"Wir möchten ein offenes Haus sein"
Ein Gespräch über das neue Forum der Deutschen Bank in Berlin

Die Deutsche Bank eröffnet im Sommer 2018 ihr neues Forum für Kunst, Kultur und Sport im Berliner Prinzessinnenpalais. Das historische Gebäude Unter den Linden wird auch der Sammlung Deutsche Bank ein neues Zuhause bieten. Ein Gespräch über preußische Geschichte, digitale Zukunftsvisionen und vieles mehr.

Prinzessinnenpalais, Unter den Linden, Berlin



ARTMAG Eine Baustelle mitten im kulturellen Herzen Berlins – direkt neben der Staatsoper und in Sichtweite des Humboldt Forums. Tägliche Abstimmungen mit Architekten, Technikern und anderen Dienstleistern. Warum sind Sie so begeistert von diesem neuen Projekt in der Hauptstadt?


Josephine Ackerman
Deputy Global Head Art, Culture & Sports

JOSEPHINE ACKERMAN Mit der Möglichkeit ins Prinzessinnenpalais zu ziehen, eröffnet sich uns eine ganz neue Welt. Es ist der ideale Ort, um den aus unserer Sicht großen Wurf zu wagen – unsere kulturellen Aktivitäten, also die Förderung von Sport, Musik und natürlich unser Engagement für die Kunst, unter einem Dach zu präsentieren und dabei vor allem auch internationale und zukunftsorientierte Formate zu entwickeln. Dazu gehören digitale und multimediale Angebote, mit denen wir all unsere Aktivitäten und die Sammlung noch zugänglicher machen und auch neue Besuchergruppen anziehen wollen.

ARTMAG Die Deutsche Bank KunstHalle in Berlin arbeitet erfolgreich. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, ein neues Forum für Kultur ins Leben zu rufen?

JA Das ist keine spontane Entscheidung, sondern das Ergebnis eines nun 20-jährigen Lernprozesses. Mit unserem kulturellen Engagement, besonders für aktuelle Kunst, wollten wir immer schon Neues wagen, Zeichen setzen, etwas tun, das die Gesellschaft inspiriert und möglichst auch weiterbringt. Bei allem Mut zum Neuen verfolgen wir natürlich immer auch eine langfristige Strategie und sind ja in der Kulturlandschaft der Stadt bereits lange verankert, nicht nur mit der KunstHalle, sondern zum Beispiel auch durch unsere Kooperation mit den Berliner Philharmonikern.


Friedhelm Hütte
Künstlerischer Direktor Prinzessinnenpalais

FRIEDHELM HÜTTE Bereits 1997 haben wir in Berlin gemeinsam mit der New Yorker Guggenheim Foundation das Deutsche Guggenheim initiiert. Ein transatlantisches Format, das perfekt zum Zeitgeist dieser Stadt passte, die sich gerade zur wichtigsten und vitalsten Kunstmetropole der Welt entwickelte.

SVENJA VON REICHENBACH 15 Jahre später entstand dann mit der KunstHalle ein neues, noch globaleres Konzept mit mehr internationalen Kooperationen mit Museen wie der Tate Modern in London. Außerdem wollten wir unserer Sammlung eine stärkere Präsenz geben und sie in ihrer ganzen Bandbreite der Öffentlichkeit präsentieren. Hinzu kamen die „Künstler des Jahres“-Ausstellungen, mit denen wir kommenden Stars hier in Berlin eine viel beachtete Plattform bieten.

FH Dieses Programm führte das Haus schon an seine logistischen Grenzen. Und es wurde deutlich: Wir brauchen einen Platz, an dem wir die Sammlung dauerhaft in der Öffentlichkeit zeigen können.

JA Das machen wir im kulturellen Zentrum Berlins ganz nah an der Museumsinsel und dem Humboldt Forum, für das wir uns ebenfalls engagieren – auch diese Institution verkörpert ein völlig neues Museumsformat. Die Stadt ist gerade in einem enormen kulturellen Wandel. Ein Wandel, an dem wir mitwirken wollen. Deshalb gehen wir mit unserer Kunst aus der Bank raus und präsentieren ab 2018 im Prinzessinnenpalais breit aufgestellt Kultur pur.

FH Die Tendenz zum kulturellen Crossover ist in der aktuellen Kunst schon lange deutlich. Künstler komponieren, drehen Filme, arbeiten mit Orchestern, kooperieren mit Theatergruppen, mit Hightechexperten und Wissenschaftlern.  

SARA BERNSHAUSEN Denken Sie nur an William Kentridge oder Steve McQueen, der sogar in Hollywood gedreht hat. Oder einen Komponisten wie Ari Benjamin Meyers, der gerade in der bildenden Kunst seinen internationalen Durchbruch hat.


Svenja von Reichenbach
Head Deutsche Bank KunstHalle

SVR Die Schnittstellen von Kunst, Musik und auch Sport wollen wir nutzen.

ARTMAG Was bedeutet das für Ihr Ausstellungsprogramm?

SVR Durch die dreimal so große Fläche werden wir parallel Ausstellungen aus der Sammlung und hochkarätige Gastausstellungen zeigen können. Es ist geplant, neben unseren bisherigen Partnern wie der Tate oder dem Guggenheim mit anderen bedeutenden Museen oder auch Privatsammlungen zu kooperieren, denen wir hier ein Schaufenster bieten.

FH Die Berliner werden ab 2018 noch mehr internationale Ausstellungen sehen, für die sie sonst nach London, New York oder Asien reisen müssten. Die Sammlung wird in wechselnden Ausstellungen mit jeweils 11-monatiger Laufzeit präsentiert. Damit kommen jetzt Werke nach Berlin, die hier noch nie zu sehen waren. Die Eröffnungsschau wird dem Schwerpunkt der Sammlung, den Werken auf Papier, gewidmet sein. Für die Zeit nach 1945 zählt der Bestand der Bank in diesem Medium zu den bedeutendsten Sammlungen weltweit. Die Auswahl der rund 300 Highlights – von 1960 bis heute – wird außerdem sowohl die internationale Ausrichtung als auch den von Beginn an verfolgten Fokus auf junge oder noch unbekannte Künstler deutlich vor Augen führen. Neben bekannten Namen wie Beuys, Warhol oder Christo werden dementsprechend auch Positionen wie Koki Tanaka, Meschac Gaba oder Phoebe Washburn vertreten sein. Geplant sind im Anschluss weitere Sammlungspräsentationen zu den Themen „Fotografie“ und „Asien“.


Sara Bernshausen
Deputy Head Deutsche Bank KunstHalle

SB Wir arbeiten auch an interdisziplinären Ausstellungen und Veranstaltungsreihen, für die wir uns noch enger mit Museen und Kulturinstitutionen in der Stadt vernetzen werden. Musik wird eine wesentliche Rolle spielen, aber auch Performance. Der zusätzliche Raum gibt uns Gelegenheit, Talk- und Veranstaltungsformate ohne allzu großen Vorlauf zu präsentieren und jungen, vielversprechenden Talenten ein Forum zu bieten.

SVR Auch wenn wir bald an einem historisch beeindruckenden Standort sind, wollen wir mit unseren gebündelten Aktivitäten ein offenes Haus bieten, das mit innovativen, leicht zugänglichen Angeboten attraktiv für ganz unterschiedliche Publikumsgruppen ist, die sich sonst vielleicht nicht immer motivieren lassen.

ARTMAG Wie geht denn Sport mit der Kunst zusammen? Soll etwa im Palaisgarten oder den Ausstellungsräumen geturnt werden?

JA Vielleicht als Teil einer Performance (lacht). Aber unser Hauptanliegen ist das sicher nicht. Sport kann eine Form populärer Kultur sein, die immer wichtiger wird. Sportler zählen zu den Helden des 21. Jahrhunderts. Es ist nicht nur wichtig, wie sie spielen oder kämpfen, sondern auch wie sie leben – und denken. Schon lange werden Aspekte des Sports in den Feuilletons besprochen. Sport kann auch eine Kunstform sein und Sportler werden als komplexe Persönlichkeiten gesehen. Themen wie etwa Leistungsdruck, Depressionen, Outing, Geschlechterrollen, Gesundheit, Ethik und Doping sorgen für unglaublich viel Diskussionsstoff. Das Schreiben, Sprechen, Nachdenken über Sport ist politischer, intellektueller und bunter geworden. Das wollen wir weiter anregen. In Aachen haben wir in diesem Jahr auf dem CHIO ein interessantes Begleitprogramm konzipiert. Die legendäre Dressurreiterin Isabell Werth, der Dirigent und Grammy-Award-Gewinner Christian Gansch und Vertreter aus Wirtschaft, Sport und Kultur diskutierten zum Thema Leadership, Unternehmens- und Mitarbeiterführung – für alle Teilnehmer ein im wahrsten Sinne denkwürdiges Erlebnis. Wenn der Sport näher an Themen der Kunst, Musik oder Wirtschaft rückt, wird es nicht nur unterhaltsam, sondern tatsächlich auch lehrreich. Wir konzipieren für das neue Haus eine Veranstaltungsreihe, die Sie überraschen und begeistern wird. Das Palais soll vor allem ein Ort sein, an dem über kulturelle Themen wie auch den Sport gesprochen oder nachgedacht wird.

FH Oder ausgestellt! Auch die Kunst liebt den Sport. Man denke nur an Douglas Gordons Zidane: A 21st Century Portrait. Andersherum sammeln auch Fußballer Kunst und besuchen Kunstmessen. Und natürlich werden wir auch die Kunst mit dem Thema Sport verbinden.

JA Wir können völlig neue Synergien schaffen. Alle drei Gebiete begeistern Menschen. Es gibt wohl kaum jemanden, der sich ausschließlich für eine Sache interessiert. Wie viele Menschen sind gleichzeitig im Sportverein und gehen regelmäßig in Konzerte und Museen! Wie viele Leute, von denen man es gar nicht denkt, gehen ins Stadion. Unser neues Haus will offen, nicht elitär sein, ein Treffpunkt für unterschiedliche Geister, der allen Beteiligten neue Erfahrungen bietet.

ARTMAG Das Prinzessinnenpalais ist vielen Berlinern sehr vertraut. Das Operncafé war über Jahrzehnte ein beliebter Treffpunkt. Wie setzen Sie diese Tradition fort?

SVR Die Öffentlichkeit wird ein neues, spannendes Kulturforum in einem historischen Gewand erleben, das den Zugang zu Kunst und Musik erleichtert und Menschen verbindet. Das Prinzessinnenpalais wird gerne als hochherrschaftlich und feudal beschrieben. Tatsächlich wurde das geschichtsträchtige Gebäude, in dem die Hohenzollern bis 1918 residierten, im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und erst zwischen 1962 und 1964 rekonstruiert: Im Inneren verbirgt sich daher ein moderner Skelettbau aus Stahlbeton. Das Rokokotreppengeländer hingegen stammt aus dem Schloss in Berlin-Buch. Nach der Wiedervereinigung wurden die Räume dann historisierend gestaltet. Jetzt werden sie für die neue Nutzung als Kulturforum umgebaut. Das Haus ist also vor allem ein von der jüngeren Geschichte geprägter, hybrider Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Einflüsse und Zeiten überlagern. Auch eine Art Crossover und für unser Projekt also ideal. Es ist repräsentativ, hat aber eine ausgesprochen gastfreundliche Tradition. Hier treffen sich die Berliner und ihre Gäste aus der ganzen Welt. Diese Tradition wollen wir fortsetzen. Und natürlich wird es auch wieder ein Café geben, das mit Kaffee und den berühmten Torten lockt.

Illustrationen: Gisela Goppel