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"Der Geist des Bauhauses ist das Experiment"
Ein Interview mit Prof. Dr. Omar Akbar, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau


Mit der Ausstellung "Bauhaus. Werke aus der Sammlung Deutsche Bank" präsentierte sich eine der weltweit bedeutendsten Unternehmenssammlung erstmals auf der arabischen Halbinsel. Mit 55 Arbeiten ließ die Schau eine der innovativsten Bewegungen der Moderne lebendig werden. In einem der Essays des Ausstellungskatalogs beschreibt Prof. Dr. Omar Akbar die Geschichte und Wirkung des Bauhauses. Mit dem Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau hat sich Oliver Koerner von Gustorf über die Ausstellung in Dubai, den Mythos Bauhaus und die aktuelle Relevanz der Kunst- und Architekturschule unterhalten.




Oliver Koerner von Gustorf: Herr Akbar, Sie stammen aus Kabul und leben seit 1960 in Deutschland. Was waren Ihre ersten Begegnungen mit dem Bauhaus?

Omar Akbar: Wissen Sie, meine Familie in Kabul hatte sehr moderne Einstellungen. Mein Großvater z. B. war Modernist und ergo in einer sehr konservativen Gesellschaft ein Oppositioneller. Meine Onkel interessierten sich für zeitgenössische Kunst. Deutsche und österreichische Persönlichkeiten, die sich dienstlich in Afghanistan aufhielten, verkehrten in unserem Haus. Ich war erst sieben Jahre und Goethe war mir bereits ein Begriff. (Lacht) Na ja, zumindest wusste ich, dass es sich um einen deutschen Dichter handelt. Durch unsere persönliche Geschichte - meine Mutter starb sehr früh, mein Vater promovierte dann in Stuttgart - kamen wir nach Deutschland.
Unsere zweite, schwäbische Mutter führte meine Brüder und mich weiter in die Kunst- und Kulturwelt Europas ein. Der Museumsbesuch gehörte fast zur Tagesordnung. Dabei spielte die moderne Kunst eine besondere Rolle. Mine Mutter hatte dazu eine besondere Affinität. 1968 gab es dann die große Bauhaus-Ausstellung in Stuttgart. Auch dort hat sie mich hingeführt. Das ist die "Frühgeschichte" meines Zugangs zum Bauhaus.
Später begann ich dann mein Studium der Architektur an der Technischen Universität Berlin. Das war die Zeit der großen Diskussion darüber, was die Moderne der Stadt gebracht hat. Wie viele andere hatte auch ich hierzu eine sehr kritische Haltung. Begriffe wie die "funktionale Stadt" fand ich äußerst problematisch. So habe ich mich immer wieder mit den Gedanken der Moderne auseinandergesetzt, bis ich schließlich hier in Dessau 1993 eine Professur für Städtebau und Architekturtheorie annahm. So habe ich das Bauhaus natürlich genauer kennen gelernt und dann auch versucht, sein Gedankengebäude richtig zu verstehen.

Die Stiftung Bauhaus Dessau betrachtet sich nicht nur als Wahrer eines musealen Erbes, sondern als moderner Think Tank, der sich der Lösung aktueller Städtebauprobleme widmet. Der Geist des Bauhauses scheint sich allerdings eher durch Design-Klassiker zu vermitteln als durch aktuelle Diskurse. Außerdem gibt es auch eine Art Nostalgie nach dem Mythos der Moderne.

Mythen haben ja immer eine Kernwahrheit und werden durch andere Wahrheiten ergänzt. Nehmen wir etwa den Begriff der "Bauhaus-Architektur": Dass man von Tel Aviv, einer wunderbaren Stadt, die ich wirklich sehr liebe, als der Bauhaus-Stadt redet, ist absurd. Die Bauhaus Architektur gibt es nicht. Es gibt die Architektur von Walter Gropius, die Architektur von Hannes Meyer und die von Mies van der Rohe, wenn man sich mal die Direktoren der Schule anschaut. Mies sah sich als radikaler Moderner, er hätte seine Bauten niemals als Bauhaus-Architektur bezeichnet. Insofern haben solche Begriffe eine ganz problematische Seite.
Die Geschichte des Bauhauses ist zudem von Brüchen und Turbulenzen geprägt. Man darf auch nicht die politische Geschichte vergessen: Wohl keine andere Institution der Welt hat so eine Dramatik erfahren wie das Bauhaus. Gegründet 1919 in Weimar, geschlossen 1924, und das nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil die Politik das Progressive, das die Schule verkörperte, nicht ertragen hat. Das war ja auch 1932 der Grund, weshalb das Bauhaus in Dessau unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen wurde. Es hat immer reaktionäre Bewegungen gegeben, die sich gegen diese progressive Institution gestellt haben. Der Geist des Bauhauses ist das Experiment, das "Nach vorne schauen", das reflexive Denken. Deswegen ist die Stiftung als Wahrer des musealen Erbes zugleich auch Think Tank.

Woher kam diese Ablehnung?

Das Kernproblem war das Experimentelle oder wie es Mies van der Rohe formulierte: Das Bauhaus war eine Idee. "Experimentieren" heißt ja, dass man sich in einer Permanenz einer Utopie nähern will und entsprechend Ideen entwickelt und weiterentwickelt. Und wie schon gesagt: Die Politik spielte eine große Rolle. Vor allem in der Nazizeit und später auch in den fünfziger Jahren in der DDR. Die Nationalsozialisten sprachen von der "bolschewistisch-jüdischen Geisteshaltung" des Bauhauses und in der DDR nannte man es "avantgardistisch-bourgeois". In beiden Fällen wurde mit dem unterstellten Bedürfnis des eigenen Volkes argumentiert. Ihre Ablehnung und Verachtung war ähnlich. Mitte der sechziger Jahre änderte sich das wieder. In der Folge wurde das Bauhausgebäude in Dessau mehr oder weniger nach dem Vorbild von 1926 wieder in Stand gesetzt. Dann kam die Wende und 1994 schließlich die Stiftungsgründung.

Worin besteht für Sie die aktuelle Bedeutung des Bauhauses?

Ich war von Anfang an der Meinung, dass wir uns über die Frage der Aktualisierung der Moderne Gedanken machen müssen: Wo steht die Moderne heute? Wie gehen wir damit um? Wir müssen also gegenüber dem Erbe des historischen Bauhauses eine kritisch-reflexive Haltung wahren. Für mich sind urbanistische Themen die wichtigsten Themen unserer Zeit. Wir haben auf der einen Seite die Probleme der schrumpfenden Städte und auf der anderen Seite die Probleme der Mega-Cities und wir haben experimentelle Projekte zur ökologischen Stadtentwicklung. Auch Dubai beispielsweise halte ich für ein Experiment, nur ist es nicht konsequent genug.
Gleichzeitig leben in den Städten Millionen Menschen unter dramatischen Verhältnissen. Das bedeutet, dass die soziale Frage wieder gestellt werden muss. Und das wiederum ist ein ganz ursprüngliches Bauhaus-Thema.
Darüber hinaus können wir uns angesichts von Umwelt-, Klima- und Energieproblemen nicht einfach ruhig schlafen legen. Diese Fragen müssen bei der Stadtplanung und -gestaltung jetzt konkret umgesetzt werden! Auch die Auseinandersetzung mit der Stadt muss von der globalen Seite angegangen werden: Welche Auswirkung hat die globale Vernetzung auf die Stadt? Wie der Klimawandel sind auch dies ganz fundamentale Fragen.

Wenn man jetzt an die Schau in Dubai denkt, geht es dort vor allem um formale Fragen. Gleichzeitig präsentiert sich die Ausstellung in einer Stadt, von der ein Autor im Ausstellungskatalog schreibt, sie würde nicht den "International Style", sondern den "Global Style" pflegen. Was ist Ihr Eindruck von der Rezeption der Ausstellung?

Interessant war vor allem, dass wir aus Deutschland nach Dubai gehen und mit einer Ausstellung etwas aussagen - nämlich: "Das waren die Experimente in Deutschland und diese Experimente gibt es im Bereich der Architektur weiterhin". Ich bin da manchmal etwas patriotisch. Vermutlich kann ich das sogar eher sein als jemand, der einen deutschen Namen hat. Wir besitzen hier eine Art der Baukultur, die aus meiner Sicht wirklich über dem Niveau dessen liegt, was etwa in Frankreich oder andernorts passiert. Wir sind jedoch nicht in der Lage, das zu vermitteln. Wir sind zu zurückhaltend.
Die Ausstellung der Sammlung Deutsche Bank in Dubai zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der künstlerischen Arbeit des historischen Bauhauses. Es war interessant, wie viele Künstlergruppen bei der Eröffnung waren. Das Bauhaus und damit auch Deutschland haben für sie eine besondere Bedeutung. Ihre Referenz zum Bauhaus ist es zu sagen, "es war eine radikale Institution". Die Künstlergruppe Flying House etwa macht eine ganz eigene Form von Kunst - Fotografien z. B., die die Lage der Bauarbeiter in Dubai zeigen, künstlerische Eingriffe in die Natur oder der künstlerische Umgang mit der Müllproduktion. Insofern erscheint es mir auch gar nicht so wichtig, ob man in Dubai mit einer Bauhaus-Schau eher formal auftritt - in Deutschland oder Europa wäre es sicher viel problematischer, so eine Ausstellung zu zeigen. In Dubai funktioniert das und stößt auf Neugier. Es finden sich natürlich auch viele Besucher ein, die gewisse Vorstellungen vom Bauhaus haben oder Assoziationen damit verbinden. Aus diesen Gründen finde ich die Ausstellung sehr gelungen.

Sie geben Ihren Posten als Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau demnächst auf und Philipp Oswalt tritt Ihre Nachfolge an. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre 10-jährige Tätigkeit zurück?

Ich bin mit meiner Tätigkeit in der Stiftung sehr zufrieden. In den letzten zehn Jahren ist es gelungen, die Stiftung Bauhaus Dessau national wie international in den Feldern der Bildung, Gestaltung und Planung als eine anerkannte Größe zu etablieren. Wir haben das Internationale Bauhaus Kolleg, ein einjähriges urbanistisches Lehrprogramm für Postgraduierte, ins Leben gerufen. Mittlerweile kann es Teilnehmer aus 39 Ländern aufweisen. Wir haben unterschiedlichste Ausstellungen zur Geschichte des Bauhauses und seiner Reflexion gemacht und sind damit auch ins Ausland gegangen, wie zuletzt die noch immer durch Japan tourende Ausstellung BAUHAUS experience dessau. Wir haben im In- und Ausland interessante Gestaltungsprojekte durchgeführt, so u.a. in Rio de Janeiro ein Modellprojekt für eine Favela. Mit der IBA Stadtumbau 2010 schließlich entwickeln wir zusammen mit 19 Städten in Sachsen-Anhalt Modellprojekte für eine nachhaltige Gestaltung der Stadt im Zeichen des demografischen Wandels. Wir haben die aufwendige Sanierung des Bauhausgebäudes abgeschlossen und damit eine Dauerausstellung einrichten können, und wir haben den Tourismus stark nach vorne gebracht. Inzwischen haben wir fast 100.000 Besucher pro Jahr. Wenn ich mir das alles so anschaue, glaube ich, dass Herr Oswalt eine gut aufgestellte Institution übernimmt.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Als Professor werde ich wieder lehren, was ich auch immer gern getan habe. Auf jeden Fall werde ich weiterhin in Beratungsgremien tätig sein, Projekte durchführen und Ausstellungen kuratieren. Aus Dubai bin ich mit zwei schönen Ideen zurückgekehrt. Darüber führe ich gerade Gespräche.






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