Sammlung in neuem Licht
A Tale of Two Worlds im Frankfurter MMK

Zwei gigantische Pinselstriche auf gerastertem Grund – Roy Lichtensteins Yellow and Green Brushstrokes (1966) versteht sich als ironischer Kommentar zu den bedeutungsschweren Gesten des Abstrakten Expressionismus. Das gut zwei Mal viereinhalb Meter große Gemälde zählt zu den bedeutendsten Werken in der Sammlung des Frankfurter MMK. Lichtensteins Pinselstriche sind das Ergebnis akribischer Vorbereitungen: Er skizzierte das Motiv und übertrug es dann per Projektion und Rastertechnik auf die Leinwand. Bereits ein paar Jahre zuvor hatte sich auch der Argentinier Kenneth Kemble am Abstrakten Expressionismus abgearbeitet. Während Lichtenstein seine Pinselstriche in poppigem gelb und grün auf die Leinwand übertrug, setzen sie sich bei Kemble aus einer Unmenge kleiner schwarzer Tupfen zusammen. Doch eines verbindet den Nord- und den Südamerikaner: Beide nutzen Arbeitsweisen, die in diametralem Gegensatz zu der spontanen Malerei stehen, mit der die Abstrakten Expressionisten ihrem Seelenleben Ausdruck verliehen.

Um solche Korrespondenzen geht es in der Ausstellung A Tale of Two Worlds, die experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er- bis 80er-Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK zeigt. Konzipiert wurde die Schau von MMK-Kurator Klaus Görner in Zusammenarbeit mit Victoria Noorthoorn und Javier Villa, der Direktorin und dem Seniorkurator des Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA), wo das Projekt 2018 gastiert. Noorthoorn zählt zum Deutsche Bank Global Art Advisory Council, das die „Künstler des Jahres“ vorschlägt. 2013/14 war ihre Ausstellung The Circle Walked Casually in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen, die rund 130 Papierarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank in einem weißen, endlos wirkenden Raum zum Schweben brachte.

A Tale of Two Worlds reflektiert eine tiefgreifende Veränderung des Kunstdiskurses. Der hat sich in den letzten Jahren zunehmend auch für nicht-westliche Künstler, Kuratoren und Theoretiker geöffnet. Der Kanon ändert sich, wird durch Positionen aus Südamerika, Asien und Afrika erweitert. Das zeigt ebenso die neue Sammlungspräsentation der Tate Modern wie die Kunstausstattung der Deutsche Bank-Türme in Frankfurt, wo seit 2011 Arbeiten von 100 Künstlern aus 44 Ländern rund um die Welt zu sehen sind.

Die Präsentation erstreckt sich über die gesamte Ausstellungsfläche des MMK und umfasst 500 Werke von über 100 Künstlern aus Lateinamerika, den USA und Europa. Mit dabei sind so unterschiedliche Positionen wie Hélio Oiticica, Cildo Meireles, Ana Mendieta, Blinky Palermo, Andy Warhol oder Karl Otto Götz. Die miteinander verwobenen Perspektiven zweier Kontinente und Kulturen geben dem Museum die Möglichkeit, die eigene Sammlung in einem völlig neuen Licht zu sehen: Obwohl die ausgestellten Werke unter unterschiedlichsten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen entstanden, veranschaulicht die Ausstellung immer wieder parallele Entwicklungen, aber auch Unterschiede und Brüche.

A Tale of Two Worlds
Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er- bis 80er-Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK
MMK 1, Frankfurt a. M.
25.11.2017 – 02.04.2018