Tanz auf dem Vulkan
Kunst der Weimarer Republik in Frankfurt und Bielefeld

Wie aktuell sind Expressionismus und die Kunst der Weimarer Republik? Dieser Frage widmen sich gerade zwei große Ausstellungen, die von der Deutschen Bank mit bedeutenden Leihgaben unterstützt werden. In der Kunsthalle Bielefeld steht Der böse Expressionismus auf dem Programm. Bereits der Titel signalisiert: Hier wird ein frischer Blick auf eine populäre Kunstrichtung geworfen. Und die Frankfurter Schirn zeigt in Glanz und Elend in der Weimarer Republik die Kunst einer Zeit voller Umbrüche, die der Gegenwart gar nicht so unähnlich ist. Hier begegnet man auf George Grosz‘ 1920 entstandener Zeichnung Der Agitator aus der Sammlung Deutsche Bank und dem gleichnamigen Gemälde von Curt Querner von 1931 einem Typus von Politikern, die heute wieder allgegenwärtig sind: Populisten und Nationalisten, die mit platten Parolen und einfachen Wahrheiten um Wählerstimmen kämpfen.

Mit 190 Gemälden, Grafiken und Skulpturen, aber auch Filmen, Zeitschriften, Plakaten und Fotografien entwirft die Schirn ein Panorama der deutschen Kunst zwischen 1918 und 1933. Neben bekannten Namen wie Max Beckmann und Otto Dix finden sich einige spannende Wiederentdeckungen, darunter auch zahlreiche Künstlerinnen, etwa Hanna Nagel mit ihren erschütternden Schilderungen der Folgen des Paragraph 218.

Die Schau zeichnet das Bild einer Gesellschaft in der Krise. Dabei setzten zahlreiche Künstler auf eine ungeschminkte, oft auch zugespitzte Spiegelung der Wirklichkeit. Dieser Realismus prägt die meisten Exponate – von Rudolf Schlichters Margot, einem typischen Porträt der selbstbewussten „Neuen Frau“ der zwanziger Jahre, bis zu Karl Hofers Arbeitslose (1932). Die fünf Männer auf dem Gemälde aus der Sammlung Deutsche Bank verbindet ein ähnliches Schicksal. Doch Hofer zeigt sie nicht als solidarische Gemeinschaft. Im Gegenteil: Abwesend starrt jeder in eine andere Richtung, ist mit seinem eigenen Schicksal allein.

Das Leben auf den Straßen der Großstadt und politische Unruhen werden in der Ausstellung ebenso verhandelt wie die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport, die in Rudolf Bellings großartigem Bronzeporträt von Boxstar Max Schmeling oder in Max Oppenheimers dynamischen Gemälde Sechstagerennen zum Ausdruck kommt. Vergnügungssucht und Technisierung, Konflikte zwischen Arm und Reich, Stadt und Land – die Werke spiegeln eine zersplitterte Gesellschaft, die in ihrer Ambivalenz nicht wenige Parallelen zur Gegenwart aufweist.

Stehen in der Schirn Verismus und Neue Sachlichkeit im Mittelpunkt, fokussiert sich die Kunsthalle Bielefeld auf den Expressionismus, die Avantgarde der Vorgängergeneration. Einst skandalumwitterte Außenseiter, sind die Expressionisten heute längst gesellschaftsfähig. Besonders ihre Landschaftsbilder wurden und werden millionenfach auf Postkarten oder in Kalendern und Bildbänden reproduziert.

Doch die Expressionisten verstanden sich eigentlich als Kämpfer gegen die Konventionen. „Wir wollen die Bürger nicht unterhalten, wir wollen ihnen ihr bequemes, ernst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren“, verkündete Herwarth Waldens 1910 begründete Zeitschrift Der Sturm, das Sprachrohr der Expressionisten. Sie reagierten auf eine rückständige, an feudalen und militaristischen Idealen orientierte Gesellschaftsordnung des wilhelminischen Kaiserreiches, die von den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen überfordert war, von Industrialisierung und Landflucht, rasant wachsenden Großstädten, Wohnungsnot und Massenverelendung. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 begann der Kollaps dieses Systems.

Die jungen Künstler und Dichter des Expressionismus probten den Aufstand gegen die Konventionen. „Antipathie gegen alles, was von weitem nur so aussah wie bürgerliches Empfinden oder Gewohnheiten“, notierte Ernst Ludwig Kirchner in seinem Tagebuch. Sie suchten nach einem neuen, ursprünglicheren Leben in Einklang mit der Natur. Davon zeugen ihre Landschaftsbilder, aber auch Arbeiten wie Ernst Ludwig Kirchners 1912 auf der Ostseeinsel Fehmarn entstandene Skizze Kniende Frauen aus der Sammlung Deutsche Bank. Wie Erich Heckels nackte Badende stehen diese Motive für die Sehnsucht nach Körperlichkeit und Freiheit jenseits gesellschaftlicher Normen.

Vom großstädtischen Kirchner zeugt dagegen sein Selbstbildnis im Morphiumrausch (1917), auf dem der Kopf des Künstlers fast zu zerbersten scheint. Ebenso radikal wirkt Oskar Kokoschkas Am Boden sitzender weiblicher Akt (1913) aus der Sammlung Deutsche Bank. Die kauernde Frau gleicht einem Symbol für existenzielle Not und Verzweiflung. Zu den Höhepunkten der Schau zählen neben George Groszs karikaturhaften Café- und Straßenszenen auch Bilder von weniger bekannten Künstlern: Gert H. Wollheims explodierender Kopf, Hans Richters ekstatisches Visionäres Porträt oder Jakob Steinhardts Pogrom. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges schildert er die Pogromstimmung als Ausdruck einer zutiefst inhumanen Gesellschaft. Wie in Frankfurt erscheinen auch die Künstler in Bielefeld als Seismografen für die Krisen ihrer Zeit – einer Zeit, die der unseren manchmal auf erschreckende Weise gleicht. 
A.D.

Der böse Expressionismus. Trauma und Tabu
bis 11.03.18
Kunsthalle Bielefeld

Glanz und Elend in der Weimarer Republik
bis 25.02.18
Schirn, Frankfurt a. M.