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Exkursion in die Glanzzeiten des Fotorealismus

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Das waren wirklich nette Jungs
Louis K. Meisel spricht mit David Lubin über die Anfänge des Fotorealismus


Seit vierzig Jahren ist der New Yorker Kunsthändler und Autor Louis K. Meisel ein unermüdlicher Streiter für die Kunst des Fotorealismus – ein Begriff, den er selbst in den späten Sechzigern geprägt hat. Die Kuratorin des Guggenheim Museums Valerie Hillings und der Kunsthistoriker Prof. David Lubin trafen Meisel im Mai 2008 in seiner Galerie in SoHo zum Gespräch.




Valerie Hillings/David Lubin: Wie kamen Sie auf den Begriff "Fotorealismus"?

Louis K. Meisel: In den späten Sechzigern sah ich erstmals Gemälde, die fotografisch wirkten und völlig anders waren als alles, was ich von den Pop-Künstlern oder anderen zuvor kannte. Ich hatte damals eine kleine Galerie an der Madison Avenue und begann diese Arbeiten zu zeigen. Charlie Bell war darunter und ein paar andere Künstler. Eins führte zum anderen und etwa 1969 fragte mich Howard Smith, der Kritiker von Village Voice: "Wie willst du diese Gruppe von Künstlern nennen?" Ich antwortete: "Keine Ahnung, wie soll ich sie denn nennen? Sie benutzen Fotografien, stehen diesem Medium ganz aufgeschlossen gegenüber. Es ist fotografischer Realismus. Was hältst Du von Fotorealismus? Klingt das gut für dich?" An jenem Wochenende schrieb Smith seine Besprechung meiner Ausstellung und nannte es Fotorealismus. Das war das erste Mal, dass der Begriff gedruckt wurde. 1970 trug die erste Schau des Jahrzehnts im Whitney Museum den Titel 22 Realists. Im Katalog verwendete dann auch Jim Monte das Wort Fotorealismus. So fing alles an.

Wo liegen die historischen Wurzeln des Fotorealismus?

Die Geschichte geht gewöhnlich so: Die Kamera tauchte auf und die Künstler sagten, "Oh, jetzt brauchen wir nicht mehr realistisch zu malen, keine Gesichter, Plätze und Dinge mehr dokumentieren; auch keine Porträts, Landschaften oder Stillleben mehr. Das kann jetzt alles die Kamera aufnehmen." Dann, etwa 100 Jahre später, griffen die Künstler erneut zur Kamera. Als Werkzeug hatten sie sie aber von dem Tag an benutzt, an dem sie erfunden wurde. Thomas Eakins, Edward Hopper, Winslow Homer und all diese Künstler nutzten den Fotoapparat, aber verleugneten es oder wollten nicht darüber reden. Die Künstler brachten es einfach nicht fertig, zu sagen: "Schaut, die Kamera und Fotografien sind Werkzeuge und wir benutzen sie", bis die Fotorealisten es in den Siebzigern etablierten. Die ganze Zeit über haben die Künstler Fotografen und die Fotografen Künstler beeinflusst. Die Kamera hat alle beeinflusst.

Was spielte sich in der Kunstszene ab, als der Fotorealismus aufkam?

Der Abstrakte Expressionismus hatte alle bildlichen Darstellungen komplett verdrängt. Da ging es allein um Oberflächen, Ebenen und Kompositionen. Es gab keinerlei Bezug zur Dreidimensionalität. Dann begannen Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Larry Rivers damit, sich von der reinen Abstraktion zu lösen und gegenständlich zu arbeiten. Die Pop-Künstler wendeten sich zwar demonstrativ der bildlichen Darstellung zu, aber sie legten nach wie vor Wert auf die Eindimensionalität der Oberfläche, auf den Maßstab und die Komposition. Zieht man von ihren Arbeiten ein paar Elemente ab, hat man fast wieder ein abstraktes Gemälde. In der Folge wandte sich eine ganze Gruppe von Künstlern wieder der Repräsentation zu und fing an, mit verschiedenen Ebenen des Realismus zu experimentieren. Künstler, die sich für Fotografie interessierten, sich damit auseinandersetzten oder ganz besonders geschickt im Umgang damit waren, entschieden sich, selbst den Fotoapparat und Fotografien zu benutzen, um die Informationen zu sammeln, die sie für ihre fotorealistischen Gemälde benötigten.

Was passierte noch?

Wenn zukünftige Generationen auf die Fotorealisten schauen, werden sie wissen, dass nach dem Abstrakten Expressionismus nichts anderes kommen konnte. Gleichzeitig spaltete sich die Kunstwelt, vor allem was die formalen Fragen betraf. Es gab die Künstler, die sich dem Minimalismus zuwandten oder sich der Land Art widmeten und so den direkten Weg von der abstrakten Malerei zu ganz neuen Erfahrungen einschlugen. Der Fotorealismus führte zum Neoexpressionismus, zur Graffitimalerei und brachte Künstler wie Richard Prince und viele andere hervor, die Fotovorlagen noch einmal übersteigerten. In den Achtzigern und Neunzigern mündete das in einem absoluten Pluralismus.

Wer war der erste Fotorealist?

Robert Bechtle hat den Fotorealismus erfunden. Er war der erste. Er und Audrey Flack lagen vielleicht sechs Monate auseinander mit ihren ersten fotorealistischen Gemälden. Das war 1963. Bechtle nahm ein Foto von seinem Spiegelbild und einem Auto auf, das draußen stand, und malte es dann ab. Das war das erste fotorealistische Bild. Es gab noch ein anderes, das diesem Bild sehr ähnelte. Das hat er vielleicht ein paar Monate früher gemalt, da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls war das der Anfang von dem, was wir Fotorealismus nennen. Robert malte ein Foto von sich ab, das er selbst gemacht hatte. Flack hingegen benutzte etwa zur selben Zeit ein Bild aus einem Magazin und malte es, Kennedy Motorcade war der Titel. Es ist von 1964. Das Motiv entstammte aber einem Pressefoto von 1963.

Fanden es die Künstler gut, als Gruppe von Fotorealisten bezeichnet zu werden?

Sie haben alle verstanden, dass es nützlich für die Einordnung des Genres war. Lawrence Alloway hatte den Begriff der "Pop Art" erfunden und ich eben einen anderen. Er passte einfach. Wenn damals ein Museumskurator oder ein Kritiker kam und wissen wollte, was neu und heiß ist, antwortete ich "der Fotorealismus" und zeigte ihnen die Arbeiten einer Gruppe von Künstlern, die sich in etwa mit denselben Fragen beschäftigten. Da es sich lediglich um zehn bis 20 Künstler handelte, war es für Kuratoren und Museen auch nicht schwer, eine Ausstellung mit dieser Art Malerei zusammenzustellen. Alle Künstler waren zudem miteinander befreundet. Mir sind auch keine Rivalitäten, Feindschaften oder anders geartete Probleme zwischen ihnen bekannt, wie man es etwa von etlichen vorangegangenen Gruppen und Kunstbewegungen her kannte.

Wie stand es mit Klagen, dass der Fotorealismus rückschrittlich wäre?

Manche nannten es rückschrittlich oder rückwärts gewandt. Aber wenn man es genauer betrachtet, entsprangen alle nachfolgenden Strömungen dem Fotorealismus, egal, ob es expressive Strömungen oder Graffiti waren. Selbst für die großformatige Fotografie gilt das. In Manchester baut ein großer zeitgenössischer Kunstsammler gerade ein Museum. Sein Kurator kam in meine Galerie und sagte: "Wir haben all diese Fotografen, darunter Prince, Andreas Gursky oder Thomas Struth sowie einige innovative Maler. Die Fotorealisten haben sie sehr beeinflusst, deshalb möchten wir die Sammlung auch um Fotorealisten erweitern, um diese Wurzeln aufzuzeigen." Man schreibt wieder über Fotorealismus. Es liegt in der Luft.

Warum ist der Fotorealismus so eine Mangelware?

Weil diese Malerei so arbeitsintensiv ist. Die Maler konnten nur vier oder fünf Bilder im Jahr produzieren. Ich konnte wählerisch sein und mir die richtigen Leute für diese fünf Bilder im Jahr aussuchen. Ich war nicht daran interessiert, an Leute zu verkaufen, die einfach nur ihre Wohnung dekorieren, spekulieren oder aus Prestigegründen sammeln wollten. Alle Sammler, die ihre Bilder in der Louis K. Meisel Galerie kauften, taten es, weil ihnen die Bilder gefielen, weil sie sie mit nach Hause nehmen und an die Wand hängen wollten, um sie dann anzuschauen. Ich war immer der Meinung, dass die Kunst genau dafür da ist. Deshalb tauchen auch so wenig Fotorealisten wieder auf dem Markt auf, denn die Leute lieben diese Bilder immer noch. Sie dekorieren ihre Wohnungen nicht um und wollen auch kein Kapital aus den Bildern schlagen.

Gibt es unter den Fotorealisten eine bestimmte Arbeitsethik?

Die Fotorealisten mussten acht bis zehn Stunden am Tag arbeiten. Sie tranken und rauchten nicht, nahmen keine Drogen. Sie zählten zu den gefestigtsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Sie widmeten sich ihrer Arbeit, die Beständigkeit und Ernsthaftigkeit erforderte. Vielen, die von Künstlern erwarteten, problematisch und maßlos zu sein, war das vielleicht zu langweilig. Bei den Pop-Art-Künstlern drehte sich ja alles um Drogen, bei den Abstrakten Expressionisten um Drinks, Bier und Partys. Die Fotorealisten kamen einfach daher gelaufen und erfüllten das nicht. Sie waren eher ruhig, keine auffälligen Persönlichkeiten in dem Sinn. Sie waren einfach nette Menschen, die sehr talentiert und smart waren.

Können sie jungen Künstlern einen Rat geben?

In den Achtzigern pflegten Künstler, die mir ihre Arbeiten zeigten, zu sagen: "Uns wird gelehrt, dass wir keine Kunstgeschichte mehr brauchen und auch keine Jahre mehr darauf verwenden sollen, zeichnen zu lernen. Wir müssen uns nur ausdrücken können." Ich pflegte darauf zu antworten: "Das solltet ihr auf der Couch eines Psychiaters machen, nicht auf einer Leinwand, die ihr mir vor die Nase setzt." Der Grund dafür war, dass der Begriff "Qualität" elitär ist und viele Leute davon ausschließt, sich als vollkommenen Künstler zu bezeichnen. Denn das setzt eine vier- oder fünfjährige Ausbildung voraus, in der man Zeichnen lernt, die Kunstgeschichte studiert, ob die Farbe an der Leinwand hält und all diese Dinge. Nur Wenige wollen so etwas auf sich nehmen oder sind fähig dazu, haben die Disziplin, das Geschick oder gar die Veranlagung. Es ist vielleicht nicht ganz opportun, so etwas zu sagen, vielleicht ist diese Auffassung auch nicht demokratisch, aber warum sollte die Kunst das auch sein?






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