Die totale Kunsterfahrung: Hoffnung oder Hype?

Das Wort „immersiv“ stammt aus der Welt der Computerspiele. Doch immer mehr Künstler und Kuratoren bemühen sich, ihre Kunst immersiv zu gestalten. Es geht ihnen darum, das Publikum in eine eigene, interaktive, virtuelle Wirklichkeit eintauchen zu lassen. Doch laufen wir nicht Gefahr, dem Spektakel und der Reizbefriedigung zu verfallen? Waren großartige Kunstwerke, wie die Sixtinische Kapelle, nicht schon immer immersiv?

Franziska Nori
Direktorin, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main; © Frankfurter Kunstverein
Franziska Nori

Virtual Reality ist in der Kunst ein noch junges Medium, welches sich parallel zu unseren Sehgewohnheiten entwickelt. Viele Künstler versuchen mit dieser neuen Technik deren Grenzen und Potenziale herauszufinden. Das Naheliegendste ist, auf eine Überwältigung des Betrachters abzuzielen und alle Mechanismen auszureizen, die das Medium ermöglicht: Ängste zu erzeugen, Illusionen zu schaffen und emotionale Reaktionen zu forcieren, da Immersion eine Überwindung von Distanz vortäuscht. Also funktionieren zahlreiche VR-Arbeiten recht manipulativ. Eine differenziertere und komplexere Narration steht noch aus. Im Frankfurter Kunstverein haben wir mit „Perception Is Reality“ eine Ausstellung präsentiert, in der wir die Besucherreaktionen auf immersive Bildwelten unmittelbar miterleben konnten. Egal, wer die Brille aufzieht, verliert sofort den Bezug zur realen Außenwelt und ist von den artifiziellen Szenarien überwältigt. Das ist es, was wir weiter untersuchen und kritisch hinterfragen sollten, um kommerziellen Unternehmen nicht die Hoheit über diesen Flugraum zu überlassen.







Valeska Soares
Künstlerin, New York; Photo: Vicente de Paulo
Valeska Soares

“Immersiv” ist nur ein weiteres Wort für Kunst, die es bereits seit Jahrhunderten gibt.  Installation, Bezüge, Erfahrungen – das sind alles experimentelle Formen in der Kunst, um Erscheinungsformen zu beschreiben: die Sixtinische Kapelle, Dada-Experimente und zeitgenössischere Environments.

All diese Formen von Kunst kann man als Marketing-Tool benutzen, das hängt ganz vom jeweiligen Kontext ab. Als Künstlerin kann ich aber genau darauf achten, wie meine Arbeit präsentiert wird.

Was die Technologie betrifft, so kann sie als Instrument für eine Erfahrung eingesetzt werden oder nur ein Selbstzweck sein, was mich nicht so interessiert.






Mark Davy
Futurecity and Future\Pace, London; courtesy Mark Davy
Mark Davy

Von „immersiv“ ist die Rede, wenn der Betrachter mit seinen Sinnen so sehr in ein Kunstwerk eintaucht, dass er selbst Teil des Werks wird. Dabei kann es sich sowohl um eine digitale, als auch um eine analoge Arbeit handeln. Entscheidend ist, dass es zum Wesen des Kunstwerks gehört, dem Betrachter eine alternative Wirklichkeit zu bieten, in die er eintreten kann. Es ist nicht zwangsläufig die höchste Form des künstlerischen Ausdrucks. Dennoch entspricht eine immersive Erfahrung der heutigen Zeit, in der wir den Großteil unseres Lebens einer Realitätenvermischung aus wirklich gelebter Erfahrung und virtueller Bildschirmwelt ausgesetzt sind. Schon immer haben sich Künstler die neuen Medien ihrer Zeit angeeignet, sodass es auch nicht erstaunt, dass kürzlich das japanische „Ultra-Technologie“-Kollektiv teamLab ankündigte, die Eröffnung eines Museums in Tokio zu planen, das ausschließlich der digitalen Kunst gewidmet ist. Die künstlerische Praxis von teamLab knüpft dabei an eine der größten Erneuerungsphasen des späten 20. Jahrhunderts an – als Künstler wie Robert Irwin, James Turrell und Walter de Maria mit Licht, Raum und Landschaft experimentierten, um die Rolle des Menschen als Teil des Universums zu erforschen.
Viele dieser innovativen Technologien, ebenso wie diese Form der Interaktivität, versuchen, ein neues Publikum außerhalb der Galerien zu erreichen und dringen dabei häufig in den urbanen Stadtraum vor. Dank der Bildschirme unserer mobilen Handhelds, haben wir heute unser Zuhause oder unser Büro immer dabei. Es erscheint daher absolut folgerichtig, dass die Kunst diese Möglichkeiten übernimmt. Für unsere globalen Städte ist dies eine spannende Zeit, denn die Künstler werden auch weiterhin die Gelegenheit nutzen, sich neuer Möglichkeiten zu bedienen, um urbane Landschaften, aber auch unsere Wahrnehmung von Kunst neu zu denken.






Lisa Marei Schmidt
Direktorin, Brücke-Museum, Berlin; Photo: David von Becker
Lisa Marei Schmidt

Künstler und Künstlerinnen hatten schon immer ein großes Interesse an neuen Techniken, mit denen sie ihre Arbeiten realisieren können. Es ist also ganz natürlich, dass zurzeit viele digitale Techniken, darunter die Virtual Reality, künstlerisch genutzt werden. „Immersion“ ist dabei eher eine persönliche Erfahrung der User und Betrachter, als die objektive Beschreibung einer neuen Technologie. Immersionserfahrungen machen wir auch bei alltäglichen Tätigkeiten wie Erinnern, Tagträumen, Lesen, oder eben auch beim Betrachten eines Gemäldes. Es geht dabei vor allem um eine verstärkte selektive Aufmerksamkeitsbindung und diese kann mit neuester VR-Technik tatsächlich im Ergebnis technisch sehr beeindruckend sein.

Aus meiner Erfahrung, insbesondere auch aus den Gesprächen mit Ed Atkins in der Vorbereitung seiner Ausstellung „Old Food“, geht es vielen Künstlern und Künstlerinnen aber eher darum, den Eindruck der Immersion zu stören. Sie arbeiten oft gegen die Black Box der neuen Technik, reizen Grenzen aus, bauen „Fehler“ und Brüche in ihre Arbeiten ein. Die kommerziellen Programmierer von mittlerweile nahezu perfekten virtuellen Welten sind nicht ihr Maßstab. Es liegt ihnen eher daran, Wahrnehmungsprozesse bewusst zu machen, als dass sich die User in diesen Zweitwirklichkeiten verlieren, sich damit isolieren, Kontrolle abgeben und so auch ein Stück unmündig machen.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie Künstler und Künstlerinnen in Zukunft weiter mit diesen Techniken und Begriffen arbeiten werden. Wir stehen sicher erst am Anfang einer Entwicklung.







Hannes Koch & Florian Ortkrass
Random International, London; Photo: Mark Davis
Hannes Koch & Florian Ortkrass

Am schlimmsten ist es, wenn Trendkategorisierungen wie „immersiv“ oder „interaktiv“ die Wahrnehmung für die Qualität der Arbeit völlig in den Hintergrund drängen. Heute wird jeder Jahrmarkt zur „Experience“. Solche Begrifflichkeiten helfen vor allem jenen, die Kunst instrumentalisieren – als dekorativ getarnte PR, die Kunst zur Marke macht, als Social-Media-Magnet oder einfach, um Freunde oder Besucher zu beeindrucken.

Wer momentan am meisten Gefahr läuft, dem Spektakel und der Selbstbefriedigung durch oberflächliche Reize zu verfallen, sind in erster Linie Werbeagenturen und Marketingstrategen, auch die von öffentlichen Einrichtungen. Dort hat man inzwischen gemerkt, dass man Menschen mit Kunst auf einer instinktiven und emotionalen Ebene erreichen kann und dadurch auch ihren Narzissmus befriedigt. Deshalb wird aus Trendwörtern noch lange keine eigene Kunstform. Im Gegenteil: Wir bei Random sehen uns und viele andere Künstler unserer Generation als „ganz normal“ arbeitende Künstler, die sich (wie schon die meisten vor uns) experimenteller und manchmal modernster Werkzeuge bedienen, um sich den Fragen des „Lebens-in-dieser-Welt“ zu stellen. Kameras, Pigmente, Silicium und Wasser. Ähnlich, aber dennoch sehr verschieden. Muss man vielleicht manchmal etwas lauter arbeiten, um noch zu den überdigitalisierten Betrachtern durchzudringen? Vielleicht.

Im Umkehrschluss ist es letztendlich auch bei der Kunst so wie beim guten alten Handwerker: Nicht die Werkzeuge oder die Technologie sind schuld! oder: Kümmere dich nicht um die Badehose, wenn’s ums Schwimmen geht.

Im gesellschaftlichen Mainstream hingegen sollte die Haltung gegenüber der Technologie – die auf immer vielfältigere Weise und immer tiefer in alle Bereiche des Lebens vordringt – viel dringender besprochen werden, gerade auch von Künstlern.

Wir laufen in der uns immer mehr umgebenden Automatisierung nicht nur Gefahr, der Verblödung und der Verflachung anheimzufallen. Es droht uns auch, als Gesellschaft komplett den Überblick und als Konsequenz daraus, dann langsam aber stetig, völlig die Kontrolle zu verlieren. Technik und Systeme entwickeln „sich“, der Mensch in diesem Sinne nicht mehr, und wenn doch, dann nicht schnell genug.

Man kann es nicht nur der Wirtschaft, dem Marketing, Akademikern und einer Handvoll Leuten in der Technologiebranche überlassen, hier den Rahmen zu bestimmen. Jetzt ist es an der Zeit, gesellschaftliche Kompetenz zu entwickeln. Sonst fahren wir alle bald wie fahrerlose Autos ohne GPS und Zieleingabe gegen die Datenmauer.






Alicja Kwade
Künstlerin, Berlin; Photo: © Luise Müller-Hofstege
Alicja Kwade

„Neu“ ist das Konzept „immersiver Kunst“ nicht. Wenn man sich auf die dramatische Kunst bezieht, gibt es diese schon seit der Antike. Außerdem hat Kunst per se etwas „immersives“, sobald sie sichtbar und für das Publikum ausgestellt wird.

Der Begriff ist gerade allerdings in aller Munde, da das „Immersive“ oft in Zusammenhang mit dem Digitalen verwendet wird – das „Eintauchen“ in digitale Illusionswelten als eventueller Ersatz der Realität. Da dies gerade in Mode ist, kann man dem Einsatz dessen nicht komplett den Marketinganteil absprechen.
Zudem sind immer mehr Museen darauf angewiesen, „Erlebniswelten“ zu schaffen um hohe Besucherzahlen zu generieren, was leider der fehlenden staatlichen Förderung geschuldet ist. „Kunst“ wird zunehmend zum Unterhaltungsfaktor. Das wird gefährlich, wenn kaum mehr etwas Bestand hat und Förderung erfährt, nur weil es für den „Mainstream“ nicht attraktiv genug erscheint. Wir dürfen aufgrund dieser Forderung nach Quantität nicht den Anspruch auf Qualität aufgeben und müssen auch dem Singulären weiterhin Raum bieten.







       teamLab, Künstlergruppe, Tokio. Courtesy teamLab
teamLab

teamLab versucht, durch Kunst eine neue Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt zu entwickeln. Digitale Technologie ermöglicht es, Kunst von ihren physischen Beschränkungen zu befreien und dabei Grenzen zu überwinden. Es gibt keine Grenze zwischen uns und der Welt. Das Eine ist im Anderen und das Andere im Einen. Alles existiert in einer langen, zerbrechlichen, aber auch wunderbaren Kontinuität des Lebens.

Im Denken gibt es keine Unterscheidung zwischen Ideen und Konzepten. Sie sind an sich vieldeutig und interagieren miteinander. Um Ideen und Konzepte in der wirklichen Welt zu artikulieren, brauchen wir physisches Material für die Vermittlung. Und wenn Ideen und Konzepte sich in der wirklichen Welt materialisieren, entstehen gleichzeitig Grenzen.

Um eine Beziehung ohne Grenzen zwischen dem Menschen und der Welt zu ermöglichen, arbeitet teamLab an Kunstwerken, die auf einem Konzept basieren, das wir “Body Immersive” nennen:

Digitale Kunstwerke, die von ihrer materiellen Substanz befreit wurden, erlauben es unseren Körpern, stärker einbezogen zu werden, als jemals zuvor. Nicht nur, dass das Medium die Wahrnehmung des Betrachters verändert, auch der Betrachter selbst kann das Kunstwerk durch seine Aktionen verändern. Durch die Immersion des Körpers in das Kunstwerk verschwimmen auch die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Werk und lösen sich auf. Durch die Erfahrung, dass wir gemeinsam mit Anderen das Kunstwerk verändern können, fallen auch die Grenzen. Wir empfinden, dass wir mit den Anderen und der Welt verschmelzen und zu einem Körper werden.