Villa Romana-Preisträger 2019
Fünf Künstler erhalten Stipendium in dem renommierten Künstlerhaus

Die neuen Stipendiaten der Villa Romana stehen fest: KAYA (Kerstin Brätsch und Debo Eilers), Marcela Moraga, Christian Naujoks und Rajkamal Kahlon werden von Februar bis November 2019 in dem von der Deutsche Bank Stiftung geförderten Künstlerhaus auf den Hügeln über Florenz leben und arbeiten. Die ausgewählten, sehr unterschiedlichen Positionen repräsentieren aktuelle Tendenzen in der internationalen Szene, so etwa den Trend zu Gemeinschaftsprojekten, die Auseinandersetzung mit urbanem Raum, die Verbindung von Kunst und Musik oder den subjektiven Umgang mit Geschichte und Archivmaterial. Die diesjährige Jury des Villa Romana-Preises bestand aus der Künstlerin Maria Thereza Alves und Eva Birkenstock, Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf.

Der Villa Romana-Preis ist mit einem zehnmonatigen Arbeitsaufenthalt im Künstlerhaus Villa Romana in Florenz, einem freien Atelier sowie einem monatlichen Stipendium verbunden. Er ist nicht nur der älteste deutsche Kunstpreis, sondern auch das am längsten bestehende kulturelle Engagement der Deutschen Bank und ihrer Stiftungen: Bereits seit Ende der 1920er-Jahre wird diese renommierte Auszeichnung für zeitgenössische Kunst in Deutschland unterstützt. In den letzten Jahren hat sich die Villa Romana unter der Leitung von Angelika Stepken als vitale Plattform für Künstler unterschiedlichster Generationen, Szenen und Nationalitäten etabliert. In drei Ausstellungsprojekten war die Villa Romana auch in Berlin zu Gast: 2008 präsentierte das Deutsche Guggenheim in der Ausstellung Freisteller Bilder, Installationen und Videos der Villa Romana-Preisträger Dani Gal, Julia Schmidt, Aslı Sungu und Clemens von Wedemeyer. 2010 zeigte das Haus am Waldsee in der Ausstellung Alloro Arbeiten von acht Romana-Stipendiaten. Und 2013 brachte das Ausstellungsprojekt Süden die lebendige Atmosphäre der Villa in die Deutsche Bank KunstHalle.

Unter den aktuellen Stipendiaten ist KAYA die wohl bekannteste Position. Das gemeinschaftliche Projekt von Kerstin Brätsch und Debo Eilers wurde 2010 initiiert und war bereits 2017 auf der New Yorker Whitney Biennale vertreten. Beide Künstler arbeiten sowohl eigenständig wie kollaborativ. Kerstin Brätsch, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, macht Malerei für das digitale Zeitalter, in der alles in Frage gestellt wird: Der Drang sich auszudrücken, die Idee des genialen Künstlers, der Pinselstrich auf der Leinwand. Es geht um Distanz, Ambivalenz, die Zirkulation und Reproduktion von Bildern und Gesten. Auch KAYA hinterfragt konventionelle Auffassungen von Autorenschaft. Während Brätsch, die in Hamburg geboren wurde und seit ihrem Studium an der Columbia University in New York lebt, für eine wandelbare, körperbezogene Malerei steht, arbeitet der ebenfalls in New York lebende Texaner Debo Eilers eher skulptural. 2015 organisierten sie das KAMP KAYA in der KUB Arena des Kunsthauses Bregenz. 2017 stellte KAYA im Museum Brandhorst in München aus.

Gemeinschaftliche Projekte spielen auch für Christian Naujoks eine wichtige Rolle. Der Soundkünstler und Komponist tritt sowohl in Ausstellungen als auch mit Performances und Konzerten auf. Dabei kooperiert er häufig mit anderen Künstlern, wie derzeit mit Ei Arakawa, der zu den Teilnehmern der Kunst- und Performance-Festivals Globe zur Eröffnung der Deutsche Bank-Türme zählte, und Sarah Chow im Kunstverein in Düsseldorf oder im vergangenen Jahr mit Ei Arakawa und Dan Poston bei den Skulptur Projekten Münster. Bereits auf seinem 2009 erschienenen Debütalbum vermischen sich die Genres – Klassik, Clubsounds, Neue Musik und Minimalismus. Dementsprechend hat er bereits an so unterschiedlichen Orten wie dem Berliner Club Berghain oder der Elbphilharmonie gespielt. Für seine Kompositionen eignet sich Naujoks Prototypen unterschiedlicher Genres an und stellt sie in neue Zusammenhänge.

Die Auseinandersetzung mit urbanen Räumen steht dagegen im Zentrum der Arbeit von Marcela Moraga. Sie studierte in Chile und Deutschland und lebt heute in Berlin. Ihre Performances, Video und Installationen beschäftigen sich mit der Frage, wie öffentliche Räume organisiert und genutzt werden und dem Verhältnis zwischen Kultur und Natur. Sie fokussiert sich dabei auf undefinierte urbane Räume, um dort mit Interventionen neue Beziehungen zwischen Bewohnern und der Stadt zu aktivieren. Moraga arbeitet aber auch mit Textilien, die sie als verwobene Räume begreift und als Objekt, Architektur oder zweidimensionales Bild gelesen werden können. Sie hatte Einzelausstellungen in Berlin, Santiago de Chile und Hamburg und nahm an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil.

Wie zahlreiche aktuelle Künstler setzt sich auch Rajkamal Kahlon mit der Frage auseinander, wie Archivmaterialien neu gelesen werden können. Kahlon, die nach ihrem Studium in Kalifornien und New York heute in Berlin lebt, arbeitet mit dem Bildmaterial des Kolonialismus – mit „rassekundlichen“ und ethnografischen Büchern, Bildtafeln oder kolonialmilitärischen Strategiebüchern. Sie variiert Repräsentationen der „exotischen Anderen“, eignet sie sich an, verwandelt, zerstört sie. Dabei geht es ihr darum, die Körper, Geschichten und Kulturen, die einst gewaltsam unterdrückt oder ausgelöscht wurden, zu rehabilitieren. Das Weltmuseum Wien lud Kahlon 2017 zu der aktuell noch laufenden Einzelausstellung Staying With Trouble ein, mit der sie die fotografischen Sammlungsbestände interpretierte.