Kosmopolitische Abstraktionen
Fahrelnissa Zeid in der Deutsche Bank KunstHalle

Lange war Fahrelnissa Zeid nahezu vergessen. Doch das wird sich jetzt ändern: In Kooperation mit der Londoner Tate Modern präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle eine umfassende Retrospektive der türkischen Künstlerin. Mit der Ausstellung wird Zeid endlich als eine der wichtigsten Protagonistinnen der abstrakten Nachkriegsmoderne geehrt – und als Frau, die in der von Männern dominierten Kunstwelt völlig neue Maßstäbe setzte.
My Hell ist der Ausdruck eines enormen künstlerischen Selbstbewusstseins: ein flirrendes All-Over aus abstrakten, kristallinen Formen in Rot und Gelb, Schwarz und Weiß. Das 1951 entstandene Gemälde ist extrem groß: zwei Meter hoch und fünf Meter breit. Bis auf Jackson Pollocks Meisterwerk Mural von 1943, das 2015 in der KunstHalle zu sehen war, erreicht in der damaligen Zeit kaum ein Gemälde in vergleichbare Dimensionen, schon gar nicht von einer Frau.

My Hell ist das Resultat eines ebenso kosmopolitischen wie bewegten Lebens zwischen Istanbul, Berlin, London und Paris – und der Synthese unterschiedlichster Stile: Aus den kräftigen Farben der Fauvisten, den dissonanten Geometrien der Kubisten und den präzisen Linien von Mondrian entwickelt sie ihre ganz eigene abstrakte Formensprache. Dabei lässt sie ein für die westliche moderne Kunst völlig neues Vokabular einfließen, das seinen Ursprung, bewusst oder unbewusst, in der Natur und in byzantinischer Mosaikkunst, islamischer Architektur, Kunsthandwerk und Philosophie des Orients hat.

Zeid wird 1901 in Istanbul in eine großbürgerliche Intellektuellenfamilie hineingeboren. Kurz vor dem 1. Weltkrieg erschießt ihr eigener Bruder unter ungeklärten Umständen ihren Vater – die erste von mehreren Tragödien, die ihr Leben überschatten. Nach dem Krieg besuchte sie als eine der ersten Frauen in der Türkei die Kunstakademie in Istanbul, um ihre Studien dann in den späten 1920er-Jahren in Paris abzuschließen. Nur wenige ihrer ersten Arbeiten sind erhalten. Eine Ausnahme ist das 1915 entstandene Porträt ihrer Großmutter, das auch in der KunstHalle zu sehen ist. Zeid betrachtete die Malerei zunächst, wie viele damalige Malerinnen aus der Oberschicht, als „Privatvergnügen“, das sie, trotz Schicksalsschlägen wie dem Tod eines ihrer Söhne, konsequent verfolgt – auch als Therapie und Mittel der Selbstfindung.

1934 heiratet die Künstlerin den haschemitischen Prinzen Zeid Al-Hussein, der als Botschafter seines Landes nach Berlin berufen wird und nach der Annexion Österreichs 1938 mit seiner Frau nach Bagdad zurückkehrt. Regelmäßige Ausflüge zu antiken Stätten wie Babylon und Ninive inspirierten sie, doch inmitten des von strengen Konventionen bestimmten irakischen Hofstaats wird Zeid depressiv. Um zu genesen beginnt sie zu reisen, pendelt zwischen Paris, Budapest und Istanbul. Hier wird sie Mitglied der „Gruppe d“, einer avantgardistischen Künstlervereinigung, die inspiriert von der Politik Kemal Atatürks eine eigenständige türkische Moderne anstrebt. In den frühen 1940ern kündigen Interieurs, Porträts und Landschaften Zeids eigene künstlerische Sprache an, so etwa Third Class Passangers (1943), ein Gemälde, das den Übergang in die Abstraktion markiert.

Als ihr Mann 1945 als Botschafter am Hof von St. James nach London übersiedelt, verwandelt Zeid kurzerhand ein Zimmer der Botschaft in ihr Atelier. In der Botschaft veranstaltet sie auch regelmäßig Salons. Zu den Künstlern und Intellektuellen, die sie dort empfängt, zählen Henry Moore, Giorgio de Chirico, Lee Miller und Roland Penrose. Doch Zeid lebt und arbeitet ebenso in Paris, wo sie seit 1946 ein Studio unterhält. In der damaligen „Weltkunsthauptstadt“ schließt sie sich der Nouvelle École de Paris an, einem losen Zusammenschluss ganz unterschiedlicher internationaler Künstler wie Pierre Soulages, Hans Hartung oder Serge Poliakoff, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine erneuerte abstrakte Ästhetik postulierten.     

In diesen Jahren entstehen Arbeiten wie Fight Against Abstraction (1947) und Loch Lomond (1948), die Zeids Weg in die Abstraktion dokumentieren. In den Gemälden aus den frühen 1950ern findet diese Entwicklung dann ihren Höhepunkt: In My HellThe Octopus of Triton oder Arena of the Sun findet sie zu einer unverwechselbaren Form der Abstraktion: Raum und Farbe splittert sie kaleidoskopisch auf, was ihrer Malerei eine beinahe architektonische, dreidimensionale Qualität verleiht – und wie eine Ankündigung von Victor Vasarelys Op-Art-Experimenten der 1960er anmutet. Damit hat Zeid großen Erfolg: In Paris stellt sie in wichtigen Galerien aus, in London widmet ihr das ICA 1954 eine Soloschau, der große Surrealist André Breton und Marc Chagall zählen zu ihren Bewunderern.

Doch erneut wird das Leben der „Maler-Prinzessin“, wie sie die Kritiker gerne nennen, von einer Katastrophe überschattet, die auch ihr Werk radikal verändert. Im Juli 1958 wird bei einem Staatstreich im Irak die haschemitische Monarchie gestürzt und die gesamte Familie von Prinz Zeid Al-Hussein umgebracht. Er und seine Frau entgehen nur durch einen Zufall dem Tod. Zeids Welt bricht zusammen, für Jahre hört sie auf zu malen. Als sie Mitte der 1960er-Jahre wieder künstlerisch zu arbeiten beginnt, kehrt sie zur Figuration zurück. Es entstehen vor allem Porträts verstorbener Familienmitglieder und ihrer engsten Freunde – melancholische Gesichter mit riesigen Augen, die dem Betrachter durch den Raum zu folgen scheinen. Es sind geisterhafte Gestalten, die an altägyptische Mumienporträts erinnern und eine geradezu magische Präsenz besitzen. Zur selben Zeit entwickelt sie ihre „Paléokrystalos“ genannten Skulpturen – bemalte Vogelknochen, die sie wie archäologische Funde in Kunstharz eingießt, auf Drehscheiben installiert und mit Licht anstrahlt. Auch in ihrem Spätwerk bleibt Zeid experimentell.  

Als sie nach dem Tod ihres Mannes 1975 von Paris nach Amman in Jordanien zieht, wo sie 1991 stirbt, ist Zeid weiterhin künstlerisch tätig. Hier entsteht 1980 eine ihrer stärksten späten Arbeiten, Someone from the Past, ein idealisiertes Selbstporträt, das sie als jüngere Frau zeigt. Dazu erklärt Zeid: „Ich bin die Nachfahrin von vier Zivilisationen … die Hand ist persisch, das Kleid byzantinisch, das Gesicht kretisch und die Augen orientalisch.” Dass sie dieses reiche künstlerische Erbe mit der westlichen Avantgarde kurzgeschlossen hat, ist das große Verdienst dieser Künstlerin, deren Werk seit den letzten Jahren international auf ein verstärktes Interesse trifft. So wurden ihre Arbeiten prominent auf der 12. Sharjah Bienniale und der 14. Istanbul Biennale oder auch 2016 in Okwui Enwezors Ausstellung Postwar im Müncher Haus der Kunst präsentiert. Ihre Wiederentdeckung im Westen läutete die Retrospektive der Tate Modern ein, die nach ihrer Station in Berlin ins Beiruter Sursock Museum weiterwandert – eine Schau, die zeigt, dass diese außergewöhnliche Künstlerin jetzt endlich ihren Platz in der Geschichte der globalen Moderne gefunden hat.  
A.D.

Fahrelnissa Zeid
20.10.2017 - 25.03.2018
Deutsche Bank KunstHalle
 
27.4. - 01.10.2018
Nicolas Ibrahim Sursock Museum, Beirut