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"Am Ende läuft doch alles über den Körper"

Ein Gespräch mit Ralf Ziervogel



Vor gerade mal drei Jahre schloss Ralf Ziervogel sein Kunststudium ab und seitdem hat er eine rasante Karriere hingelegt. Inzwischen werden seine Arbeiten von Sammlern, Museen und Kunstvereinen gleichermaßen geschätzt. Aufsehen erregten vor allem Ziervogels Tintenzeichnungen auf hyperformatigen Bögen von bis zu sieben Metern Höhe. Auf ihnen stellte er comicartige Figuren in drastischen Szenen dar. Daniel Völzke hat sich mit dem Berliner Künstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, über Körperbilder, Jugendkultur und Provokationen gesprochen.




Auf seinen Zeichnungen inszeniert Ralf Ziervogel ein wahres Theater der Grausamkeit: Kinder werden Gliedmaßen abgerissen; ein Gerippe in Pantoffeln penetriert eine Frau; es wird ausgespieen, ausgeschieden, abgespritzt. Eine Bewegung aus Reiz und Reaktion, Gewalt und Gegengewalt geht durch diese Martermeute, die sich ornamental ineinander gekrallt und verbissen hat, die sich auftürmt zu fragilen Gebilden.

Ralf Ziervogel zeichnete diese Figuren im Aktionsradius seiner Hand und entwickelte die weitläufigen Szenarien erst nach und nach direkt im Arbeitsprozess. Der Horror wuchert organisch. In der Akribie, mit der die Zeichnungen ausgeführt sind, und in der Logik, mit der sich die Gewalt kettenartig ausbreitet, klingt der Zusammenhang zwischen Aufklärung und Sadismus an, den Horkheimer und Adorno beschrieben haben: Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs machten sie die instrumentelle Vernunft verantwortlich für die Katastrophen ihres Jahrhunderts. Und als künstlerische Speerspitze dieser Entwicklung entdeckten die beiden Soziologen Marquis de Sade, der in seiner drastischen Literatur die kalte Rationalität der Aufklärung konsequent zu Ende dachte. Sah sich auch Ziervogel in den letzten drei Jahren als so ein moralinfreier Libertin, der gesellschaftliche Phänomene in bittere Sinnbilder packt?

Der Künstler hat angekündigt, keine weiteren Zeichnungen von Menschenkörpern mehr anzufertigen. "Die Deklination am menschlichen Körper ist abgeschlossen", sagt der gerade einmal 33-Jährige. Doch ganz so schnell werden wir diese Bilder nicht los; wir hätten da noch ein paar Fragen. Ziervogel lebt eigentlich in Berlin, arbeitet aber nun ein Jahr als Stipendiat in New York. Wir telefonieren über das Internet, die Stimme des Künstlers klingt blechern und im Hintergrund heulen manchmal die markanten Sirenen amerikanischer Polizeiwagen. Es ist ein wenig seltsam Ziervogel beim Interview nicht zu sehen - gerade wenn man über Körperbilder sprechen möchte.

Daniel Völzke: Herr Ziervogel, geht es Ihnen gut?

Ralf Ziervogel: Ja.

Hinter Ihren Zeichnungen vermutet man ein Menschenbild, das schlechte Laune macht. Der Schriftsteller Dietmar Dath beschreibt Drastik als die Form, die das Selbstangstbild des Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden. Sind Ihre Zeichnungen solche Selbstangstbilder?

Mir geht es eher um Formales. Darum, der Architektur von Menschenkörpern näher zu kommen. Ich mache mir selber weis: Okay, ich begreife diese Figur und was ihr geschieht. Und ich will die Einfachheit und Zerbrechlichkeit von Menschenkörpern so weit wie möglich ausreizen. Ist etwa der Körper, den ich zeichne, so zerrissen, dass er eigentlich nicht mehr am Leben sein kann, dann stecken in ihm noch Spritzen, die den Organismus lebendig erhalten.

Ihnen ist also an Plausibilität gelegen?

Durch kausale Zusammenhänge versucht sich die Darstellung zu legitimieren. Ich vervielfältige die Figuren ja und lasse sie sich selbst überholen. So muss ich auch die Bewegungen begründen: Diese Figuren fliegen nicht einfach Superman-mäßig herum, sondern da gibt es eben die Bambusstäbe - ein Gerüst, auf dem sie standen, das aber gerade einstürzt. Und ich versuche, auf meinen Zeichnungen Ausweichmöglichkeiten zuzulassen. Es ist niemals ein dichtes All-Over. Die Zeichnungen müssen sauber und direkt sein, aber es braucht immer noch nacktes Papier an der Wand. Es darf keine Struktur entstehen, die befriedet ist. Auch gesellschaftlich gesehen ist doch nichts befriedet in diesem pseudodemokratischen Tanz, sich selbst irgendwo zu positionieren.

Auch wenn die Menschen in Ihren Darstellungen auf eine kreatürliche Ebene reduziert sind, wirkt das Zusammenspiel der Körper plausibel wie ein Mechanismus. Meinen Sie das mit "Architektur der Körper"?

Genau, dass die Maschine immer weiter läuft: Du gehst raus, verrichtest deine Arbeit. Aber es mischt sich der Zweifel hinzu, wie viel Sinn diese Arbeit überhaupt macht. Was ist noch Individualität? In meinen Zeichnungen erscheinen die Menschen individuell - in der Art, wie sie malträtiert werden. Doch setzt sich die Gewalt von einem Körper zum nächsten fort und so entsteht eine Maschine, die den Körpern das Individuelle nimmt.

Jeder wird Opfer und Täter. Fehlt Ihnen heute Moral?

Moral wäre für diese Kunst als inhaltlicher Zug hinderlich. Der Schub in meinen Zeichnungen besteht doch lediglich in einer formalen Deklination am Körper. Der Körper löst sich durch diese Deklination soweit auf, dass er verschwindet. Dass er schon fast wieder zu einer Landschaft wird. Würde ich etwa groß und gestisch zeichnen, würde die Gewaltobsession das Ganze noch mal in eine inhaltliche Richtung bringen. Die filigrane Ausführung aber dämpft die Wucht ein wenig, weil die Arbeiten etwas von einer unantastbaren Kunstdevotionalie bekommen.

Werden Ihre Arbeiten häufig als Provokation empfunden?

Häufig schon. In Ausstellungen aber teilen sich die Reaktionen. Das zu erleben, ist mir wichtig. Deshalb arbeite ich die formalen Versuche nicht nur im stillen Kämmerlein durch, sondern will sie auch kommunizieren. Der Trost im Zeichnen besteht darin, dass ich kein Außenstehender der Gesellschaft sein will. Ich möchte wissen, womit ich es zu tun habe. Deshalb bringe ich mich mit den Arbeiten ein und belasse es nicht nur bei einem Kommentar, sondern führe es weiter. Wenn man wirklich miteinander reden will, ohne durchzudrehen, dann muss man es schon so machen.

Sie sehen Ihre Kunst auch als Sinnbild für gesellschaftliche Zustände? Sie zeichnen heutige Menschen, die Markenkleidung tragen, die man Jugendkulturen zuordnen kann.

Naja, ich kritzle etwas und schaue aus dem Fenster. Da sehe ich diesen Discotypen - ein Abgleich mit der Realität, den ich wieder auf einer banal strukturellen Ebene mit einbaue in die Arbeiten: Die Dreiecke auf seinem T-Shirt werden zu noch mehr Dreiecken, zu Struktur. Die Markennamen sind nicht als Chiffre gemeint. Das funktioniert nicht mehr, denn die symbolischen Verdichtungen durch Mode haben sich aufgelöst. Vor fünf Jahren wurde die Bezeichnung "metrosexuell" erfunden, um noch mal eine Sparte aufzumachen. Das interessiert doch heute keine Sau mehr. Das System löst sich selbst auf, wenn man ihm immer weiter Futter gibt. Es dreht sich nur noch kommerziell weiter. Ex-Punks sitzen in der Redaktion der Bild-Zeitung. Wie die Hippies, die dann doch Geld verdienen. Erst bauen wir in einer Garage Google auf, dann sind wir Milliardäre. Dann sehe ich aus wie Apple-Chef Steve Jobs und kriege Krebs. Am Ende läuft doch alles über den Körper.

Wie sind Sie überhaupt zur menschlichen Figur gekommen?

Unsere Elterngeneration hat sich Begriffe ausgedacht, damit sie in der Kunstgeschichte richtig geil dasteht. Heute ist alles polymorph zusammengeschnitten, und man kann als Künstler nur noch versuchen, eine Haltung zu generieren. Aber jede Geste ist verbraucht, jeder Spruch gesagt. Und dann hängst du da und denkst: Scheiße, da ist so ein blöder Jeff-Koons-Spruch in irgendeinem Kunstbuch mehr wert als die Kacke, die ich mache. Ich habe minimalistische Experimente gestartet, Kuben und Quadrate gezeichnet - um mich selbst über den eigenen Körper zu begreifen. Eine Millionen Punkte auf einen Quadratmeter, eine Zeichnung, die Monate dauert. Durchhalten. Das beinhaltet aber auch die Gefahr, illustrativ zu werden - wie Reiner Ruthenbeck, der dann stundenlang mit dem Bleistift auf so ein Papier ballert. Ich mache das gleiche, nur versuche ich einen größeren Abstand zu diesen Experimenten zu gewinnen. Ich will völlig ausblenden, ob das nun in ist oder nicht, und ob das schon mal gemacht wurde. Das einzige, was ich erreichen will: Kein Klischee werden. Dass ich nicht eines Tages an der Tankstelle stehe und es kommt ein Fernsehteam vorbei und fragt: "Was sagen Sie zu den erhöhten Benzinpreisen?", und ich antworte: "Das ist eine Sauerei!". Seit den fünfziger Jahren dreht sich alles, man findet null Ansatzpunkt. Es ist alles nur Gelaber, nur CO2.

Das Problem der Menschen, die Sie zeichnen, ist denn auch, dass die immer weitermachen, anstatt zu sterben. Eine Abrechnung mit den Alten, die nicht mehr alt sein wollen?

Die Eltern versuchen, sich von ihrer eigenen Generation freizuschaufeln. Sie will jetzt keine Experimente mehr, sondern so richtig geil gesund leben, den ganzen Tag joggen und schön zum Bioladen. Und dann zu den Alkopop-Kids sagen: "Ey, du siehst aber scheiße aus, schau uns mal an!". Diese Salonrevolutionäre wollen alles überleben. Die wollen alles bestimmen und niemals aus dem Amt treten - wie Kakerlaken sind die. Das ist in den Körpern angekommen. Als Künstler kann diese Generation natürlich mit einer größeren Offenheit zu Werke gehen. Wenn die gestisch übers Papier fahren und rumpendeln mit Sätzen wie: "Die metaphysischen Kräfte des Dazwischen lassen den Gedanken freien Lauf". Was soll der Scheiß? Lieber den Mut haben zu sagen, dass ist jetzt ein Arm, das ist eine Fliege. Das menschliche Abbild ist etwas, dass man begreift. Es öffnet sich dem Stefan-Raab-Typen genauso wie der pseudointellektuellen Wir-wissen-Bescheid-Generation. Der Körper soll einfach nur eine Variable sein, die man auch am Nordpol versteht, wenn man die Zeichnungen unter dem Schnee ausgräbt.

Nun haben Sie aber angekündigt, die menschliche Figur und mit ihr die Explizitheitsexzesse aufzugeben, obwohl Sie mit diesen Arbeiten auf dem Kunstmarkt sehr erfolgreich waren. Sind die Zeichnungen zum Kunstfetisch geworden?

Die Körper lösten sich irgendwann einfach auf. Als alles so zerstückelt und nur noch rudimentär zu erkennen war. Da bin ich dann wie eine Heuschrecke und sage: Dieses Terrain ist abgegrast und muss verlassen werden. Man könnte natürlich jetzt alles noch extremer machen. Aber dann würde es wieder nur über das Inhaltliche und nicht über das Formale wahrgenommen werden. Alles ist doch schön in einem Strom durchgegangen. Nun habe ich diese Zeichnungen überhaupt nicht mehr im Kopf. Dennoch beziehen sich aktuelle Zeichnungen auf die vorangegangenen Arbeiten: Ich zeichne etwa Insekten, die die Körper zersetzt haben könnten. Doch seltsam: Die wirken wieder aggressiv und müssen sich genauso behaupten wie die Menschen auf meinen früheren Arbeiten.






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