen. 1914 aber erschießt ihr Lieblingsbruder unter ungeklärten Umständen den Vater. Die Familie zerbricht fast daran. Zeid flüchtet sich in die Kunst. Während des Ersten Weltkriegs wird sie im Internat unterrichtet und ist eine der ersten Frauen, die in Istanbul Kunst studieren. Dennoch wird sie ihre Malerei über Jahrzehnte als Privatangelegenheit betrachten. Sie heiratet 19-jährig den vermögenden Unternehmer und Schriftsteller İzzet Melih Devrim, mit dem sie Europa bereist, studiert Ende der 1920er-Jahre Malerei in Paris bei Roger Bissière, dem geistigen Vater der Nouvelle École de Paris, und verkehrt im Umfeld Mustafa Kemal Atatürks.

Anfang der 1930er-Jahre lässt sie sich scheiden, heiratet Prinz Zeid Al-Hussein und wird so Mitglied des irakischen Königshauses. Ihr Mann wird 1934 als Botschafter ins nationalsozialistische Berlin berufen. Als Hitler 1938 Österreich annektiert, geht das Paar nach Bagdad. Doch Zeid wird depressiv und verbringt die Wirren des Zweiten Weltkriegs mit Reisen zwischen Paris, Budapest und Istanbul, wo sie sich 1944 der avantgardistischen „Gruppe d“ anschließt, die eine eigenständige türkische Moderne anstrebt. Bereits in Istanbul erlebt Zeid eine kreative Phase, wobei sie bis Mitte der 1940er-Jahre figurativ arbeitet und die geometrische Abstraktion nur langsam in ihren Bilderkosmos eindringt. Als sie 1948 nach England kommt, hat die Abstraktion bereits Überhand genommen. Ihr Blick auf den Loch Lomond verwandelt die schottische Landschaft in ein wogendes Geflecht aus Dreiecken, Sicheln, Rhomben – wie ein Kaleidoskop, das die Farben, die Stimmungen, die Bewegungen des Moments herauskristallisiert und die eigentliche Landschaft in den Hintergrund treten lässt.

„Zeid war von Bildsprachen angeregt, die ihrer Herkunft nahe waren“, erläutert Vassilis Oikonomopoulos, Co-Kurator der Übersichtsausstellung Fahrelnissa Zeid, die nach der Tate Modern nun in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist. „Das waren verschiedene künstlerische Traditionen, die das Osmanische Reich geprägt haben, sogar byzantinische oder mesopotamische Elemente, die sie an all den Orten wahrnahm, in denen sie lebte.“ Das Ornament und die geometrische Abstraktion bilden in ihrer Malerei einen Weg, um zwischen inneren und äußeren Welten zu vermitteln, zwischen Tradition und Modernität.

Als kleines Kind, erinnert Zeid sich später, habe sie durch die Fensterholzgitter ihres Elternhauses hindurch Passanten auf der Straße beobachtet. In der Architektur des Islams dienen diese mit geometrischen Mustern versehenen Gitter nicht nur als Sonnenschutz, sondern erlauben auch einen Blick nach außen, ohne selbst gesehen zu werden. Alles dringt als flirrendes Spiel von Farbe, Bewegung und Licht durch diese Gitter. Jahrzehnte später sind diese stroboskopischen Effekte auf ihren abstrakten Gemälden zu sehen.
 
„Zeid interessierte sich für ganz bestimmte Koranverse“, so Oikonomopoulos, „für Stellen, die sich mit der Kosmologie auseinandersetzen, mit der Beziehung von Körper, Kosmos, Natur und Abbildung.“ Er erzählt, dass sie in Istanbul immer wieder Derwische gemalt habe. Sie war von den Tänzern fasziniert, die sich drehen, bis sie in ekstatische Trance verfallen. In diesem Zustand wird der Tanzende „leer“, um Raum für die Begegnung mit dem Göttlichen zu schaffen. „Derwisch“ leitet sich vom persischen „Tor“ oder „Tür“ ab, und so kann man auch Zeids abstrakte Bilder als Tore in eine andere Dimension zu einer neuen spirituellen Wahrnehmung begreifen.

Im Juli 1958 wird beim Staatsstreich im Irak die gesamte Familie von Prinz Zeid Al-Hussein ermordet. Er und seine Frau entgehen dem Tod nur durch einen Zufall. Sie müssen die Botschaft verlassen und in ein kleines Londoner Apartment ziehen. Für Fahrelnissa Zeid bricht eine Welt zusammen. Ihr letztes abstraktes Bild von 1958 heißt Nightmare und gleicht einem See aus Blut. Sie hört für etliche Jahre mit der Malerei auf. Als sie Mitte der 1960er-Jahre wieder damit beginnt, entstehen vor allem Porträts ihrer verstorbenen Familie und ihrer engsten Freunde aus der Vergangenheit. Die melancholischen Gesichter mit übergroßen Augen, die dem Betrachter durch den Raum zu folgen scheinen, haben etwas Geisterhaftes. Zur selben Zeit entwickelt sie ihre Paléokrystalos, bemalte Knochen von Truthähnen und Hühnern, die sie wie archäologische Funde in Kunstharz eingießt. Hatte Zeid in den 1950er-Jahren Steine bemalt und als Kontrapunkte zu den abstrakten Bildern im Raum platziert, begleiten nun die Knochen ihre Porträts. „Sie wurden auf Drehscheiben installiert“, erzählt Oikonomopoulos, „und aus unterschiedlichen Richtungen beleuchtet, sodass sie starke Lichteffekte im ganzen Raum erzeugten. Man kann sich die Skulpturen mit den Porträts als Environment vorstellen.“ Auch Zeids Wohnzimmer in ihrem Haus im jordanischen Amman, wohin sie 1975 nach dem Tod ihres Mannes zieht und noch fast zwei Jahrzehnte lang eine private Kunstschule unterhält, gleicht einer überbordenden Installation, in der sich Porträts, abstrakte Bilder und Skulpturen zu einem Gesamtkunstwerk verbinden.

Zeids Spätwerk ab den 1960er-Jahren bis zu ihrem Tod 1991 mag man als eine nostalgische Rückkehr zur Figuration deuten. In ihren Abstraktionen und Porträts ist aber auch eine Künstlerin zu erkennen, die unablässig grenzüberschreitende Formen und Formate erfindet, um in ihrer Kunst nicht nur sich selbst und der Welt näher zu kommen, sondern auch dem Göttlichen.