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Willkommen im Menschenzoo
Jake und Dinos Chapman in der Kestnergesellschaft



Die Bad Boys der Young British Art schlagen wieder zu und zeigen in der Kestnergesellschaft ihre Ausstellung "Mementum Moronika" - eine Ode an die Idiotie der Welt. Obwohl Jake und Dinos Chapman seit Jahrzehnten als etablierte Größen der internationalen Szene gelten, schaffen sie es immer wieder, die Gemüter zu spalten - mit phantastischen Arbeiten, die jede nur erdenkliche Form körperlicher Grausamkeit durchspielen. Daniel Schreiber hat die Chapman-Brüder, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, zur Eröffnung in Hannover getroffen.




Ein rüdes Image will gepflegt sein. Bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Kestnergesellschaft in Hannover tritt Dinos Chapman vor die versammelte Presse und streckt ihr erst einmal die Zunge raus. Jake Chapman legt mit der Bemerkung nach: "Ich möchte vorwegschicken, dass wir beide sehr verkatert sind. Wenn Sie also mit ihren Fragen etwas nachsichtig wären, wüssten wir das zu schätzen." Ein Angebot, dass man nicht ablehnen sollte. Groß gewachsen, mit kahl rasierten Köpfen und eng anliegenden schwarzen Jacketts, erinnern die Chapmans an Figuren aus der Mafiaserie Sopranos. Erstaunlich ist, mit welch unvermindertem Erfolg die britischen Brüder Publikum und Kritiker polarisieren. Und das, obwohl der Kunstbetrieb sie längst geadelt hat: Die Chapmans hängen im MoMA oder der Tate und sind in Sammlungen wie die der Deutschen Bank vertreten. 2003 wurden sie für die "Shortlist" des Turner Prize nominiert. Zu ihren Fans gehören Sammler wie der Tory Charles Saatchi und die erzkatholische Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

Dabei sind die Säulen ihres Werks Schock und Kalauer, die wichtigste ästhetische Strategie die des Einfach-Draufhauens. Bekannt wurden sie mit erstklassig ausgeführten Glasfaser- und Kunstharzskulpturen von nackten Kindern in Nike-Turnschuhen, die an den unwahrscheinlichsten Stellen mit einander verwachsen sind und denen an noch unwahrscheinlicheren Stellen Geschlechtsteile aus dem Körper ragen. Diese Skulpturen tragen Titel wie Fuck Face (1994) oder Two-faced Cunt (1995). Andere wiederum stellen verwesende, mit Fliegen, Würmern und Schlangen bedeckte Skelette dar, die von Goyas Grafikzyklus Los desastres de la Guerra (1810-1820) inspiriert sind. Dass die Chapmans dann noch zwei 1937 entstandene Bände mit Originaleditionen dieser Radierungen ersteigerten und mit Mickey Mouse-Gesichtern, Insektenfühlern oder Hakenkreuzen verzierten, löste einen Sturm der Empörung aus. Man könnte die Aufzählung von Affronts, Obszönitäten und Zynismen im umfangreichen Werk der Chapman-Brothers unendlich fortführen.

Doch so unwahrscheinlich es klingt, den beiden Künstlern geht es nicht um Provokation. Dazu sind sie viel zu abgeklärt. Mit dem Gemeinplatz der zeitgenössischen Kunstkritik, dass Provokation in der Post-Postmoderne nicht mehr wirklich möglich ist, sind sie bestens vertraut. Ihre eigenen Arbeiten waren 1997 Teil der Ausstellung Sensation, wo das Transgressive ein großes, letztes Aufbäumen feierte, nur um seinen Schockwert angesichts der gewalttätigen Medienbilder aus Sarajevo, Afghanistan, dem Sudan oder Abu Ghraib endgültig zu verlieren. Wenn man Jake und Dinos Chapman reden hört, wird deutlich, dass sie sich sogar über den Provokationswert ihrer Arbeit lustig machen. Jüngst hat Jake gar seinen ersten Roman mit eigenen Illustrationen veröffentlicht, die auch für die Sammlung Deutsche Bank angekauft wurden. Ganz nett. Doch das Buch ist erwartungsgemäß eine obszöne Hinrichtung des klassischen Liebesromans, spielt auf einer tropischen Insel und erzählt von dem Kampf zweier Männer um die Heldin Chlamydia - die genauso heißt wie eine Geschlechtskrankheit. Die Freude an der Regression trägt bei den Chapmans geradezu pubertäre Züge. Dazu gehört auch, dass sie für den Titel ihrer aktuellen Ausstellung das Pathos des "Memento Mori" auf die Schippe nehmen. Aus dem Gedenken an die eigene Sterblichkeit wird das Gedenken an die eigene Idiotie: "Moronika" ist eine Wortschöpfung, die auf dem englischen "Moron" beruht, was soviel heißt wie "Vollidiot". Das könnte man angesichts von trendgerechter "Political Correctness" durchaus als Zeitkritik verstehen. Wären da nicht die Äußerungen der beiden Brüder, die sich als selbst erklärte "gealterte Punks" jeder Programmatik entziehen. "Wir wollten eigentlich nur mit der Idee von Degenerierung spielen, von Idiotie", erläutert Jake.

Tatsächlich präsentieren sie in Memento Moronika eine erstaunlich simple Mischung aus George Orwells Farm der Tiere und selbst gebasteltem Jurassic Park. Die zwischen 2004 und 2005 entstandene Installation Hell Sixty-Five Million Years BC füllt einen ganzen Saal wie ein infantiles Naturkundekabinett: aus Toilettenpapierrollen, Pappe und Zeitungspapier gefertigte Mini-Dinosaurier verkörpern auf Podesten stehend den alten Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden. Im Nachbarraum ist eine Heerschar von ähnlich lustigen Papptierchen unter dem Titel Two Legs Bad, Four Legs Good ausgestellt - gemäß der Weisheit, dass der Mensch das gefährlichste Raubtier der Welt ist. Natürlich verweist die steinzeitliche Höllenversion auf das 2004 bei einem Brand zerstörte Opus Magnum der Chapmans: Ihre Vitrineninstallation Hell (1996-2000) entwarf Miniaturlandschaften aus Konzentrationslagern und Massengräbern, in denen tausende handbemalter Zinnfigürchen in Nazi-Uniformen den ganzen Katalog menschlicher Grausamkeiten durchspielten: Verstümmelung, Folter, Vergewaltigung, Genozid. Die Vitrinen waren in Form eines Hakenkreuzes angeordnet. Wegen der offensichtlichen Referenzen an den Holocaust wurde die Arbeit zumeist als ein Kommentar zu den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs verstanden. Betroffene Zuschauer gingen stumm um die Vitrinen herum und litten mit den Zinnfigürchen, obwohl es sich bei ihnen um eher schlecht gemachte Repräsentationen handelte. Hierbei wurde meist ignoriert, dass sich in dem Horror-Tableau auch Figuren von Astronauten und Mutanten mit drei Köpfen und zehn Beinen befanden.

Ob Dinosaurier, Kindermutant, KZ-Häftling - der Körper ist bei den Chapmans etwas sehr Reales und erschreckend Artifizielles zugleich, ein exemplarischer Platzhalter, an dem die Katastrophen der Zivilisation bis in die Abgründe unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft durchgespielt werden. Humanismus, das verdeutlichen die Brüder im Sinne des von ihnen geschätzten französischen Philosophen George Bataille, ist trügerisch. Wie trügerisch, offenbart sich im Moment der Grenzüberschreitung, im bewussten Verstoß gegen moralische Gebote. "Aber wir sind nicht nur die möglichen Opfer der Henker, die Henker sind unseresgleichen", schreibt Bataille in seinem Essay Henker und Opfer, in dem er das Grauen von Auschwitz thematisiert. Die einzige Möglichkeit diese "unvorstellbare" Gewalt zu transzendieren, ist sie vorstellbar zu machen - die reale Möglichkeit durchzuspielen, eine weitere Grenze zu überschreiten, sich einzugestehen, dass jeder die Möglichkeit hat, andere zu quälen und die menschliche Vernunft zu Grabe zu tragen.

Und genau hier scheiden sich auch die Geister im Falle der Chapman-Brüder. Während einige Kritiker in ihnen eine wütende, moralische Instanz sehen, bezeichnete der Independent-Journalist Johann Hari ihre Kunst als "Unsinn, der einem ins Gesicht spuckt". Sie hätten das erklärte Ziel, das auch Priester und Faschisten seit 300 Jahren vertreten, nämlich gegen die Aufklärung zu agieren: "Sie zerstören und verhöhnen die Früchte der Erkenntnis - aber was bieten sie stattdessen? Es bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten die provokanten Scheißeschlachten der Chapmans zu beurteilen. Man kann sie als ein Paar unseriöser Millionäre in den besten Jahren ablehnen, die in Cheltenham aufwuchsen und nun als Rebellen aus den Badlands der Tate Britain posieren. Oder man kann annehmen, dass sie meinen, was sie sagen. Was wollt ihr also sein, Jungs - Clowns oder Monster?"

Doch eigentlich stellt sich diese Frage für die Chapmans gar nicht. Denn sie füllen beide Rollen mit demselben Elan aus. So wird der Besucher in der Eingangshalle der Kestnergesellschaft von den Fahnenbannern ihrer Installation California Über-alles (2003) begrüßt, die das Design der NSDAP-Flagge aufnehmen. Ein Smiley-Face ersetzt dabei das Hakenkreuz. Das Motiv stammt von einem Albumcover der Punkband Dead Kennedys von 1979. Die Antwort auf die Frage nach ihren Motiven für dieses Zitat fällt dann auch entsprechend ironisch aus. Die Fahnen erfreuten sich besonders bei deutschen Kuratoren großer Beliebtheit, bemerkt Jake. Und Dinos legt nach: "Das ist doch die Art von Fahne, die sich jeder gerne an seinem Haus aufhängen würde. Wenn man schnell daran vorbei fährt, könnte man sie sogar für das Original halten." Die Chapmans fallen sich gerne gegenseitig ins Wort und spinnen die Gedanken des anderen weiter. Anekdoten darüber, wie der jüngere Jake als Kind das Spielzeug von Dinos kaputt gemacht hat, mischen sich mit Reflexionen über ihre künstlerische Beziehung. "Warum unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert, ist," so Jake, "weil wir diese chaotischen, überraschenden Dynamiken unter uns kreieren. Wir greifen die Ideen des anderen blitzschnell auf. In unserer Kollaboration geht es darum, Chaos zu produzieren."

Doch hinter diesem Chaos verbirgt sich System. Die Künstler nehmen den automatischen Reflex der Populärkultur ins Visier, die Welt symbolisch in Gut und Böse aufzuteilen und sich dadurch von weiteren Überlegungen über moralisches Handeln abzuschotten. Jake erklärt: "Wenn man sich all unsere Werke nebeneinander anschaut, dann wird deutlich, dass wir mit unserer Arbeit versuchen, jemanden der außerirdisch oder autistisch ist, die ganze Spannbreite der menschlichen Gefühle zu beschreiben. Wir versuchen also, Aliens menschliche Emotionen zu erklären. Auf der einen Seite haben wir die Nazi-Fahnen mit den Smileys, die das Glücklichsein repräsentieren. Dann haben wir die Figuren, die mit ihren Hoden um den Hals an einem Baum aufgehängt sind und das Unglücklichsein repräsentieren. Es geht uns mit unserer Arbeit nicht in erster Linie darum, traumatische Reaktionen zu provozieren. Vielmehr nutzen wir Hakenkreuze, Smileys oder Goyas Kriegszeichnungen, weil wir sie als Symbole für eine längst verarmte Gefühlswelt verstehen. Denn auf gewisse Weise löschen sich diese Bilder bereits selbst aus, sie versagen einfach. Voller Pathos repräsentieren sie die Idee vom ‚Ende der Großen Erzählungen' ohne dabei selbst noch etwas zu bedeuten."

Es gehört zur Strategie der Chapmans, den von unzähligen Medienbildern abgestumpften Betrachter aus seiner Denkfalle zu locken. Dinos beschreibt das so: "Wir zeigen Menschen das, woran sie sich längst gewöhnt haben und worüber sie nicht mehr nachdenken. Wenn man ein Smiley auf einem Bus sieht, denkt man, der könne einen nie überfahren. Wenn man hingegen ein Hakenkreuz sieht, denkt man sogleich an das Böse. Aber das Hakenkreuz selbst ist nicht böse, es ist lediglich das Namensschild des Bösen. Goya zum Beispiel wird bei jeder Anti-Kriegs-Ausstellung aus dem Keller geholt. Dabei wird tatsächlich nie darüber nachgedacht, dass er eigentlich nicht zeigt, auf welcher Seite er steht. Der äußere, moralische Rahmen entspricht in keiner Weise der inhaltlichen Bedeutung seiner Zeichnungen. In ihnen geht es vielmehr um die Nähe zwischen Triebhaftigkeit und Gewalt. Diese Deutungsweise wird jedoch in gewisser Hinsicht ausgeblendet, damit eine institutionalisierte, historisch abgesegnete Version von unserem Verständnis der Welt geschrieben werden kann." Immer wieder ist polemisiert worden, der Erfolg der Chapmans würde mehr über den Zynismus des Kunstbetriebs aussagen, als über sie selbst. Doch im Gespräch mit ihnen kommen Zweifel an dieser Einschätzung auf. Denn merkwürdigerweise kommen die Debatten um die Kunst der beiden Brüder immer wieder auf ein Thema zurück, das in der Kunstwelt kaum noch eine Rolle spielt - die Moral. "Die Frage nach Moral", gibt Jake Chapman zu bedenken, "ist als eine Idee für Diskurse über Kunst fast schon altmodisch geworden. Auf gewisse Weise gibt sich der Kunstdiskurs völlig abgehoben, fast aristokratisch. Es scheint, als wäre Moral inzwischen zu einem vulgären Diskurs geworden. Aber diese Aversion, über Moral zu diskutieren, ist ihrerseits ziemlich fromm und protestantisch. Deshalb sind wir am Unbewussten interessiert, dem Unbewussten unserer Geschichte, dem Unbewussten unserer Zivilisation." Vielleicht muss man heute tatsächlich immer wieder neue Meilensteine des Zynismus setzen, um uns die Verdrängungsmechanismen vor Augen zu führen, die wir benötigen, um uns in dieser durch und durch grausamen Welt als unschuldige Betrachter zu fühlen.






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