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Malerei als Konstrukt
Das System Bernhard Martin


Früh übt sich: Mit sieben Jahren faszinieren ihn die Gemälde von Rembrandt und er wünscht sich einen Ölmalkasten zum Geburtstag. Mit zehn erkundet Bernhard Martin die documenta, um mit sechzehn sein Kunststudium zu beginnen. Inzwischen gehört der 1966 geborene Künstler zu Deutschlands profiliertesten Malern. Anlässlich seiner Ausstellung "Thema verfehlt" in der Städtischen Galerie Wolfsburg trafen Oliver Koerner von Gustorf und Achim Drucks Bernhard Martin, der mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in seinem Berliner Atelier.




"Du siehst hier mein Kloster", sagt Bernhard Martin und schließt die Glastür hinter uns. "Die Tür ist nur offen, wenn ich jemanden erwarte. Ansonsten sehe ich hier niemanden, den ganzen Tag. Es ist die absolute Solitude. Die ist wichtig für meine Kraftschöpfung." Kraftschöpfung, was für ein schönes, altmodisches Wort. Draußen werfen Strahler ihr Licht über Backsteinfassaden und dunkle Büroetagen und lassen den Innenhof des Loftkomplexes am Prenzlauer Berg wie eine Kulisse erscheinen. Es ist einer dieser Novemberabende, an denen man den Winter bereits riechen kann. Eigentlich fehlt jetzt nur noch, dass es schneit. Dass sich ein weißer, stiller Teppich über alles legt und das romantische Bild des in sich gekehrten Genies in seiner urbanen Klause vervollständigt, eines Malers, der nicht mehr der Welt, sondern nur noch seinem Werk verpflichtet ist.

Doch diese kontemplative Vision zerplatzt sofort. Mit Martin steht einem ein jungenhafter, agiler Typ gegenüber, der nervöse Energie verströmt. Ein Getriebener, der unaufhörlich zu denken, reden, arbeiteten scheint, der ebenso über Tugend oder Todsünde sprechen kann wie über schnelle Wagen oder Türsteher. Schon äußerlich wirkt er wie ein wandelnder Widerspruch. Ausgestattet mit Goldzahn, Rolex und immensem Goldring scheint er den Machismo der deutschen Malerfürsten der Achtziger zu kultivieren. Doch in Clogs und Sweatshirt wirkt er wie jemand, der ganz bewusst auf jede Attitüde verzichtet. Dieses Understatement wird allerdings konterkariert, wenn man ein ähnliches Paar schwedischer Clogs in einem Sammelsurium auf einem seiner Arbeitstische entdeckt, wo sie mit Muscheln und funkelnden Metallteilen zu Skulpturen verarbeitet werden. Man ahnt: In Martins Kosmos gibt es keine zufälligen Arrangements. Alles hier, seien es seine Zeichnungen, seine Bildhauerei, sein Auftreten; jede Geste hat etwas mit Geschmacksbildung zu tun, ist Kombination, Sampling.

Wie gesampelt wirken auch die verschiedenen Ebenen in seinen Bildern. Mit einem Mix aus Stilen, Themen, High und Low, altmeisterlichem Duktus und Plakativität hat Martin wie nur wenige andere Künstler seiner Generation das Image der jungen Malerei in Deutschland geprägt. Neben der "Neuen Leipziger Schule" und Stars wie Tim Eitel oder Norbert Bisky fiel immer wieder sein Name, wenn es um den Hype der neuen Figuration ging. Dennoch nahm Martin eine Art Einzelgängerposition ein. Im Vergleich zu seinen Kollegen galt er als eine Spur ironischer, rotziger, gar skrupelloser - mehr dem Geiste Kippenbergers oder dem kühlen Neo-Pop von Michel Majerus verpflichtet als der Aufarbeitung gesamtdeutscher Befindlichkeiten. Er sei ein konzeptioneller Maler, betont er immer wieder, als wolle er seinem Werk eine Strenge verleihen, die man ihm vielleicht absprechen könnte. Tatsächlich wirken Martins Bilder auf Anhieb wie anarchische, überbordende Bilderzählungen. Immer wieder wird sein Ausspruch "Wir befinden uns im Supermarkt und ich packe den Wagen voll" zitiert: Auf seinen Gemälden, die seit den späten Neunzigern entstanden, tummelten sich dann auch Girls in Babydolls oder Miniröcken in surrealen Kompositionen aus Logos, Farbschlieren, Sonnenuntergängen, Designfragmenten, Comicfiguren. Von medialen Images und Versatzstücken der Massenkultur zappt Martin zu Zitaten aus der Kunstgeschichte: Virtuos beschwört er Farbgebung, Motive oder Duktus seiner Malerheroen der letzten Jahrhunderte. Und die reichen von Cranach über Rembrandt, Velásquez, Goya bis hin zu Picasso oder Balthus.

Große Namen, die da in Martins postmoderner Verwurstungsmaschine landen. "Wir leben nun mal in einer Zeit, in der der spanische Eichenschrank aus dem 17. Jahrhundert neben einer Vitrine von Beuys, nebst indischer Miniatur und einer vollautomatischen Küchenzeile von Miele steht, in einem Fachwerkhaus mit einem Anbau von Herzog & de Meuron und im Fernsehen läuft Herzblatt." Kein Wunder, dass er seine Strategie mit der Funktionsweise des Bildbearbeitungsprogramms Photoshop vergleicht, in dem alle Effekte verfügbar sind, die er auch in seiner Malerei erreichen will: Schnelligkeit, Gleichzeitigkeit, Synthetik. Das Spielerische ist dabei ein wesentliches Element, wie es bereits der von Martin verehrte Francis Bacon formulierte: "Malerei, oder die gesamte Kunst, hat sich inzwischen in ein Spiel verwandelt, mit dem sich die Menschen ablenken. Faszinierend ist dabei allerdings, dass es dadurch für den Künstler immer schwieriger wird, denn er muss das Spiel wirklich vertiefen, wenn er überhaupt so etwas wie Qualität erlangen will."

Im Laufe der letzten Dekade hat Martin ein ganzes Arsenal von Gemälden erschaffen, die ausschließlich der immer weitergehenden Vertiefung dieses Spieles gewidmet sind - sich völlig ins System der Malerei hineinzubegeben, bis es schließlich das System Bernhard Martin geworden ist. Seine Werke summieren sich zu einer Art visuellem, super-subjektivem Tagebuch. Und das ist zwar von alltäglichem Leben und autobiographischen Eindrücken inspiriert, erzählt aber selbst keine Geschichte - außer der seiner Malerei und der Entstehung seiner Gemälde. "Die Figuren auf meinen Bildern bewegen sich in einer Zwischenwelt, in einem luftleeren Raum", erklärt Martin. "Sie zahlen keine Miete, müssen nicht einkaufen oder den Kühlschrank voll packen. Sie bewegen sich außerhalb unseres Systems. Sie haben keine Aufgaben zu erfüllen, sie dürfen einfach nur sein. Das ist eine Idealvorstellung, eine Freiheitsutopie. Die Freiheit besteht darin, sich von der Gesellschaft losgesagt zu haben und trotzdem ein Bestandteil von ihr zu sein." Und deshalb geht es Martin, wie er selbst sagt, nicht um die Abbildung von sozialer Realität, sondern um "Zustandsbeschreibungen, Themen, die man eigentlich nicht malen kann." Dies können ganz einfache Dinge sein wie Magenschmerzen oder auch philosophische Themen: "Was mich schon immer bewegt hat, sind die Todsünden oder Tugenden. Da hast du diese Zustände, aber wie beschreibst du jetzt eigentlich Gier? Wie stellst du Gier dar?" Das Erstaunliche an seinen Gemälden ist, dass sie aus unzähligen Verweisen und Referenzen zusammengestückelt sind, absolut künstlich wirken, aber dabei elementare, innere Zustände spürbar machen.

Gier, Euphorie, Lust, Frustration: Die Gefühle, die in Martins Malerei einfließen, stellen sich nicht nur als Allegorie dar, sondern vor allem als handfeste Fragen von Komposition, Duktus, Harmonie und Dissonanz; als Frage, was ein Bild eigentlich ist. Formal funktionieren seine Gemälde ähnlich wie episches Theater - sie entblößen sich, desillusionieren das Spiel der Malerei absichtlich, um es als Konstrukt erkennbar zu machen. Doch während Brecht ganz im Sinne der Moderne noch an den Fortschritt und die Möglichkeit politischer Veränderungen glaubte, bezeichnet sich Martin im Gespräch als "Fatalist". Und tatsächlich haben sich seine Bilder in den letzten Jahren eher verfinstert: Strahlten auf Arbeiten wie etwa Tag der Röcke, WG 2 (2003) oder Belluno (2005) aus der Sammlung Deutsche Bank noch Spielzeugfarben gegen Schwarz und Braun an, führt Martins aktuelle Ausstellung Thema verfehlt geradewegs in eine Unterwelt. Die jüngeren Gemälde, die die Städtische Galerie Wolfsburg anlässlich der Verleihung des Preises Junge Stadt sieht Junge Kunst an Bernhard Martin zeigt, entbehren viel von der früheren Leichtigkeit. So erschießt sich auf Der Richtigmacher (2006) eine geisterhafte Gestalt im Weinkeller. Auf Linksverkehr (2007) wird eine Tiefgarage von einem Blutstrom geflutet, während sich ein nacktes Paar letzten sexuellen Freuden hingibt. Auf Daheim allein mit schlimmsten Plagegeistern (2005) weint ein einsamer Maler-Clown ein paar farbige Tränen in ein alles verschlingendes Schwarz. "Das Bild von heute liegt beim Psychiater auf der Couch" sagt Martin, und das klingt nicht gerade hoffnungsvoll.

"Ein Entwöhnungstrauma der beendeten Moderne" diagnostizierte schon Mitte der Neunziger Jahre der Medientheoretiker Norbert Bolz. Die Moderne sei Traum und Alptraum zu gleich und habe uns mit idealistischen Zumutungen und humanistischen Idealen überlastet. Deshalb hätten wir heute eine solch ambivalente Haltung zu ihr, deshalb falle es uns so schwer, in ein neues Zeitalter einzutreten. Auch Martin zeigt in dieser Hinsicht ernsthafte Katersymptome: "Wir haben einfach 500 Jahre Malereigeschichte hinter uns und das 20.Jahrhundert ist erst mal nicht mehr zu wiederholen. Stattdessen bewegen wir uns in so einer Schleife wie etwa in der Spätrenaissance oder im Rokoko, wo es nur wenig formale Erfindungen gab. Und die wird es auch jetzt erst einmal nicht mehr geben, vermute ich. Wir leben in einem Zeitalter, in dem es eigentlich nur noch um Nuancen geht. Wenn du im Museum die Alten Meister betrachtest, unterscheiden sich die Malstile ab dem 17.Jahrhundert kaum noch. Es sind die Energieströme, die sich unterscheiden oder inhaltliche Fragen, aber im Prinzip ist alles eine große Pampe. Und dann, im 20. Jahrhundert, wird alles neu erfunden. Aber jetzt fehlt uns der nächste Schritt. Wir leben im 21. Jahrhundert, aber in einem Wirtschaftssystem des 19. Jahrhunderts. Zuzeit fehlt es überall an neuen Inhalten und Visionen. Solange die nicht da sind, treten wir auf der Stelle."

In Zeiten der Stagnation folgt oft der Rückzug ins Private: Während Martin erklärt, dass er Bilder produzieren wolle, "denn das ist mein sozialer Auftrag - ich betrachte mich als Geschenk" und von seinem Gutshaus spricht, das er gerade im Brandenburgischen umbaut, um dort als Selbstversorger zu leben und zu arbeiten, kommt einem wieder dieses Bild von dem Kloster in den Sinn. Besonders dann, wenn er davon redet, dass immaterielle Werte wieder mehr Gültigkeit besitzen sollten und dass er einfach in Ruhe gelassen werden möchte, um konzentriert malen zu können, fällt einem dieses romantische Bild des Künstlers ein, das Martin auch in seinen Bildern beschwört. Man müsse eigentlich gar nicht mehr radikal sein, man müsse nur zulassen, was "man selber ist", bemerkt er. Wollte man Martins Bildern glauben, wäre dieses Selbst ein Konglomerat aus angeeigneten Geschichten, fragmentarischen Bildern und Erinnerungen. Eine moderne Photoshop-Identität, zu der Landflucht, Rolex, und die Suche nach den wahren Dingen des Lebens gehören - als Teil des Spiels, das Malerei heißt. Und dessen Regeln nur wenige Zeitgenossen so gut beherrschen wie Bernhard Martin.


Bernhard Martin
Thema verfehlt
Städtische Galerie Wolfsburg
30.11.2008 bis 22.03.2009






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