Mut zum Risiko
Performa 17 in New York

Wer wissen will, was in Sachen Performance gerade state of the art ist, darf sich die New Yorker Performa nicht entgehen lassen. Diese weltweit einzigartige Biennale widmet sich seit 2005 ausschließlich Arbeiten, die die Grenzen zwischen visueller Kunst, Grafikdesign, Tanz, Mode, Architektur, Musik, Film und sogar dem Kochen sprengen. Lange galten Performances als nur wenig beachtetes Relikt der 1960er und 70er Jahre. In Zeiten der Digitalisierung und virtueller Welten stoßen sie aber wieder auf ein wachsendes Interesse und sind auch auf internationalen Kunstmessen wie der Frieze oder der Art Basel präsent. Wie Tanz und Theater sind Performances für den Moment geschaffen, sie sind „einmalig“ und ermöglichen es den Zuschauern, Kunst im Augenblick ihres Entstehens zu erleben.

Auf der Performa 17 waren zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten und mit Kemang Wa Lehulere, Wangechi Mutu und Yto Barrada wurden gleich drei „Künstler des Jahres“ eingeladen. Sie alle stammen aus Afrika, dem Kontinent, dem der Schwerpunkt des diesjährigen Festivals gewidmet war. Besonders gut vertreten war die vitale Szene Südafrikas. Mit William Kentridge war auch der wohl prominenteste Künstler des Landes mit dabei. Kentridge, der 2006 die Auftragsarbeit Black Box / Chambre Noire für die Deutsche Guggenheim realisierte, präsentiert seine Version von Kurt Schwitters legendärer Ursonate, einem Lautgedicht, das der Dadaist zwischen 1922 und 1932 in verschiedenen Versionen vortrug. Um Klang ging es auch Kemang Wa Lehulere, dessen “Künstler des Jahres”-Schau Bird Song bis vor kurzem im römischen MAXXI auf dem Programm stand. I cut my skin to liberate the splinter hatte er seine dynamische Sound-Installation betitelt, die aus maschinenartigen Skulpturen besteht. Wie seine Arbeiten in Bird Song hat er sie unter anderem aus alten Schulmöbeln konstruiert. Die Skulpturen können Klänge erzeugen und werden von Musikern und Performern aktiviert. Inspiriert wurde das Projekt von Cosmic Africa, einem 2003 entstandenen Dokumentarfilm über Thebe Medupe. Der Astrophysiker verbindet in seiner Arbeit moderne Wissenschaft mit den uralten Mythen des Kontinents. Diese Arbeit überzeugte auch die Jury des Malcolm McLaren Awards, der seit 2011 am Ende der Performa an den Künstler verliehen wird, dessen Beitrag den risikofreudigen Charakter der Biennale am besten verkörpert. Gestiftet wurde die Auszeichnung in Erinnerung an den „Erfinder des Punk“ und legendären Manager der Sex Pistols. Mit Mohau Modisakeng und Zanele Muholi waren noch zwei weitere spannende Vertreter der jungen Künstlergeneration Südafrikas bei der Performa vertreten. Modisakeng machte New York zu seiner Bühne: Er initiierte eine Prozession, bei der 20 Tänzer ihre Habseligkeiten durch die Straßen der Stadt tragen. Damit erinnerte er nicht nur an die Vertreibungen zur Zeit der Apartheid, sondern auch an das Schicksal der Flüchtlinge von heute.   

Ihr Leben im Spannungsfeld zwischen den Metropolen New York und Nairobi, wo sie kürzlich ein zweites Studio eröffnet hat, inspirierte Wangechi Mutu zu ihrer Multimedia-Performance Banana Stroke. Auch Yto Barrada bedient sich bei ihrer ersten Live-Performance verschiedener Medien: In Tree Identification for Beginners vereint sie Film, Skulptur, Songs und vorgetragene Texte. Ausgangspunkt dieser Arbeit war eine Reise ihrer Mutter in die USA. 1966 wurde die damals 20-jährige Studentin vom Außenministerium als eine von 50 „Young African Leaders” eingeladen, um die Segnungen des American Way of Life kennenzulernen. Die marokkanische Künstlerin verwebt ihre Familien- mit der kollektiven Geschichte und fragt, welche Relevanz die progressiven politischen Strömungen der 60er Jahre wie die panafrikanische Bewegung oder die Proteste gegen den Vietnamkrieg für die heutige Zeit haben. Um die aktuelle politische Situation ging es in dem Projekt von Julie Mehretu und Jason Moran. Die Performance der in Äthiopien geborenen Malerin, die wie Kentridge eine Auftragsarbeit für die Deutsche Guggenheim realisierte, und des amerikanischen Jazz-Pianists reagierte in einer Art gemeinsamer Trauerarbeit auf die Ära Trump, bei der sich Mehretus gestische Pinselstriche und Morans Klänge, die von der Musik, die in New Orleans auf den Jazz Funerals gespielt wird, aufeinander reagieren.
A.D.

Performa 17
bis 19.11.2017
an verschiedenen Orten in New York