Die Vermessung der Welt
Cyrill Lachauers fotografische Feldforschungen

Ob er Berlin, Oberbayern oder die amerikanische Provinz erkundet – Cyrill Lachauers Fotografien und Filme spüren verborgene Geschichten auf, die sich in die Landschaften eingeschrieben haben. Dabei geht es um Kolonialismus, die amerikanischen Ureinwohner und die gescheiterten Hippie-Utopien. Seit kurzem ist er mit seiner Serie „-3,54 m.ü.NHN. bis 2962 m.ü.NHN“ in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Achim Drucks hat Lachauer in seiner aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie getroffen.
„What do you want here?“, das ist eine Frage, die Cyrill Lachauer auf seinen Reisen durch die USA oft gestellt wurde. In ihr kann freundliches Interesse, aber auch massive Ablehnung mitschwingen. Aber immer signalisiert sie, dass man der „Andere“ ist und eigentlich nicht an diesen Ort gehört. Dabei sieht Lachauer mit seinem karierten Patagonia-Hemd, Trucker Cap und Boots durchaus wie jemand aus, dem man eher in der kalifornischen Wildnis begegnen könnte als in der Berlinischen Galerie, wo der 38-jährige Fotograf und Experimentalfilmer gerade seine jüngsten Arbeiten zeigt. Und so lautet dann auch der Titel dieser Ausstellung What Do You Want Here. In Lachauers Arbeiten geht es um Anderssein und Zugehörigkeit, Entwurzelung und Tradition. Sie führen durch ein Amerika zwischen Mythos und Verfall, in eine Welt von „Driftern“ und „Travellern“, Menschen, die von einem Ort zum anderen ziehen und nirgendwo zuhause zu sein scheinen, von denen man nicht weiß, ob es sich um Aussteiger oder Obdachlose handelt.

„Dodging Raindrops“ bedeutet im Urban Slang soviel wie „vor dem Regen zu fliehen", dorthin zu ziehen, wo immer die Sonne scheint. Und auf gewisse Weise erzählt Lachauers Episoden-Film Dodging Raindrops – A Seperate Reality, das zentrale Werk der Ausstellung, von dem großen Traum auszusteigen. Zugleich ist er aber auch ein Abgesang auf die Visionen der Hippie-Generation. Denn Lachauer folgt den Spuren seines Jugendidols, dem New-Age-Apostel Carlos Castaneda durch Kalifornien und Arizona. Und weder dessen Biografie, noch die sozialen Realitäten, denen der Künstler begegnet, erscheinen besonders verheißungsvoll.

Seinen Anfang nahm dieses Projekt eigentlich viel früher, Mitte der 1990er-Jahre im bayrischen Rosenheim. Damals bekommt der gerade 15-jährige Lachauer Castanedas 1971 erschienenes Buch A Separate Reality (Eine andere Wirklichkeit) zu Weihnachten geschenkt – und ist augenblicklich fasziniert. Während andere Teenager Hip-Hop und Elektro hören, taucht Lachauer in eine beinahe vergessene Welt ab. Castanedas Kultbücher kreisen um die Lehren des Schamanen Don Juan, um Peyote-Rituale, den „Ring der Kraft“, und das „Feuer von innen“. Sie sind eigentlich ziemlich uncool, ehr etwas für Späthippies. Doch in nur zwei Tagen verschlingt er das Buch. Dazu läuft Leonard Cohens Album Songs of Love and Hate in Dauerschleife.

Lachauer beschließt, Ethnologie zu studieren – so wie Castaneda. „Dies geschah anfänglich aus einem ganz romantischen Impuls heraus“, erinnert sich der Künstler. Was er damals noch nicht ahnt, ist dass der mythische Schamane Don Juan und seine Lehren von Castaneda frei erfunden wurden. „Ich wusste natürlich nicht, dass es sich bei dem Buch um eine Fake-Feldforschung handelt. An der Uni, wo ich gottseidank schnell entromantisiert wurde, hat mich dann aber gerade der Fake-Charakter von Castaneda interessiert – als Beispiel dafür, wie Weiße ihr Bild der Native Americans konstruieren und deren Kulturen für ihre Zwecke ausbeuten.“ Parallel zur Ethnologie beginnt der Sohn des Malers Alfons Lachauer später auch Kunst zu studieren. Zuerst an der Akademie der Bildenden Künste in München, dann an der Berliner Universität der Künste. Hier ist er Meisterschüler von Lothar Baumgarten, der sich ebenfalls intensiv mit indianischen Kulturen beschäftigt.

Während eines Stipendiums in Los Angeles stößt Lachauer erneut auf Castaneda: „Er hatte dort völlig zurückgezogen in einer Villa gelebt – wie eine Art Guru mit einer Gruppe ihm völlig ergebener junger Frauen.“ Als der Autor 1998 starb, verschwanden fünf von ihnen. Man geht von einem kollektiven Selbstmord aus. Jahre später finden Wanderer das Skelett einer der Frauen im Death Valley. Der Verkünder eines neuen, spirituellen Zeitalters endete als autoritärer Sektenführer, sein „Pfad des Wissens“ führte in einen Alptraum.

Castanedas Biografie, die Orte, die er besucht hatte, bilden allerdings nur das Koordinatensystem für Dodging Raindrops. Lachauers experimenteller Filmessay verbindet die poetische, radikal subjektive Meditation über gescheiterte Utopien der sechziger Jahre mit der Erkundung einer zutiefst gespaltenen, von Rassismus und sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaft. „In meiner Arbeit geht es eher um das Suchen“, erklärt Lachauer. So zeigt sein Film lediglich Fragmente von Geschichten und spinnt ein dichtes Netz aus Andeutungen. Auf Bilder rappender Gang-Mitglieder in Watts, dem wegen seiner Kriminalität berüchtigten Viertel von Los Angeles, folgen Aufnahmen der Ruinen von Llano del Rio. Sie sind die letzten Zeugnisse des gescheiterten Versuchs, in den 1910er-Jahren in der Mojave Wüste eine sozialistische Kommune zu etablieren. Mit seiner 16mm-Kamera folgt Lachauer einem jungen Drifter in die Büsche am kalifornischen Pacific Coast Highway, wo der Aussteiger mit seinen Hunden und Gedichtbänden ein provisorisches Lager aufgeschlagen hat. Der Künstler macht auch in einem Reservat der Apachen Station. Hier prasselt strömender Regen auf verlassene Jagdhütten, deren Mobiliar unter freiem Himmel verrottet. Eine Müllkippe inmitten einer idyllischen Waldlandschaft. An diesem Ort ist kein Schamane, keine Erleuchtung zu finden.

Begleitet werden die Aufnahmen von einem hypnotischen Soundtrack und Texten, wobei die Stimme des Sprechers perfekt zu einem vom Leben gezeichneten Westernhelden passen würde. Während der Film vieles offen lässt, sind die Texte lakonisch und klar, manchmal atemberaubend hart. Es geht auch um den Künstler selbst, der als Weißer das einst von Indianern bewohnte Land bereist: White. Male. Predator. Direct descendant to the rapist of this land. Sie werfen aber auch Schlaglichter auf aktuelle Ereignisse wie den blutigen Anschlag auf eine von Schwarzen besuchte Kirche in Charleston. Dodging Raindrops endet mit Szenen einer Rodeo-Veranstaltung in Arizona, einem männlichen, rein weißen Kosmos voller Cowboy-Hüte, Lassos und Sättel.

Diese Ambivalenz zwischen dem amerikanischen Ideal von Freiheit, Spiritualität, Individualität und latenter Gewalt prägt auch Lachauers 36-teilige Fotoserie Adventures of a White Middle Class Man. Ihr Untertitel From Black Hawk to Mother Leafy Anderson verweist auf eine Seelenwanderung: „Anfangs ging es mir tatsächlich um mein Interesse an Black Hawk, einen Häuptling der Sauk-Indianer, und an Mother Leafy Anderson, einer afroamerikanischen Kirchengründerin, deren Spirit Guide in Trance eben dieser Black Hawk war. Beide lebten am Mississippi. Den historischen Begebenheiten folgend wollte ich mir diesen Landschaftsraum anschauen und nach Spuren, nach einer Erzählung suchen,“ sagt Lachauer. Doch schon bald geht es für ihn auf dieser Reise immer mehr um Begegnungen, „um eine ehrliche Auseinandersetzung mit meiner persönlichen Nähe zu den Driftern und Travellern, die in den ganzen USA in Zügen, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs sind.“ Er wolle dabei, betont er, keinen „Poverty Porn“ produzieren – eine Fotografie, die das „Andere“ voyeuristisch ausbeutet. „Meine Form ist es, Leestellen zu lassen und bei bestimmten Dingen, die ich erlebe oder sehe, eben nicht die Kamera draufzuhalten. Stattdessen vertraue ich auf eine stillere Sprache.“

Seine Bilder vom Mississippi zeigen Unorte, Brachen, halten Spuren von Abwesenheit und Verfall fest: Hinterlassenschaften an Schlafstellen, in die Wände gekratzte Zeichen, ein Pferd neben einem einsamen Autowrack. Fast alle Personen auf Lachauers Bildern – eine Frau auf einem Hausboot, ein alter Mann mit dem Colt in der Hand – wenden sich vom Betrachter ab. Sie gleichen Rückenfiguren auf Gemälden der Romantik. Nur ein tätowierter Schwertschlucker performt für die Kamera. „Es ging mir darum, Bilder zu schaffen ohne über irgendwelche Leute zu sprechen. Und somit auch nicht über die Landschaft zu sprechen, sondern – das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch – eher mit der Landschaft zu sprechen.“ Auch wenn seine Reise an den Mississippi zur Präsidentschaftswahl von Donald Trump beginnt, geht es Lachauer um alles andere als Kommentare zur Tagespolitik. Mit ihrer distanzierten Poesie, dem Andeuten von Verletzlichkeit, Verlorenheit, Emotionen und ihrem Augenmerk auf den Geschichten hinter den Bildern gehört seine Arbeit in die Tradition großer amerikanischer Dokumentarfotografen von Joel Sternfeld bis Alec Soth.

Doch zugleich schimmert bei ihm immer wieder der Ethnologe auf, hinter poetischen Motiven verbirgt sich ein fast wissenschaftliches Interesse an Markierungen, Monumenten, Symbolen, Territorien – daran, wie die Landschaft abgesteckt und in Beschlag genommen wird. Die drei riesigen Kreuze etwa, die in der Nähe des Mississippi auf einem schlammigen Feld in einer triumphalen Geste in die Erde gerammt wurden, markieren nicht zuletzt auch den Sieg über die Ureinwohner dieses Landes und die Zerstörung ihrer Kultur. 

Um die Formen von Aneignung von Land geht es auch in -3,54 m.ü.NHN. bis 2962 m.ü.NHN., einer Serie von Fotoarbeiten, die jüngst für die Sammlung Deutsche Bank angekauft wurde. Zunächst muten die eingefärbten Bilder von Rauchschwaden so romantisch an die dunstigen Nebel über dem Mississippi. Dem gegenüber steht der karge Titel. „m.ü.NHN.“ – die in der Geografie verwendete Abkürzung für „Meter über Normalhöhennull“, die Höhenangaben in Bezug zum Meeresspiegel angibt. Tatsächlich geht es Lachauer um die Vermessung der Welt. Für seine Serie hat er ganz Deutschland bereist – von Neuendorf-Sachsenbande, eine Gemeinde in Schleswig-Holstein, die 3,54 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, bis zur Zugspitze, dem höchsten Punkt des Landes. An einzelnen geografischen Punkten zündete er Rauchpatronen, um den Ort zu markieren, gleichzeitig aber auch zum Verschwinden zu bringen: „Auf der einen Seite ging es mir um die Verschleierung, das Ausschalten der Landschaft, was ja auch in der Kartografie passiert, in der der Raum durch eine Farbe ersetzt wird. Der Rauch verweist aber auch auf die Zerstörung, die mit der Kartografie und den Eroberungen einherging.“ Zugleich bezieht er sich auch auf die Gegenwart. „Rauch spielt ja auch bei Protesten und Demonstrationen eine Rolle oder bei den Bengalos der Fußball-Hooligans.“ Ihn habe interessiert, sagt Lachauer, wie wir in der westlichen Zivilisation mit dem, was wir als Natur, als Landschaft bezeichnen, umgehen: „Eine dieser Umgangsformen ist es, eine Karte daraus zu machen, auf der ein Wald, ein Berg oder ein See in ein farbiges System gepresst wird. Auf einer zweiten Ebene hängt das natürlich auch mit einem anderen Thema zusammen, das mich sehr beschäftigt: die Eroberung der Neuen Welt, die Kolonialisierung, die ja ohne Karten und die Kartografie nicht möglich gewesen wäre.“

Wie viel Ritual auch in dieser Aktion steckt, zeigt sein Film 32 m.ü.NHN. – 114,7 m.ü.NHN., den er 2012 im Großraum von Berlin drehte. Unterlegt von einem suggestiven Soundtrack des Komponisten und Künstlers Ari Benjamin Meyers füllt dichter Rauch die Leinwand, ein pulsierender, sich ständig wandelnder Organismus, der alles verschlingt. Wie die Bilder seiner Serie aus der Sammlung Deutsche Bank wirkt auch der Film zutiefst ambivalent, schön und bedrohlich zugleich. Und wie Lachauers Aufnahmen der Landschaften im amerikanischen Hinterland bewahren auch sie ihr Geheimnis. „Ob hier in Berlin oder am Mississippi, die Welt ist so fragmentarisch, zerbrochen und komplex, dass ihr klare Statements nicht gerecht würden“, sagt Lachauer, „Das entspräche nicht meiner Erfahrung. Ich empfinde sie als so widersprüchlich, dass ich denke, ihr mit diesem etwas unklareren, kryptischeren, poetischere Sprechen sehr viel gerechter zu werden.“

Cyrill Lachauer. What Do You Want Here
bis 30.04.2018
Berlinische Galerie