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Die Macht der Bilder
Anmerkungen zu Yan Pei-Ming


Tausendfach in den Massenmedien reproduzierten Bildern von Mao, Bruce Lee oder dem Papst verleiht Yan Pei-Ming eine neue, intensive Präsenz, wobei in seiner Malerei östliche und westliche Einflüsse verschmelzen. In der Sammlung Deutsche Bank ist der Künstler mit einer Reihe von Arbeiten auf Papier vertreten. Hou Hanru steht als Mitglied eines internationalen Expertengremium der Kunstabteilung der Deutschen Bank beratend zur Seite und hat gerade am San Francisco Art Institute eine Einzelausstellung von Yan Pei-Ming kuratiert. Für ArtMag erläutert er, warum Mings Werk immer relevanter wird.


Es ist ein Bild, wie wir es schon unzählige Male im Fernsehen oder in Zeitungen gesehen haben. Wir kennen es aus Berichten über Kriege und humanitäre Katastrophen: ein hungerndes Kind aus einem Dritte-Welt-Land, das uns mit leeren Augen anschaut. Ein Bild, das bei allem Schrecken, den es vermittelt, fast zu einem Stereotyp geworden ist. Mit Sudanese Child (2006), einem Aquarell aus der Sammlung Deutsche Bank, das zu einer Serie von Kinderporträts gehört, gelingt es Yan Pei-Ming, dem Motiv seine Eindringlichkeit zurückzugeben – durch eine Malerei, die ebenso analytisch wie ausdrucksstark ist.

Ming, wie er von der Kunstwelt und in den Medien bevorzugt genannt wird, gehört zu den wichtigsten Protagonisten der Gegenwartskunst. Mit unglaublicher Energie und Einfallsreichtum widmet er sich seinen großformatigen, monochromen Gemälden, von denen die meisten Porträts sind. Die Intensität seiner Werke resultiert aus leidenschaftlichen, dynamischen und ausdrucksstarken Gesten, mit denen er die Leinwand "attackiert" – ohne dass es ihm dabei an konzeptueller Tiefe mangelt. Ming wurde 1960 in Shanghai geboren. Seine Jugend fiel in die von staatlichem Terror gekennzeichneten Jahre der chinesischen Kulturrevolution, auf die dann eine Periode der Öffnung und der Reformen folgte. 1981 siedelte er nach Frankreich über, um dort in den nächsten beiden Dekaden seine Karriere als Künstler voranzutreiben. Seine Biografie ist von tief greifenden Umbrüchen geprägt, die in ihrer Radikalität kaum vorstellbar sind. Solch komplexe Erfahrungen machte nicht nur er allein – sie stehen auch für die Erlebnisse einer ganzen Generation, die die dramatischen Veränderungen der globalen geopolitischen Lage seit Ende des Kalten Kriegs durch- und überlebt. Diese Generation trug aber auch entscheidend zur Umgestaltung des Globalisierungsprozesses bei.

Kampf – sowohl in physischer als auch in spiritueller Hinsicht – war immer ein zentrales Element von Mings kreativer Arbeit. Seine Gemälde sind keine erstarrten Strukturen aus Farbe und Form, sondern im Gegenteil, das Ergebnis eines intensiven künstlerischen Prozesses: Mit schnellen, großzügigen Pinselstrichen "erobert" Ming den Bildgrund, der häufig enorme Dimensionen besitzt. Dennoch sind seine Gemälde alles andere als expressive, extravagante oder ausschweifende Selbstdarstellungen. Vielmehr folgen sie einer strengen Ökonomie und Effizienz. Schwarz und Weiß, manchmal auch Rot und Weiß sind die einzigen Farben, die Ming benutzt, um sein künstlerisches Universum jenseits der realen Farbigkeit zu erschaffen. Er konstruiert seine eigene Lebenswelt und navigiert dabei zwischen Erinnerung und humanistischem Anliegen. Es ist angesichts seiner außergewöhnlichen Biografie nur natürlich, dass die ikonischen Bilder historischer Figuren wie etwa von Mao Zedong oder dem Papst einen tiefen Eindruck bei ihm und seinen Zeitgenossen hinterlassen haben und immer wieder auf seinen Werken erscheinen. Es sind nicht nur die Bilder, die Mings Erinnerungen an die von der Propaganda des Maoismus und anderer Ideologien dominierten öffentlichen Räume geprägt haben. Es sind zugleich Schlüsselbilder, aus denen sich seine ganz persönlichen Erinnerungen und Vorstellungen konstituieren. Deshalb entstehen die Mao-Porträts häufig parallel zu Bildern von seinem Vater und seinen Freunden oder auch imaginären Figuren. In den Ausstellungen werden diese Arbeiten dann nebeneinander präsentiert.

Allerdings sind Mings Arbeiten weit davon entfernt, den dargestellten Persönlichkeiten zu huldigen. Im Gegenteil, sie sind provozierend, kritisch und subversiv. Die Personen werden stets vor unruhigen Hintergründen präsentiert und die Bilder mit Titeln versehen, die auf eine moralische Problematik verweisen. So wird sein Vater einmal als "Der ehrenwerteste Mann", aber auch als "Der meist gehasste Mann" bezeichnet. Häufig haben seine Gemälde auch einen "politisch unkorrekten" Unterton. So schuf Ming in den Neunzigern eine umfangreiche Serie von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben – Strafgefangene, Prostituierte, obdachlose Kinder – und stellte sie in fast feierlicher Manier wie Berühmtheiten dar.

Vor einigen Jahren trafen in der vom französischen Kultusministerium organisierten Schau Force de l’Art Mings Porträts von Politikern und Kriminellen aufeinander, was heftige öffentliche Debatten über Moral und künstlerische Präsentationsformen entfachte. Sein bislang "provokativster Akt" ist allerdings zweifellos sein diesjähriges Projekt im Louvre, Les Funérailles de Mona Lisa (Die Begräbnisse der Mona Lisa). Die Mona Lisa stellt die Hauptattraktion des meistbesuchten Museums der Welt dar und gilt vielen Betrachtern als der Inbegriff von Schönheit. In der Ausstellungshalle direkt hinter dem Saal mit dem weltberühmten Bild hat Ming seine Serie großformatiger Gemälde installiert: eine vergrößerte Kopie der Mona Lisa, gerahmt von zwei Landschaften. Dieses Triptychon wird von zwei Gemälden flankiert, die Mings Vater und den Künstler selbst auf dem Totenbett zeigen. Diese ebenso intensiven wie verstörend rätselhaften Bilder vermitteln absolute Erhabenheit. Nach der Begegnung mit dem Originalgemälde reagiert das Publikum beeindruckt aber auch schockiert auf Mings Version von Leonardos Mona Lisa und fragt sich, ob der Künstler sich auf eine Stufe mit dem vielleicht bedeutendsten Alten Meister stellen möchte. Oder deutet er hier an, dass man dieses Schönheitsideal begraben muss? Tatsächlich ist Mings Kritik des Schönheitsideals auch zutiefst mit der Frage nach dem Schicksal der Menschheit verknüpft – mit der Frage nach der Macht der Bilder und ihrem Einfluss auf unsere Wahrnehmung von Leben und Tod, Realität und Fiktion, Glück und Schmerz.

In den letzten Jahren hat der Künstler seine Recherchen und die Beschäftigung mit Repräsentationsformen in eine neue Richtung gelenkt, die unmittelbar zur Auseinandersetzung mit sozialen und geopolitischen Konflikten und ihren Folgen führt. Porträts von Kindern aus der Dritten Welt, die unter Kriegen, Hunger, Armut und anderen Katastrophen leiden, werden direkt neben Porträts von UN-Generalsekretären oder US-Soldaten aus dem Irak-Krieg präsentiert. Angesichts aktueller Krisen und politischer Veränderungen hat Ming für seine Ausstellung, die im Frühjahr 2009 im San Francisco Art Institute zu sehen war, ein neues Projekt realisiert: Bilder von Heroen wie Barack Obama oder amerikanischen Soldaten fanden sich neben Dollarnoten oder so skandalumwitterten Figuren wie dem Finanzjongleur Bernard Madoff, wobei eine Serie roter Bilder von Neugeborenen einen Kontrapunkt setzte.

Mings künstlerisches Werk besteht zum überwiegenden Teil aus Gemälden. Er ist aber immer bereit, zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Seit ein paar Jahren installiert er seine Bilder als Flaggen oder Poster im öffentlichen Raum, um das gesellschaftliche Bewusstsein zu mobilisieren. Diese Provokation unterläuft nicht nur die Konventionen künstlerischer Repräsentation. Was weit wichtiger ist – sie hinterfragt auch das allgemein verbindliche Wertesystem in der öffentlichen Kommunikation sowie etablierte, konservativ geprägte, soziale und psychologische Strukturen. Mings Werk ist politisch engagiert. Das verleiht seinen Arbeiten nicht nur Brisanz, sondern macht sie gerade in dieser Zeit massiver gesellschaftlicher Unwälzungen zunehmend relevant.




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