THE QUESTION:
Sind Künstler die Erneuerer des Kinos?

Das klassische Kino ist in der Auflösung begriffen. Nicht nur, dass eine jüngere Generation zunehmend Filme auf Smartphone- und Tablet-Bildschirmen guckt. Mit der Abwanderung großer Filmtalente ins Fernsehen sind hier inzwischen auch die Geschichten des Arthouse-Kinos zu Hause. Zugleich tauchen immer mehr Hollywood-Schauspieler in aufwendigen Kunstproduktionen auf. Doch: Sind Künstler wirklich die Erneuerer des Kinos?

Benjamin Heisenberg
Regisseur, Berlin. Photo: Franziska Krug
Benjamin Heisenberg

Ich glaube nicht daran, dass der Austausch zwischen bildender Kunst, Film, Literatur und Theater so viel intensiver geworden ist, als er früher war. Strategien der non-linearen Erzählung beziehungsweise einer eher performativen Wirkungslogik haben schon in den 1920er-Jahren zu Buñuels Zeiten, aber auch in den 1970er- und 1980er-Jahren im Spielfilm oder in Serien stattgefunden. Im Gegenzug sind filmische Strategien der Bildgestaltung und der Montage ständig in die bildende Kunst hineingetragen worden. Seit die Filmproduktion einfacher geworden ist und auch mehr Hochschulen verschiedene Kunstformen parallel lehren, gibt es sicher öfter Personen wie Weerasethakul, Serra, Corbijn, Farocki und andere, die gleichzeitig im Kunstkontext und im Spiel- oder Dokumentarfilm arbeiten – ich selbst habe mit Bildhauerei- und Spielfilmstudium auch diesen zweigleisigen Background. Das Gleiche gilt für Kuratoren und Programmmacher, die in vielen Welten zwischen Film, Theater, Literatur und bildender Kunst zuhause sind. Das gab es vor den 1990er-Jahren noch weniger und es hat sicher auch damit zu tun, dass eine Art kreativer Klasse gewachsen ist, die international zwischen den Institutionen, Kunstgattungen, Finanzierungsformen und Metropolen flotiert und darin ein eigenes Erfolgsmodell gefunden hat.
Für Filme und Serien, die weniger elitär sind als dieser internationale Kunstmarkt, gilt aber immer noch, dass nur ein ganz kleiner Teil der Zuschauer für Erzählformen offen ist, die sich radikal von einer klassischen Erzähllogik, das heißt von „Hooks“, „Plant and Payoff“, von Identifikation, psychologischer Erzählung und dem Drama als Basis abwenden. Die Irritation des Zuschauers durch neue Erzählelemente oder unerwartete Strategien ist deshalb immer wohldosiert und eindeutig im Dienste einer Erzählung.
Für mich als Erzähler ist nie entscheidend gewesen, wie modern oder zeitgenössisch eine Ausdrucksform ist. Ich frage mich einfach, was diese Ausdrucksform konkret für mich leisten kann und wie sie in meine Arbeit passt – unabhängig davon, ob sie gerade heute in einem Werbeclip von Nestlé läuft oder vor 10 000 Jahren an eine Höhlenwand gemalt wurde.




Cao Fei
Künstlerin, Peking. © BMW AG Photo Myrzik und Jarisch
Cao Fei

Zunächst einmal: nicht alle Künstler möchten ihre Videos im Kino zeigen oder als Mainstream-Film herausbringen. Natürlich wollen viele Künstler Filme machen, viele haben – so wie ich – eine Neigung zum Erzählerischen.
Unter den kommerziellen Filmen gibt es kaum explizit experimentelle Filme. Diese findet man nach wie vor unter dem Label der Kunstfilme und der Independent-Filmproduktionen. Es gibt einige wirklich herausragende amerikanische TV-Serien, die sich hinsichtlich Produktionsniveau, Thema oder Konzeption absolut mit großen kommerziellen Filmproduktionen messen können. Der Trend zur Diversifizierung ist unübersehbar.
Was wir unter „Film“ verstehen, wird auf allen möglichen Kanälen und Plattformen in den unterschiedlichsten Medien präsentiert. Die Vormachtstellung des Kinos ist im Schwinden begriffen. Sie wird ersetzt durch das Internet, Computerbildschirme, Notebooks, Tablets und Smartphones. Interessieren wir uns für einen Film eines bedeutenden Regisseurs, können wir in kürzester Zeit im Internet einen Link zu all seinen Filmen finden. Wenige Tage, nachdem ein neuer Blockbuster herausgekommen ist, ist dieser im Pay-TV-Kanal zu sehen. Daher haben wir allmählich das Verlangen nach dem „Film“ verloren. Es ist ein Leichtes, ihn zu sehen, zu kaufen, herunterzuladen, zu speichern oder zu sammeln.
Ist es die Aufgabe der Künstler, die Filmwelt wiederaufzubauen? Dadurch, dass jeder von uns mit dem eigenen Handy Filme machen kann, erlebt der Film eine demokratische Befreiung. Einerseits verbreiten und akkumulieren sich ausgesandte Informations- und Bilderfluten in unglaublicher Geschwindigkeit, andererseits geraten sie aber auch genauso schnell wieder in Vergessenheit. Das gilt nicht nur für Filme, sondern trifft auch auf viele andere Bereiche unseres Lebens zu. Wie können wir die besten Informationen (einschließlich der besten Filme) aus diesem überbordenden Angebot herausfiltern? Hoffentlich wird dies in der Zukunft nicht zu einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen.




Douglas Gordon
Künstler, Berlin. Photo: Martin Hunter
Douglas Gordon

what do you want

from me?

time?

space?

darkness?

light?

escape?

closure?

an end?

Dgx















Keren Cytter
Künstlerin, New York. Courtesy: the artist
Keren Cytter

Es handelt sich um zwei verschiedene Branchen, die meines Wissens nicht wirklich miteinander verbunden sind. Da gibt es Künstler, die als Hollywood- oder als europäische Regisseure arbeiten, dabei aber nicht die Autoren ihrer eigenen Filme sind. Und es gibt Künstler, die zwar die Drehbücher zu ihren Kinofilmen schreiben, aber sich dabei den Regeln des Kinos anpassen. Sie fokussieren sich zum Beispiel auf ein bestimmtes Genre oder nutzen konventionelle Produktionsmethoden. Andererseits gibt es viele Künstler, die sich einer kinematografischen Sprache bedienen oder sich Hollywood-Stars ausborgen, um die Welt des Kinos zu kritisieren oder zu feiern. Sie haben allerdings keinen erkennbaren Einfluss auf das Kino selbst.
Wenn ein Künstler einen von ihm selbst geschriebenen Spielfilm auf einem Filmfestival zeigt, läuft der in einer speziellen Sektion und nicht im Hauptprogramm. Diese Sektionen richten sich an Kunstkonsumenten und an ein aufgeschlossenes Publikum, das sich für Kunst interessiert.
Es gibt ein paar wichtige Filmregisseure, die die Regeln des Kinos brechen und mit seiner Sprache experimentieren. Sie werden in den Hauptsektionen der Filmfestivals präsentiert, ziehen ein großes Publikum an, gehören aber nicht zur Kunstwelt. Sie produzieren keine Videos speziell für Galerien oder Museen. Meiner Meinung nach existiert eine starke Verbindung zwischen Kunst und Kino, eine wirklich gleichwertige Interaktion gibt es aber nicht.




Raphael Gygax
Kunsthistoriker und Kurator, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich & Frieze Projects, London. Photo: Nicolas Duc
Raphael Gygax

Die Annahme, dass es so etwas wie eine „Erneuerung“ des Kinos durch die bildende Kunst gäbe, impliziert die Existenz eines „reinen Kinos“, das eine „Erneuerung“ braucht, weil es so isoliert ist und ganz für sich alleine steht. Das tut es aber nicht. Es war von Beginn an polyamorös. Ich betrachte „Kunst“ als ein Ganzes. Wenn wir uns die Kunst- oder Filmgeschichte genauer ansehen, erkennen wir schon zu Beginn ganz wichtige gegenseitige Einflüsse, Hybridisierungen. So beeinflusste der „Absolute Film“ der 1920er-Jahre mit Regisseuren wie Hans Richter, Viking Eggeling und Oskar Fischinger die späteren Disney-Animationen oder Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) mit seinen expressionistischen Bühnenbildern. Diese Liste könnte mühelos weitergeführt werden. Auf der anderen Seite sehe ich Einflüsse vom Storytelling oder der Schnitttechnik Hollywoods bei aktuellen Romanen von Bret Easton Ellis bis zu Sibylle Berg. Oder ich sehe wie Ryan Trecartins superschnelle Filme in Sean Bakers Tangerine (2015) nachhallen. Wundervolle pluralistische Welt der Kunst!
















Maike Mia Höhne
Kuratorin, Berlinale Shorts 2017, Berlin & Jury "MACHT KUNST! city video future". Photo: Konstanze Habermann
Maike Mia Höhne

Die Entwicklung des Kinos und der Erzählung im Film ist ohne die Kinetik nicht vorstellbar, ohne Künstler wie Birgit und Wilhelm Hein, Michael Snow und Hans Richter, um nur einige zu nennen, die den Rahmen des Sichtbaren auf der Leinwand um die Erfahrung des Körperlichen in diesem Bezugsraum erweitert haben. Bas Jan Ader hat wie in einer Fortsetzung der kinetischen Bewegung das Moment des Fallens untersucht. Die kinetische Malerei von Carolee Schneemann hat den begehrten Körper der Leinwand hinzugefügt. Das Konjugieren des polyphonen Narrativs und die Variationen im Blick auf die stereotypen Zuschreibungen, die Unterbrechung der Erzählung mit den Mitteln der künstlerischen Intervention – das sind Instrumente der Zukunft für das Kino. Das Narrativ braucht andere Blickwinkel. Dem Blick des Künstlers ist der andere Blickwinkel inhärent. Die Kinetik des 21. Jahrhunderts denkt das Kino als Ort mit – Film ist Strategie, Kommunikation, Verleih, Film ist Ephemeres im Kitt der sozialen Beziehungen. Das Ephemere übersteigt das Konkrete.













Wolf Bauer
Produzent und ehemaliger Geschäftsführer UFA, Berlin
Wolf Bauer

Kino ist und bleibt das Narrativ für die große Erzählung. Online- und High-End-Dramen ergänzen das. Künstler setzen neue Impulse in der Bildsprache und helfen uns damit, neue Themen adäquat umzusetzen.