Das Gesetz der Serie
Thomas Bayrle im New Museum

Selten sah Kunst aus Deutschland so cool und lässig aus wie bei Thomas Bayrle. In den von gesellschaftlichen Auf- und Umbrüchen geprägten Sechziger Jahren entwickelt der Frankfurter Künstler, der mit einem Konvolut von Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, eine ganz eigene, subversive Variante der Pop Art. Bayrle ist fasziniert von der industriellen Massenproduktion, der Werbe- und Warenwelt, aber auch von Technik und Maschinen. Diesen Themen bleibt er bis heute treu. Wie sich sein Werk seitdem entwickelt hat, dokumentiert jetzt Playtime, die erste umfassende Retrospektive des Künstlers in New York. Konsequenterweise ist es das New Museum, das diese Werkschau organisiert hat. Es ist das Museum der Stadt, das sich ausschließlich aktuellen Positionen widmet. Das können Newcomer sein, aber auch Künstler wie der 1937 geborenen Bayrle, der immer wieder mit neuen Medien experimentiert und der als Lehrer an der Frankfurter Städelschule heutige Kunststars wie Tobias Rehberger prägte.  

Im New Museum sind auf zwei Etagen rund 115 Werke zu sehen, darunter eine Auswahl von bemalten Holzreliefs aus den 1960er Jahren. Die Figuren auf den Arbeiten werden durch Motoren in Bewegung versetzt. So lässt Bayrle auf Mao und die Gymnasiasten (1965) Bataillone von chinesischen Rotarmisten marschieren, während auf Ajax (1966) deutsche Hausfrauen ihre Schrubber schwingen. Bayrle interessiert damals vor allem das Ornament der Masse. „Ich achtete kaum auf ideologische Unterschiede und mischte – gegen den Protest meiner linken Freunde – kommunistische und kapitalistische Elemente und Inhalte durcheinander“.

In den späten Sechzigern entwickelt Bayrle dann seinen typischen Stil. Er ordnet Hunderte von identischen Konservendosen, Schuhen oder Flugzeugen zu sogenannten Superformen: ein Auto setzt sich aus Hunderten von Autos zusammen. Raster, Serien und Wiederholungen werden zu seinem Markenzeichen. Er bedruckt sogar Plastikregenmäntel mit Endlosrastern von Kühen, Schuhen und Tassen, die man für 45 Mark bei Kaufhof erwerben kann. Im Geiste der Pop Art wird Kunst zum Alltagsgegenstand, der Unterschied zwischen Kunstwerk und Konsumprodukt wird in Frage gestellt.

Zu den jüngsten Arbeiten der Ausstellung zählen die kinetischen Skulpturen, die bereits bei Bayrles documenta-Auftritt 2012 für Furore sorgten. Sie bestehen aus zerlegten Flugzeug- und Automotoren, die von einem Soundtrack aus Gebeten und Rosenkranzandachten begleitet werden – eine Choreografie zwischen Mensch und Maschine. Gebetsmühlenartig neigen sich die Blätter der Scheibenwischer – im ewigen hin und her, so wie die Schrubber von Bayrles Hausfrauen aus den Sechziger Jahren.

Thomas Bayrle ist eng mit der Deutsche Bank verbunden. Er ist nicht nur mit über 100 Werken in der Sammlung vertreten, sondern die Bank förderte auch seine Ausstellungen I've a feeling we're not in Kansas anymore (2009) im Museu d´Art Contemporani de Barcelona und One Day on Success Street (2016/17) im Institute of Contemporary Art, Miami. Mit einem Papierrelief ist der Künstler auch bei The World on Paper vertreten. Die Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire, des neuen Forums für Kunst, Kultur und Sport der Deutschen Bank, ist ab dem 27. September zu sehen.
A.D.

Thomas Bayrle: Playtime
20.06. – 02.09.2018
New Museum, New York