Honorata Martin gewinnt
VIEWS 2017 – Deutsche Bank Award

Was von einem Leben übrig bleibt: Aus Möbeln, Geschirr, Stoffen und Bildern, die ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter gehörten, hat Honorata Martin eine Art Hütte konstruiert, die an die improvisierten Behausungen in Favelas oder die Zelte von Nomaden erinnert. Jetzt wurde sie für diesen sehr persönlichen Beitrag zu der VIEWS-Ausstellung in der Warschauer Zachęta mit dem Deutsche Bank Award ausgezeichnet. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Bekannt wurde Martin mit Aktionen, bei denen sie bis an ihre körperlichen oder psychischen Grenzen ging: So sitzt sie in einem ihrer ersten Videos bei minus 30 Grad, nur mit einem Badeanzug bekleidet, auf einem Dach und liest aus dem Buch Afrikanisches Fieber (Heban) des legendären polnischen Reporters Ryszard Kapuściński vor. Für ihre bekannteste Aktion Going out into Poland durchquerte Martin 2013 ihr Heimatland zu Fuß. In zwei Monaten lief sie ganz auf sich gestellt von der Ostsee bis nach Niederschlesien. Für Come and Take What You Want lud Martin das Publikum in ihre Wohnung ein und ermunterte die Besucher, alles was sie nur wollen mitzunehmen.

In ihrer Begründung betont die Jury die „Sensibilität, den Mut und die Konsequenz mit der Honorata Martin Beziehungen herstellt, die auf Offenheit und Anerkennung statt auf Ablehnung basieren sowie die Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit mit der sie die Gesellschaft erkundet und interpretiert“. Den zweiten Preis, ein Stipendium in dem Künstlerhaus Villa Romana in Florenz, verlieh die Jury Przemek Branas, der sich mit den Schnittstellen zwischen Geschichte und Kunstgeschichte, Wahrheit und Fiktion beschäftigt. Ausgangspunkt seines Beitrags ist das Attentat auf Gabriel Narutowicz, den ersten Präsident der Zweiten Polnischen Republik. Auf dem Weg zu einer Ausstellung wurde er 1922 auf der großen Treppe der Zachęta von einem nationalistischen Fanatiker erschossen. In seinem Video kombiniert Branas dieses historische Ereignis mit einer berühmten Aktion von Chris Burden, der sich für Shoot von seinem Assistenten mit einem Gewehr in den Arm schießen ließ. Dabei schlüpft Branas selbst in die Rolle des Body-Art-Künstlers

Zachęta, das bedeutet auf Deutsch „Ermutigung“. Und tatsächlich steht die 1860 im Zentrum von Warschau eröffnete Zachęta Nationalgalerie für das gesellschaftliche und kulturelle Engagement des Bürgertums, aber auch den Aufbruchsgeist der jungen polnischen Nation und deren Selbstvergewisserung durch die Kunst. Inzwischen hat sich das Haus zu einem der wichtigsten Foren für lokale und internationale Gegenwartskunst in Polen entwickelt. 2003 fand hier die erste Ausgabe von VIEWS statt, die Ausstellung der für den Deutsche Bank Award nominierten Künstler. Das Kooperationsprojekt mit der Deutschen Bank stärkt die künstlerische Infrastruktur des Landes und gibt dem Publikum alle zwei Jahre einen Überblick über die aktuellen Tendenzen der polnischen Szene. 2016 war VIEWS auch in Berlin zu Gast: Mit COMMON AFFAIRS präsentierten die Deutsche Bank KunstHalle und das Polnische Institut Berlin eine Auswahl von Arbeiten der Preisträger und Nominierten. Die diesjährigen Beiträge fallen sehr politisch aus. Die Jury unter dem Vorsitz der Malerin Paulina Ołowska, einer der prominentesten Gegenwartskünstlerinnen des Landes, nominierte fünf zwischen 1984 und 1987 geborene Künstlerinnen und Künstler, die Stellung zur aktuellen Lage in Polen beziehen.  

Die innenpolitische Situation hat sich hier seit dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS Partei verhärtet. Regierung und Opposition stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Und genau diese Spaltung der polnischen Gesellschaft wird auch in der Ausstellung zum wichtigsten Preis für polnische Gegenwartskunst verhandelt – besonders im Hinblick auf den zunehmenden Nationalismus im Land. So widmet sich Ewa Axelrad der Faszination, die von Uniformen, Flaggen und Männerbünden ausgeht. In sie zeigt, wie die Sehnsucht nach einer kollektiven Identität zu Ausgrenzung führt und letztendlich in Gewalt umschlagen kann.

Explizit politisch ist auch das Projekt von Łukasz Surowiec. Er hat eine Modekollektion entworfen, die sich an dem Look der Demonstranten aus der autonomen Szene orientiert. Wie in einer Boutique kann man sie in der Zachęta kaufen. Man kann sie aber auch eintauschen – gegen Fotos, die eine Teilnahme an einer antifaschistischen oder antirassistischen Demonstration oder an einem Streik nachweisen Diese Fotos sollen Teil einer Ausstellung oder eines Buchs werden. Surowiec geht es nicht so sehr um das Produzieren von Werken, sondern um das Herstellen sozialer Situationen im Alltagsleben.

Mit Agata Kus hat es auch eine Malerin in die diesjährige Auswahl geschafft. Ihre Leinwände erinnern an gemalte Collagen. Schauspieler und literarische Figuren tauchen hier ebenso auf wie befreundete Musiker. Dabei sind Referenzen an Caravaggio aber auch Filme wie Murnaus Nosferatu zu erkennen. Kus steht für eine junge, international orientierte Generation, die ihre Inspirationen dank des Internets aus der ganzen Welt bezieht.
A.D.

VIEWS 2017 ― Deutsche Bank Award
bis 12.11.2017
Zachęta Nationalgalerie, Warschau