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Danh Vo: Andenken an das Vergessen

Er wird als einer der spannendsten jungen Gegenwartskünstler gehandelt: Dabei erschien der in Vietnam geborene und in Dänemark aufgewachsene Danh Vo der Kunstwelt zunächst wie ein Phantom. In seinen installativen Arbeiten verknüpft er die eigene abenteuerliche Biographie mit Exkursionen in die Kriegs- und Kolonialgeschichte. Daniel Völzke hat den Künstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in Berlin getroffen.


Die antiquierten Pulverhörner, Schwerter, Köcher, die bunt gewebten Decken zum Beispiel. Sie sehen aus, als kämen sie aus einem Souvenirshop. Harmlos, weil aus einer anderen Zeit und problemlos unter "Exotik" zu verbuchen. Die Gegenstände, die der Künstler Danh Vo im Internet ersteigert hat und 2007 im Kunstverein Brandenburg ausstellt, gehörten einem vietnamesischen Bergvolk, das mit den französischen Kolonialherren und später mit den GIs kollaborierte. Man muss schon genau hinsehen, um das Wesen dieser Dinge zu erfassen: Das Ornament auf den Decken etwa besteht aus winzigen schematischen Darstellungen von Helikoptern, Bomben, Gewehren.

Ein typischer Danh Vo-Trick: Der dänische Künstler vietnamesischer Abstammung schlägt Verbindungen von der Vergangenheit – die bei Vo vor allem auch eine Kolonial- und Kriegsgeschichte ist – bis in die Gegenwart. Und er legt dabei Fährten, die unsere Erwartungen gelegentlich ad absurdum führen. Das gilt sowohl für das historische und kulturelle Material, das er in seinen Arbeiten einsetzt, als auch für seine eigene Biografie.

Lange Zeit war seine Existenz selbst kaum mehr als ein Gerücht, sein Name ein Versprechen. Oder ein Scherz. Fahndete man noch vor drei Jahren im Internet nach Fotos von diesem Danh Vo, fand man Porträts eines asiatisch aussehenden Schuljungen mit großer Brille. Der Mann, ein Künstler, um die dreißig Jahre alt, blieb so gut wie unsichtbar. Stets hinterließ er nur undeutliche Spuren, in Ausstellungsräumen, in Gesprächen. Wollte man diese Spuren lesen, musste man mehr erfahren über diesen Menschen und sein Leben, so schien es.

Da stellt etwa Tobias Rehberger 2006 die Skulptur American Traitor Bitch aus: ein Boot, das Rehberger nach den Anweisungen von Danh Vos Vater gebaut hat. Auf diesem Boot soll die Familie 1979 aus Vietnam geflohen sein, so erzählte es Vo seinem damaligen Lehrer Rehberger an der Frankfurter Städelschule. Eine Spur. Vielleicht. Als Danh Vo dann zu Ende studiert hat, schickt er seine Eltern zur Verleihung des Abschlusszeugnisses in die Königliche Kunsthochschule Kopenhagen. Der Absolvent selbst bleibt zu Hause. Wer nicht dabei ist, wer nichts sagt – wie soll der zu fassen sein!

Bei Danh Vo, der angeblich mehrmals heiratete, nur um seinen Nachnamen immer weiter zu verlängern (auf seinem Klingelschild steht "Ky-Danh Rosasco Trung"), konnte man sich nie so sicher sein, was Verwirrspiel war, was Fährte. Das änderte sich auch nicht, als er schon eine viel beachtete erste Einzelausstellung in der Berliner Galerie Klosterfelde hatte: Dort dokumentierte er, wie er dem Künstlerduo Elmgreen & Dragset ein Konzept für ein Kunstwerk aus dem Büro gestohlen hatte, um sich damit in Dänemark erfolgreich um ein Stipendium zu bewerben.

Heute ist Danh Vo beileibe kein Enigma der Kunstwelt mehr. Das Rätsel ist gelüftet, das Versprechen eingelöst. Er war nominiert für die zwei höchstdotierten Preise für junge Gegenwartskunst in Deutschland: den Blauorange-Preis hat er 2007 gewonnen, den diesjährigen Wettkampf um den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst mit seinem Beitrag wesentlich bereichert. Der Kultur-Spiegel widmete ihm eine Titelgeschichte und im Sommer zeigte die Kunsthalle Basel eine institutionelle Einzelausstellung, zeitgleich zur Art Basel, als die Kunstwelt zu Gast in der Stadt war. Plötzlich kommt man an Danh Vo kaum noch vorbei.

Längst muss Vo nicht mehr für Unterstützung mit fremden Ideen hausieren gehen. "Ich wundere mich eigentlich über die Aufmerksamkeit", sagt der heute 34-jährige, der beim Reden über sich und seine Kunst keine Haken mehr schlägt, der gerne und gerne geradeaus redet. Seine Kunst allerdings ist vertrackt geblieben. Auch wenn die gefundenen Fotografien, Dokumente und Objekte oder gar Pflanzen, die er in seinen Installationen ausstellt, immer auch schön sind – der Betrachter muss sich doch bemühen, um ihnen auf die Schliche zu kommen.

"Die Museen wollen es den Besuchern leicht machen, sie haben eine bestimmte Vorstellung vom Publikum und davon, was es ertragen kann. Was hatte ich schon für Kämpfe mit Kuratoren, dass nicht alles von vorne bis hinten erklärt wird", sagt Vo. Dabei ist der Künstler gelassener geworden. Als wäre er zu der Gewissheit gelangt, dass er sich nicht mehr verstecken muss, weil man einen Menschen ohnehin nie ganz auf seine Motive und Gefühle durchleuchten kann. Umso mehr über ihn geschrieben wird, desto mehr verschwindet er auch wieder hinter den Worten. Das ist sein Thema: die Brüchigkeit des Ichs, der kulturellen Zugehörigkeit. Dass er dieses Problem anhand der Geschichte Vietnams und seiner Familie verhandelt, hat ihm auch skeptische Stimmen eingebracht: Er beute sein Leben aus, schrieb einmal ein Kunstmagazin.

"Im Grunde genommen ist es ein Produktionsfehler, dass die Artefakte, die ich ausstelle, mit meinem Leben verbunden sind", stimmt Vo zu. In der Kunsthalle Basel etwa hing ein prächtiger Kronleuchter, der früher im Pariser Hotel Majestic strahlte, auch als dort zwei Jahre vor Vos Geburt der 5-Punkte-Plan unterzeichnet wurde, der Vietnam Frieden bringen sollte. Auch dieser Gegenstand ist mit dem Schicksal der Familie Vo verknüpft: Hätte es diese Konferenz nicht gegeben, dann wären sie wohl nicht vor den Kommunisten geflohen. "Diese Verknüpfungen zum persönlichen Leben sind mir wichtig, aber die Kunst muss darüber hinausweisen", wünscht sich Danh Vo. "Genauso wie ein Grabstein als Denkmal auf etwas Allgemeines deuten muss."

Mit der Arbeit Oma-Totem hat Danh Vo in der Schweiz tatsächlich auch eine Kopie des Grabmals ausgestellt, das er für seine Großmutter angefertigt hat: Das Grabmal ist eine Abguss einer Skulptur, die sich zusammensetzt aus einem Kühlschrank, an dessen Tür ein Kruzifix angebracht ist, einer Waschmaschine und einem Fernseher. Die Geräte waren Geschenke des Sozialamts, die jeder Flüchtling bei seiner Ankunft in Dänemark erhielt. Was hat die Verstorbene ausgemacht? Wie kann ein lebloses Objekt einem gelebten Leben gerecht werden? "Ich erzähle Biografien, aber so, dass ich das Prinzip Biografie unterwandere", sagt der Künstler.

Die eigene Herkunft und die Flucht aus Vietnam ist dabei eine Art Urgeschichte: Nach dem Sieg der Kommunisten und dem Fall von Saigon wurde Vos Familie 1975 gemeinsam mit 20.000 anderen Südvietnamesen auf die Insel Phu Quoc gebracht. Nach vier Jahren Überlebenskampf baute der Vater ein Boot und brach mit der Familie auf, Richtung Amerika. Schon bald fischte ein Frachtschiff der dänischen Reederei Maersk die Flüchtlinge auf – und der vierjährige Danh Vo wurde Däne und nicht Amerikaner.

Danh Vo hat zum Blauorange-Preis eine Edition angefertigt, mit der er auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist: Unter einer alten Fotografie steht "Weihnachten 1979" geschrieben. Auf dem Bild sieht man den Vierjährigen mit seinen Geschwistern in einem Flüchtlingslager in Singapur; sie präsentieren dem Fotografen Devotionalien. "Viele sind irritiert von den christlichen Symbolen. Als hätten wir die im Lager in die Hand gedrückt bekommen. Dabei war meine Familie schon längst katholisch, als wir in Singapur ankamen." Dann erzählt er die lange Geschichte vom ersten Präsidenten Südvietnams, Ngo Dinh Diem, von buddhistischen Mönchen, die sich selbst anzündeten aus Protest gegen den Katholiken, und dass sein Vater katholisch wurde, um seine Unterstützung für Diem auszudrücken. Solche Umwege interessieren Danh Vo besonders. Manche würden derartige Verwicklungen Schicksal nennen, aber nicht ein politisch denkender Mensch wie Vo. Ihm geht es darum, Beziehungen sichtbar zu machen.

Das spürt der Betrachter vor allem in den sorgsamen Arrangements der Ausstellungen, in der Art, wie der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Dinge lenkt, indem er ihnen viel Raum lässt oder umgekehrt Interieur und Umgebung zum Ausstellungsstück erklärt, eine Tapete etwa, die er anfertigen lassen hat. Wie er nach einem Weg sucht, seine Geschichten angemessen zu erzählen. Geschichten, die keine schnellen Festlegungen dulden. Geschichten, die häufig vom Unterwegs und Dazwischen handeln.

Auch der Kreuzberger Wohnung von Danh Vo haftet etwas Vorübergehendes an; wirklich eingerichtet ist sie jedenfalls nicht. In den Zimmern und auf dem Balkon, von dem man auf die Hochbahntrasse der U-Bahn schaut, lagern manche Dinge so lange, bis ihnen Bedeutung zugesprochen wird, so wie dem Grabkreuz, das der Vater provisorisch für die Großmutter angefertigt hatte. Danh Vo gefiel es, dass der vietnamesische Name der Großmutter in lateinischen Buchstaben geschrieben war, dazu auf einem christlichen Symbol. Ihm gefällt wie Sprache, Symbole und Formen mutieren und wie sich diese Mutationen in bestimmten Objekten manifestieren.

"Bei manchen Dingen brauche ich selbst sehr lange, um sie zu verstehen", sagt der Künstler. So sei es ihm etwa mit dem Lüster ergangen. Sein Vater, mit dem er sich auf den Weg gemacht hatte nach Paris, rief aus, als er den Kronleuchter sah: "Den sollte die Königin von Dänemark besitzen!" "Der Leuchter ist so schön designt", schlussfolgerte der Sohn aus dieser Reaktion, "damit man die Geschichte, die mit ihm verbunden ist, vergisst." Und das interessiere ihn an so einem Artefakt: dass es heute ein Erinnerungsstück ist, ein Souvenir, das eigentlich vergessen machen soll.

Im Grunde sind alle von ihm ausgestellten Fundstücke Andenken, die an das Vergessen erinnern: Der Krieg schläft in diesen Dingen, die Vergangenheit und das ewige Weiter so der Menschen. Danh Vo ist der Mann, der sie weckt. Man muss ihm nur die Aufmerksamkeit schenken, die er verdient.




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