„Ich lege Zeugnis ab“
Carrie Mae Weems im Edward Hopper House

Carrie Mae Weems zählt zu den profiliertesten afroamerikanischen Künstlerinnen und ist auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. In ihren Fotoarbeiten und Videos thematisiert sie schwarze Identität und die Rolle schwarzer Künstler in einer von Weißen dominierten Kulturgeschichte. Jetzt wurde Weems mit der „Edward Hopper Citation of Merit for Visual Artists“ geehrt. Diese Auszeichnung verleiht der Staat New York seit diesem Jahr an Künstler, die sich um das kulturelle Leben des Bundesstaats verdient gemacht haben. Teil der „Citation of Merit“ ist eine Einzelausstellung im Edward Hopper House. Das Geburtshaus des berühmten Malers in der 60 Kilometer von New York entfernten Kleinstadt Nyack dient seit 1971 als Museum und zeigt regelmäßig Ausstellungen zur Gegenwartskunst. Weems präsentiert hier ihre Fotoserie Beacon, ein elegisches Porträt der gleichnamigen Stadt am Hudson River, in der sie 2002 ein Jahr als Stipendiatin verbrachte.

Lange lebte Beacon vor allem von seinen Papierfabriken, Ziegeleien und einem nahegelegenen Skigebiet. In den 1970er Jahren geriet die Stadt in eine Krise: Die Fabriken und das Skigebiet schlossen, in den 1990er Jahren standen bis zu 80 % der Industrie- und Gewerbeflächen leer. Doch dann begann die wirtschaftliche und kulturelle Wiedergeburt der Stadt, die 2003 in der Eröffnung des Dia:Beacon, einem der größten amerikanischen Museen für Kunst nach 1960, kulminierte. In der ehemaligen Keksfabrik werden Werkgruppen von bedeutenden Künstlern wie Dan Flavin, Andy Warhol, Imi Knoebel oder Agnes Martin gezeigt, die zahlreiche Besucher aus aller Welt anziehen.

Weems Fotoserie entstand im Jahr vor der Eröffnung des Museums, in einer Zeit des Umbruchs. Es sind Aufnahmen, die atmosphärisch ähnlich dicht sind wie die Gemälde Edward Hoppers. Man sieht verlassene Fabriken oder einen leer stehenden Trakt des Matteawan State Hospital, in dem einst psychisch kranke Strafgefangene untergebracht waren, aber auch die idyllische Landschaft des Hudson Valleys oder das Gebäude des Dia:Beacon – ein Symbol der Hoffnung auf bessere Zeiten, aber ebenso ein Ort, in dem der von Weißen dominierte Kanon der Avantgarde festgeschrieben wird.

In Beacon wie auch in den darauffolgenden Serien Roaming und Museums ist auf den meisten der Fotografien nur eine einzige menschliche Gestalt zu sehen – die Künstlerin selbst. Sie inszeniert sich als schwarz gekleidete Rückenfigur, die die Szenerie beobachtet, als fast geisterhaft wirkende Stellvertreterin des Betrachters. „Ich lege Zeugnis ab“, erklärt die Künstlerin, „konfrontiere etwas, diene dem Betrachter als Führer und gemeinsam beobachten wir etwas.“ Gleichzeitig schreibt sie sich in die jeweiligen Orte ein. In Beacon ist es eine amerikanische Kleinstadt mit einer überwiegend weißen Bevölkerung. In Roaming posiert sie vor den monumentalen Bauten Roms, in Museums vor weltberühmten Ausstellungshäusern wie dem Louvre, der Tate Modern oder dem Pergamon Museum. Auf subtile Weise stellt Weems mit ihren konzeptuellen Fotoarbeiten die Frage nach der Rolle afroamerikanischer Frauen – in der Gesellschaft, aber auch in kulturellen Institutionen.

Carrie Mae Weems: Beacon
The Edward Hopper Citation of Merit for Visual Artists Recipient Exhibition

10.11.17 – 25.02.18
Edward Hopper House, Nyack, NY