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2008 California Biennial

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"Ich dachte Kalifornien wäre anders"
Die 2008 California Biennial im Zeichen des Wahljahres


MoMA, MCA oder MassMoCA mögen jedem ein Begriff sein, aber wer hat schon vom OCMA, dem Orange County Museum of Art, gehört? In einem Zeitalter, in dem Biennalen und Kunstmessen weltweit aus dem Boden schießen, scheint es so schwer wie nie, ein prägnantes eigenes Profil zu entwickeln. Doch der vom OCMA veranstalteten California Biennial, die eine globale Kunstsprache mit regional gefärbten Themen verbindet, ist genau dies gelungen. Daniel Schreiber über die von der Deutschen Bank gesponserten Biennale, die durch ihre unkonventionelle Frische internationale Beachtung findet.




Palmen, Fitnessstudios, molochartige Stadtlandschaften, türkisblaue Swimmingpools, mit Botox aufgespritzte Schauspieler: Sicher hat die Kultur der kalifornischen Westküste seit den Sechzigern eine ganz eigene Kunstszene hervorgebracht. Einheimische Stars wie John Baldessari, Paul McCarthy oder Mike Kelley haben international Impulse gesetzt. Dennoch verband man die Westcoast bislang eigentlich nicht mit einem aufregenden Standort für Biennalen. Eher schon fliegt die Szene nach Teheran, Dubai oder Moskau. Doch der relativ jungen California Biennial im Orange County Museum of Art gelingt, woran andere Biennalen und Messen scheitern: Die Entwicklung einer eigenen Handschrift. Den Vernetzungen der globalisierten Kunstwelt stellt man hier in Kalifornien einen lokalen Bezug zur Seite. Für die diesjährige Gastkuratorin Lauri Firstenberg, die in Los Angeles aufwuchs, in Harvard studiert und in der New Yorker Kunstszene gearbeitet hat, standen bei der Konzeption Fragen wie diese im Zentrum: Kann man in einem Klima von Globalität und Transnationalität noch lokale Künstler und Zuschauer erreichen? Und: Wie kann man regionale Themen behandeln und dabei auch für eine internationale Szene relevant sein? "Im Grunde wollten wir den klassischen Begriff der Kunstausstellung hinterfragen und neu definieren, um so ein breiteres Publikum zu erreichen", erklärt die erst 34-jährige Kuratorin, die mit der Gründung des einflussreichen Kunstraums LAXART in Los Angeles bekannt geworden ist. Und sie meint es wirklich ernst mit der Breitenwirkung: So werden die Arbeiten von 55 Künstlern konsequenterweise nicht nur im Gebäude des OCMA gezeigt, sondern im ganzen Einzugsgebiet des Bundesstaats: Installationen und Aktionen der 2008 California Biennial kann man zwischen dem 26. Oktober und dem 15. März an Stränden und Autobahnen, von Mexikos Grenze bis nach San Francisco sehen.

Viele der Arbeiten auf der diesjährigen Biennale kreisen um ähnliche Themenkomplexe: die Auseinandersetzung mit Kaliforniens hybrider Kultur, der amerikanischen Anything-Goes-Attitüde, dem einstigen Pioniergeist europäischer Einwanderer, dem Einfluss lateinamerikanischer Kultur. Schon das Billboard des kubanisch-amerikanischen Künstlers Felipe Dulzaides an der Eingangsfassade des Museums macht das deutlich. Anstatt Konsumprodukte anzupreisen, konfrontiert es die Besucher mit dem Stil farbenfroher kubanischer Propaganda-Plakate aus den Sechzigern und Siebzigern - den Zeiten des Kalten Krieges. Dulzaides durchaus verführerische Verquickung von amerikanischer Werbekultur und kommunistischem Agit-Prop scheint exemplarisch für das Aufeinanderprallen und Verschmelzen divergenter kultureller Einflüsse im kalifornischen Alltag. Dass dies die Westcost-Szene über Generationen geprägt hat, war für Firstenberg von Anfang an klar. Deshalb platziert sie die Werke von Kunststars wie Yvonne Rainer, Sam Durant oder Raymond Pettibon neben die Arbeiten einiger Neuentdeckungen, die sich mit verwandten Themen beschäftigen und ähnliche ästhetische Strategien anwenden.

Wie konfrontativ die Biennale dabei soziale Konflikte angeht und wie stark sie den politischen Zeitgeist anzapft, ist kaum zu übersehen. "Man kann diese Tendenz einfach nicht ignorieren", erklärt Firstenberg. "Der Wahlkampf hat die Debatten um gesellschaftliche Themen verschärft und dringlicher gemacht. Der Drang, gesellschaftspolitisch Stellung zu beziehen, ist viel größer geworden. Und eben jene Arbeiten und Projekte, die das tun, haben mich besonders angesprochen." Die Künstlerin Andrea Bowers aus Los Angeles etwa, die mit Arbeiten wie dem legendären AIDS Memorial Quilt (1987) bekannt geworden ist, führt ihre Beschäftigung mit gewaltlosen Formen des Protests, zivilem Ungehorsam und Feminismus mit ihrer Videoarbeit An Act of Radical Hospitality (2008) weiter. Dafür hat Bowers Interviews mit der Immigrationsaktivistin Elvira Arellano gemacht, die ihrer drohenden Deportation zu entkommen versuchte, indem sie in der Adalbert United Methodist Church in Chicago Unterschlupf suchte. Tony Labats Videoinstallation Day Labor: Mapping the Outside (Fat Chance, Bruce Nauman) (2006) führt diese Idee fort. Für seinen Vierkanal-Film hat Labat drei Monate lang heimlich hispanische Schwarzarbeiter von seinem Atelierfenster aus gefilmt, die sich dort trafen, um auf mögliche Arbeitgeber zu warten. Der Konzeptkünstler aus San Francisco thematisiert damit nicht nur die gegenwärtige Obsession mit Überwachungskameras, sondern schafft auch eine poetische Hommage an die Lebensrhythmen der schlecht bezahlten Immigranten, ohne die Kaliforniens Wirtschaft schon längst nicht mehr auskommt.

Der in San Francisco lebende Julio Cesar Morales erinnert an ein beinahe verdrängtes historisches Ereignis. Sein Film Interrupted Passage (2008) spielt minutiös die erzwungene Übereignung des einstmals mexikanischen Kaliforniens an die USA nach. Die Handlung verdichtet sich hierbei auf ein Kammerspiel: An einem heißen Nachmittag im Jahre 1846 empfängt der mexikanische General Mariano Guadalupe Vallejo in seinem Casa Grande in Sonoma amerikanische Aufständische, die ihn verhaften wollen, um eine eigenständige Republik auszurufen. Der kultivierte Vallejo lässt für die verdreckten Männer als letzten offiziellen Akt einen Hirsch schlachten und ein opulentes Menu zubereiten. In seinem am Originalschauplatz gedrehten Film zeigt Morales dieses Essen als Metapher für die Geburt des modernen Kaliforniens und das Ringen um kulturelle Vorherrschaft, wobei sich die Aufmerksamkeit auf sinnbildliche Details fokussiert: das Servieren des Essens, die erstaunten Blicke der Eindringlinge, den Hunger, die Gier.

Die Idee Kaliforniens ist bekanntlich das Objekt einer unendlich großen, in alle Welt exportierten Fantasie - eine Fantasie von Selbsterfindung, ewiger Jugend, persönlicher Freiheit, Hollywoodglamour und Strandkultur. Die Auseinandersetzung mit Immigrationsbrennpunkten bildet zu diesem Mythos natürlich ein Kontrastprogramm. Jeder allerdings, der einmal in einem zweistündigen Rush-Hour-Stau in Los Angeles geschmort hat, weiß, dass sich dieser Mythos auch für die kalifornische Mittelschicht nicht unbedingt einlöst. An dieses Publikum wenden sich die Billboard-Installationen von Karl Haendel und Raymond Pettibon, die Firstenberg am Nebenstandort der Biennale in Los Angeles installieren ließ. Als vertrautes Element der urbanen Landschaft der Supermetropole wirken diese über den Straßen prangenden Billboards auf den ersten Blick wie gewöhnliche Werbeplakate. Doch aus einem Autofenster auf dem La Cienega Boulvard wird man Haendels eindringliche und jeden Alltagsroutine durchbrechende Frage "A year from now, what will I wish I had done today?" lesen. Auf dem Sunset Boulevard in West Hollywood hingegen bestimmt ein Plakat-Motiv von Raymond Pettibon das Blickfeld. Der Untertitel dieser gigantischen Arbeit erscheint programmatisch für diese Biennale: "I thought California would be different."






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