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Tracing the City
Julie Mehretus Auftragsarbeit Grey Area für das Deutsche Guggenheim


Julie Mehretu gilt als eine der spannendsten Neuentdeckungen der jungen amerikanischen Szene. Die in Äthiopien geborene und in New York lebende Künstlerin setzt sich mit drängenden Themen wie Migration oder dem rasanten Wandel der Städte auseinander. Für das Deutsche Guggenheim hat sie jetzt eine spektakuläre Auftragsarbeit realisiert. Kuratorin Joan Young über Julie Mehretus Gemäldezyklus "Grey Area".


Der Ausdruck Grey Area, zu Deutsch "Grauzone", bezeichnet einen unbestimmten Zustand, ein Übergangsstadium, in dem etwas noch nicht klar definiert ist oder auch gar nicht definiert werden kann. Die Dinge sind weder Schwarz noch Weiß, richtig oder falsch; im besten Falle wird eine Situation beschrieben, die noch offen oder verhandelbar ist. Julie Mehretu nutzt solche rätselhaften Zustände als Mittel, um den Betrachter in ihre komplexen Kompositionen aus akribisch ausgeführten Architekturzeichnungen, gestischen Markierungen und farbenfrohen Einsprengseln hineinzuziehen. Mehretus Gemäldegruppe ist der inzwischen fünfzehnte Beitrag zur gefeierten Reihe von Auftragswerken, die für das Deutsche Guggenheim produziert wurden. In ihrer Werkgruppe erkundet sie das Motiv der Ruine als Indikator für Transformation und Umbruch. Die Überbleibsel der Vergangenheit dienen bei ihr sowohl dazu, uns an zurückliegende Ereignisse zu erinnern, als auch gegenwärtige Entwicklungen hervorzuheben. Gelegentlich bezieht sich Mehretu in diesen Gemälden auf real existierende Orte des Untergangs, des Verfalls oder der Zerstörung. Manchmal erzeugt sie jedoch auch den Zerfall im Bild selbst, indem sie Zeichnungen in unzähligen Schichten überblendet, so dass sie in einem Geflecht aus Linien ineinander verschwimmen.

Von allen Werken der Serie bildet Berliner Plätze (2008-2009) am offensichtlichsten eine spezifische Szenerie ab. Wie bereits im Titel angedeutet, handelt es sich um lineare Zeichnungen, die nach Aufnahmen Wilhelminischer Architektur aus dem 19. Jahrhundert entstanden. Durch die Schichtung verlieren sich jedoch die Konturen der einzelnen Gebäude. Stattdessen entsteht eine geradezu kaleidoskopische Komposition von Linien, die den Blick des Betrachters ins Wanken geraten lässt. Welche zentrale Rolle die Fotografie in Mehretus Werk spielt wird deutlich, wenn man den Herstellungsprozess dieser Bilder betrachtet: Sie entstehen durch die Projektion historischer Aufnahmen Berlins direkt auf die Leinwand, wobei die Strukturen der Architekturfassaden zeichnerisch umrissen werden. Die sich überblendenden Darstellungen wirken wie Mehrfachbelichtungen. Die Spiegelungen der Motive in der oberen Bildhälfte erinnern an Landschaften, die von einer Camera Obscura auf den Kopf gestellt werden. Man meint, bestimmte Strukturen wieder zu erkennen oder den flüchtigen Eindruck eines vertrauten Schauplatzes wahrzunehmen. Doch schnell entgleiten diese Trugbilder und werden zum Teil der ätherischen Landschaft, die sich auf der Leinwand abbildet. Zugleich hält die Komposition die verstörende Erfahrung urbanen Lebens fest. Blöcke von immer gleichen Fassaden reihen sich in ständiger Wiederholung aneinander und verbergen das individuelle Leben, das sich hinter ihnen abspielt – man ist in ihnen eingebettet und doch isoliert. Schon lange beschäftigt sich Mehretu mit der Beziehung zwischen Individuum und Architektur. Dabei ist es kennzeichnend für ihre Arbeit, dass sie Elemente moderner Architektur, Stadtpläne und öffentliche Plätze wie Flughäfen oder Stadien in ihren Kompositionen miteinander verwebt.

So widmet sich auch ihr Gemälde Fragment (2008-09) Aspekten städtischen Lebens. Durch die Überlagerung einer Vielzahl von Straßentopographien untersucht sie in ihrem Gemälde, wie moderne Stadtplanung unsere objektive Sichtweise ebenso festlegt, wie unsere ganz subjektive Wahrnehmung der Stadt. Die gestischen Markierungen auf der Bildoberfläche scheinen Michel de Certeau’s L’invention du quotidien (Kunst des Handelns, dt.1988) zu illustrieren, das die Stadt wie einen Text liest, der von den Wegen seiner Bewohner erzählt wird. Fast wirkt es, als würden Mehretus Gemälde diese Bewegungen und Energien ins Bildhafte übersetzen. Sie evozieren die Auswirkung der gebauten Umgebung auf das Individuum, die Psychogeographie der Stadt, und reflektieren zugleich die Vergangenheit und die noch verbliebenen Spuren gelebter Geschichte. Die Erinnerung an Vergangenes ist allgegenwärtig. Doch dienen die Abbildungen historischer Architektur oder verfallener Strukturen weniger dem Andenken an die Vergangenheit als der Verdeutlichung des beständigen Wandels der urbanen Landschaft. Während die Überlagerung und teilweise Auflösung der Darstellungen bislang ein bestimmendes Mittel für Mehretus Bildkomposition war, wurden in dieser und anderen Arbeiten der Serie bestimmte Bereiche der Gemälde vorsätzlich verwischt oder ausradiert; Markierungen und Strukturen scheinen sich auf der Oberfläche der Leinwand aufzulösen wie das virtuelle Rendering einer verblassenden Erinnerung. Wie im Titel der Arbeit Middle Grey (2008-09) angedeutet, die den Mittelwert zwischen den beiden Extremen Schwarz und Weiß bezeichnet, befinden sich die Kompositionen häufig an einem Wendepunkt, an dem sie entweder immer dichter und unergründlicher werden oder sich fast in einer ätherischen Wolke aus Staub auflösen.

In dieser Gemäldeserie spielt Berlin eine signifikante Rolle bei der Erkundung der Erinnerung und urbaner Erfahrungen. Das Projekt wurde 2007 während Mehertus Aufenthalt an der American Academy in Berlin entwickelt und zwischen 2008 und 2009 vollendet, als sie sich mit ihrem Atelier in der Stadt niederließ. Auf Spaziergängen durch die Stadt, in der man die Spuren des Krieges an von Grantsplittern gemaserten Wänden oder dem zerbombten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ablesen kann, könnte sich eine Amerikanerin wie Mehretu an die Zerstörungen erinnert fühlen, die die gegenwärtigen Konflikte in Afghanistan oder im Irak anrichten. Eine Gesellschaft im Kriegszustand denkt nicht an die anhaltenden Folgen ihres Handelns. Dass die Erinnerung an diese Taten auch nach Jahrzehnten des Wiederaufbaus gepflegt wird, ist allerdings eine schmerzliche Mahnung.

Das Gemälde Believers Palace (2008-09) spricht diese aktuellen Ereignisse an. Die Linien der Zeichnungen in diesem Werk bilden den teilweise zerstörten Palast ab, der sich über Saddam Husseins Bunker in Bagdad befand. Die überall veröffentlichten Fotos des maroden Gebäudes täuschen über den intakt gehaltenen Zustand der darunter liegenden, militärischen Festung hinweg. Schon seit langem war Mehretu von militärischen Bauwerken und dem Einfluss militärischer Lager und Strategien auf die Entwicklung von Städten fasziniert. In dem Gemälde Atlantic Wall (2008-09) sind computergenerierte Renderings der Innenräume von Bunkern integriert, die die Deutschen im 2. Weltkrieg entlang der europäischen Nordküste errichten. Die festen, neolithischen Strukturen scheinen sich in einem Gewimmel von Linien und Markierungen aufzulösen. Aber die flachen grauen und weißen Formen in der oberen linken Ecke geben dem Bild Halt und verweisen auf die solide Natur dieser Betonbauten. Wie auch die graue "Decke" im oberen Teil von Middle Gray, sind diese gemalten Formen Hilfsmittel, um das scheinbare Chaos in den Bildern einzudämmen.

In ihren Gemälden beweist Mehretu ein ausgeprägtes Feingefühl für den Bildraum, der sich nicht nur durch Schichtungen, sondern auch durch die ihren Werken innewohnenden Kontraste konstituiert. Die zugrunde liegenden Kompositionen aus festen Formen und präzisen Linienzeichnungen bilden ein Gegengewicht zu den eher spontanen gestischen Markierungen, die die Künstlerin auf die Oberfläche ihrer Bilder setzt. Verschiedene Energielevels, die durch einen stabilen Grund fester Formen bezeichnet werden, die bedachten, feinen Renderings, die ausbrechenden Kräfte auf der Oberfläche werden alle auf einer einzigen Leinwand festgehalten. Diese mit schwarzer Acrylfarbe auf der Oberfläche des Gemäldes ausgeführten Gesten können detailliert und präzise sein oder, wie die schnell hingeworfenen Kritzeleien in Notations (2009), auch freier, um eine bestimmte Atmosphäre zu betonen oder eine Stimmung vorzugeben. Wie es der Titel andeutet, scheint dieses Gemälde eine Art Tagebuch der nicht mitgeteilten Gedanken zu diesem Werkzyklus zu sein: Die gesamte Energie, die in all die anderen Leinwände floss, ballt sich hier in einer wolkenartigen Ansammlung.

Als abschließender Kontrapunkt in dieser bemerkenswerten neuen Werkserie verweist das Gemälde Plover’s Wing (2009) auch auf kunstgeschichtliche Traditionen. Das kann man am farbenfrohen Untergrund des Bildes erkennen, der die abstrakten Kompositionen und utopischen Ideale der modernen Malerei in Erinnerung ruft. Der Plover, der Regenpfeifer, täuscht einen gebrochenen Flügel vor, nur um seinen Jägern leichte Beute vorzutäuschen und sie so von seinen Jungen wegzulocken. Im letzten Moment, bevor ihm wirklich Gefahr droht, entwischt er. Wie es der Titel der Arbeit suggeriert, kann man auch vom ersten Eindruck von Mehretus Werken getäuscht werden. Was aus der Entfernung abstrakt erscheint, ist aus der Nähe betrachtet tatsächlich mit detaillierten Zeichnungen angefüllt. Aber gerade wenn man den Bruchteil einer Information ausfindig gemacht hat, mit der man das Dargestellte identifizieren könnte, löst es sich ins Undefinierbare auf und zwingt den Betrachter, jedes einzelne Werk erneut anzuschauen – wieder und wieder und wieder.




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