Heldendämmerung
Die 10. Berlin Biennale

„Das Verhandeln hierarchischer und postkolonialer Strukturen in politischen Räumen“ – solche Formulierungen in den Presseankündigungen zur Berlin Biennale ließen vermuten, die 10. Ausgabe des wichtigsten Kunstevents der Hauptstadt würde eher spröde und theorielastig ausfallen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Der aus Südafrika stammenden Kuratorin Gabi Ngcobo ist eine sinnliche, aber durchaus auch politische Schau gelungen. Setzten die beiden vorherigen Berlin Biennalen entweder auf provokante politische Stellungnahmen oder auf hippe virtuelle Experimente der Post-Internet-Generation, herrscht bei dieser Ausgabe eine geradezu auffällige Zurückhaltung. Als programmatisches Leitbild dient dabei ein Pop-Song: Tina Turners We don’t need another hero aus dem 1985 gedrehten Endzeitspektakel Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel.

Wie im Film interessierte Ngcobo die Frage, wie es weitergeht, wenn Systeme zusammenbrechen. Die Antwort der Biennale ist klar: In Zukunft werden uns nicht Helden aus der Krise führen, sondern Kollektive, neue Formen sozialen Zusammenhalts, von Zusammenarbeit und Kreativität. Im Kollektiv arbeitete Ngcobo bereits 2010 in Johannesburg. Damals initiierte sie gemeinsam mit Kemang Wa Lehulere, dem „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank, das „Center for Historical Reenactments“, das sich mit der verdrängten Apartheidsgeschichte Südafrikas auseinandersetzte. Auch in Berlin arbeitet sie nicht allein und hat die Biennale gemeinsam mit vier Co-Kuratoren organisiert.

Ngcobo ist dabei die erste schwarze Kuratorin der Berlin Biennale und auch ihr Team hat afrikanische Wurzeln. Deshalb wurden Erwartungen laut, die 10. Berlin Biennale müsse sich ganz besonders de-kolonial präsentieren. Doch den Machern geht es gerade darum, sich solchen Vereinfachungen zu entziehen. Nicht umsonst haben sie ihr Vermittlungsprogramm „I am not who you think I am not“ betitelt. Eine doppelte Verneinung, die Verwirrung stiftet – und zum Nachdenken über Identität, die eigene wie die „fremde“, animieren soll.

Zugleich geht es den Biennale-Machern auch um Kunst, die sich den üblichen Überwältigungsstrategien entzieht. Wer hier Virtuelles, Schockelemente oder neue Trends erwartet, wird enttäuscht. Das aufwendigste Werk ist vielleicht die klassizistische Ruine, die vor einem der Hauptausstellungsorte, der Akademie der Künste im Hansaviertel, errichtet wurde. Die Ruine ist eine Nachbildung von Sanssouci – allerdings nicht dem von Friedrich II erbauten Schloss in Potsdam, sondern des Palais‘, das König Henri I. in Haiti errichten ließ. Name und Bauweise waren dabei von dem preußischen Prachtbau inspiriert. Die dominikanische Künstlerin Firelei Báez hat ein Fragment des 1842 bei einem Erdbeben zerstörten Palais nachbauen lassen. Beide Sanssoucis sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, doch das karibische Palais, ein wichtiges Symbol für ein erwachendes schwarzes Selbstbewusstsein, ist nur wenigen bekannt, zumindest in Europa.
.
Im Obergeschoss der Akademie erscheint die Biennale fast museal – Malerei, Zeichnung, Collage, auf grauen Wänden gekonnt in Szene gesetzt. Besonders wirkungsvoll sind Lynette Yiadom-Boakyes hermetische Porträts. Die in London lebende Künstlerin malt fiktive Charaktere, bei denen nur eines wirklich klar ist: Es sind Schwarze, die hier mit altmeisterlichem Können ins Bild gesetzt werden. Ansonsten geben diese Menschen nichts von sich preis. Das passt gut zu einer Ausstellung, die auf den Schildern neben den Arbeiten weder verrät, woher die Künstler stammen, noch wann sie geboren sind. Offensichtlich befürchtet man, dass solche Informationen den Blick auf die Arbeiten verengen würden.

Auch abstrakte Malerei hat in der Akademie ihren Platz. Neben Herman Mbambas dynamischen Kompositionen fallen vor allem die schimmernden Gemälde von Moshekwa Langa auf. Der Südafrikaner, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, hat Abdeckplanen vom Bau mit grünblau oder rotorange changierenden Flächen bedeckt. Seine Bilder verweisen einerseits auf die Farbfeldmalerei, aber ebenso auf seine von massiven Bautätigkeiten geprägte Heimatstadt Johannesburg.

Die Turner-Preisträgerin Lubaina Himid zählt zu den wenigen prominenten Künstlern der Biennale, die insgesamt 47 Positionen vorstellt. In der Akademie und auch den KW und dem Zentrums für Kunst und Urbanistik, den beiden anderen Hauptorten der Schau, sind ihre gemäldeartigen Zeichnungen zu sehen, die, wie auch ihre Werke aus der Sammlung Deutsche Bank, auf Kangas basieren. Diese Tücher werden in ostafrikanischen Ländern als Röcke oder Kleider getragen. Ihr charakteristisches Design – ein klar abgesetzter Rahmen umfasst Motive wie Palmen oder Blumen, die von einem Spruch begleitet werden – hat Himid adaptiert, um assoziative Geschichten über Migration und Identität zu erzählen. Dadurch, dass sie an den drei Hauptorten präsent sind, wirken sie wie das Leitmotiv der Biennale.

Für etwas Unruhe in der gediegenen Atmospäre in der Akademie sorgt Mario Pfeifers eindrucksvolle Videoinstallation Again/Noch einmal - das Reenactment eines Vorfalls im sächsischen Arnsdorf. Ein Asylbewerber aus dem Irak stritt sich in einem Supermarkt mit einer Kassiererin und wurde daraufhin von einer selbst ernannten Bürgerwehr an einen Baum gefesselt. Die vier Männer wurden angeklagt aber frei gesprochen. Das Opfer konnte bei dem Prozess nicht aussagen, denn der Flüchtlig war eine Woche vorher im Wald erfroren. Pfeifers filmische Nachstellung der Ereignisse wift einen erschreckenden Blick auf die gesellschaftliche Realität in Deutschland.

In den KW, dem Stammhaus der Biennale, fallen vor allem die Installationen und Videoarbeiten auf. In der unteren Halle präsentiert Dineo Seshee Bopape eine in orange-rotes Licht getauchte Trümmerlandschaft, durch die lethargische Bassrhythmen und die Stimme der Sängerin Nina Simone hallen. Die Katastrophenstimmung des Environments bezieht sich auf Bessie Heads Roman A Question of Power, in dem die südafrikanische Autorin eine Frau porträtiert, die langsam in den Wahnsinn abdriftet – als Folge des Rassismus, unter dem auch Nina Simone ihr Leben lang litt. Kolonialismus und Entwurzelung haben Zerstörungen hinterlassen, die sich auch auf die Psyche auswirken.
 
Noch intensiver wirkt Luke Willis Thompsons Filminstallation autoportrait(2017). In zwei minutenlangen Einstellungen zeigt er vor einem neutralen Hintergrund ein junge Frau – Diamond Reynolds, die die Ermordung ihres afroamerikanischen Freundes während einer Verkehrskontrolle live auf Facebook postete. Der nur vom Rattern des Projektors begleitete Film gleicht einer stummen Anklage, auch gegen die Tatsache, dass der verantwortliche Polizist freigesprochen wurde. Zu der Film-Installation kommen noch Thompsons skulpturale Inventionen, die wie Himids Bilder an allen drei Hauptorten der Biennale zu sehen sind.

Erscheinen die Arbeiten in der Akademie und den KW manchmal doch etwas zu zahm, findet sich im Keller des Zentrums für Kunst und Urbanistik, dem dritten großen Austragungsort der Biennale am Rand von Moabit, eine Installation, vor der ausdrücklich gewarnt wird. Sie kann epileptische Anfälle auslösen. Und tatsächlich: Zu einem harten Industrial-Soundtrack lässt Tony Cokes hier die Monitore flackern wie das Stroboskop in einem Techno-Club. Auf monochromen Farbflächen sind aufrührerische Slogans aus Pop Songs und akademischen Texten zu lesen, kombiniert mit verwackelten Wochenschaubildern von den Aufständen in den schwarzen Ghettos in den USA der späten 1960er-Jahre. Die Arbeit ist hart, zornig und direkt, fast körperlich spürbar. Angesichts der Weltlage hätte man sich in dieser etwas wohltemperiert geratenen Biennale mehr Arbeiten wie diese oder Mario Pfeifers Again gewünscht.
Achim Drucks

X. Berlin Biennale
bis 9. September
KW Institut / Akademie der Künste / Volksbühne Pavillon / ZK/U–Zentrum für Kunst und Urbanistik / HAU 2