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Entmaterialisiertes Sehen:
Ein Gespräch mit Eberhard Havekost


"Benutzeroberflächen" nennt Eberhard Havekost seine Gemälde. Mit distanziertem Stil zeigen sie die medialisierte Welt in ausschnitthaften,unterkühlten Bildern. Und die machten den Dresdner zu einem der wichtigsten Protagonisten einer erneuerten figurativen Malerei. In der Sammlung Deutsche Bank ist der Künstler mit zahlreichen Arbeiten auf Papier vertreten. Nun überrascht Havekosts Schau "Retina" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle mit fast gegenstandslosen Bildern. Wie kam es zu diesem Wandel? Hortense Pisano hat nachgefragt.


Eberhard Havekost, bislang schätzte die Kunstwelt jene Authentizität, mit der Sie als Maler unsere Dingwelt oder auch Personen auf der Leinwand widergespiegelt haben. Betrachtet man zum Beispiel Ihre früheren Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, wirkt der Zweckbau auf der Serie "4 Kabinen" (2000) einförmig, fast banal – so wie man diese Architektur auch im Alltag wahrnimmt. Umgekehrt strahlt das Ledersofa auf der Serie "Shimmery Mauve" (2007) etwas von einem schicken Kultobjekt aus. Jetzt entziehen sich Ihre neuen, erstmals in der Schirn Kunsthalle gezeigten Bilder einer eindeutigen Lesbarkeit.

Wenn Sie die Bildserie 4 Kabinen erwähnen, möchte ich kurz erklären, wie die Idee zu diesem Motiv entstanden ist. Ich hielt mich damals im Rahmen eines Stipendiums in Frankfurt auf. Der tägliche Weg zu meinem Atelier im Frankfurter Ostend führte vorbei an hotelartig verloren wirkenden Gebäuden. Diese Atmosphäre der Einsamkeit und zugleich auch die Monotonie, die ich beim Vorbeilaufen an den Gebäuden empfand, wollte ich auf den Bildern wiedergeben. Bei der 2007 gemalten Werkgruppe Shimmery Mauve stand hingegen die Auflösung des Objektes im Blickfeld meines Interesses. Das Motiv war für mich lediglich ein Vehikel, um auf eine Art imaginäre Reise zu gehen. Mit imaginärer Reise meine ich, von einer gewöhnlichen Situation aus über ganz andere Dinge nachdenken zu können. So habe ich das Ledersofa, das übrigens bis heute in meinem Atelier steht und auf dem ich zuvor saß, wodurch die erwähnten Sitzfalten entstanden sind, aus mehreren Blickwinkeln fotografiert und anschließend gemalt. Meiner Meinung nach hat diese an den Kubismus angelehnte Mehrfachperspektive den Effekt, dass man das Objekt nicht mehr als eine feste Einheit wahrnimmt.

Die Serie "Shimmery Mauve" war also ein Zwischenschritt hin zu den teilweise abstrakten Motiven. Rückblickend hat man den Eindruck, als ob von Ihren ersten Frauenporträts 1996 bis zu den neuen Ölbildserien "Retina" und "Flatscreen" ein sukzessiver Abbau an Formen und Farben stattgefunden hat.

Ich denke, sehr viel wichtiger als das jeweilige Sujet war für mich auch bei den älteren Arbeiten das Ausloten der Wirkung von unterschiedlichen Materialien und Oberflächenstrukturen auf der Leinwand. Nehmen Sie beispielsweise meine Porträtserie Snow Lounge von 2000. Das für mich Spannende während des Malprozesses bestand darin, das natürliche Organ Haut möglichst nahtlos in das synthetische Material der Skibrille übergehen zu lassen. Haut und Brille fusionieren auf den Porträts zu etwas Künstlichem, zu einem Surface, das dazu angelegt ist, beim Betrachter Begehren auszulösen.

Ist die Skibrille metaphorisch gesehen ein Spiegel des Begehrens, weil die Brille die Augen der dargestellten Person abschirmt, sie nahezu verschwinden lässt?

Ja. Sie schirmt den Blick der dargestellten Person ab und verleiht ihr dadurch eine gewisse Coolness. Zugleich stellt sie für den Betrachter eine ideale Oberfläche dar, um sein Begehren auf diese medial funktionierende Figur zu projizieren.

Ihre fühen Porträts lösten beim Betrachter sofort ein Aha-Erlebnis aus. Jene zarten, bildschönen Frauenköpfe, "Click and Fly" etwa, kamen einem durch die Werbe- und Modefotografie seltsam vertraut vor. Gegen diese expressiven Werbeschönheiten wirken Ihre aktuellen Bilder geradezu weich gezeichnet. Weshalb kehren sich die neuen Arbeiten von der Wirklichkeit ab?

Weder kehren sich meine neuen Bilder von der Wirklichkeit ab, noch markieren sie für mich einen eindeutigen Bruch. Im Grunde bin ich in den letzten Jahren sowohl mit der Kamera als auch beim Malen stets nur ein wenig näher an den jeweiligen Gegenstand herangegangenen. Was die erwähnten vormals stark akzentuierten Komplementärkontraste betrifft, habe ich sie diesmal nicht nebeneinander auf die Leinwand gesetzt, sondern vielmehr ineinander übergehen lassen. Dieses Zusammenfließen von Farben lässt die Oberfläche der Bilder derart weich erscheinen. Anders als bei meinen früheren Bildern habe ich diesmal jede Form von Erinnerungsfragment ausgelöscht. Es werden keine nachvollziehbaren Informationen übermittelt, der Betrachter ist vielmehr auf seinen subjektiven Interpretationsschlüssel zurückverwiesen.

Wie entstehen die Farbverläufe oder besser gesagt, der Eindruck von Unschärfe? Gehen Sie schon beim Fotografieren näher an einen Gegenstand heran oder verändern Sie die Vorlagen erst am Computer? Reizen Sie die Effekte der Fotografie erst beim Malen aus?

Natürlich experimentiere ich am Computer mit den Möglichkeiten des digitalen Bildprogramms – ich lege probehalber die standardisierten Farbfilter unter ein Bild, arbeite mit Effekten wie Schärfe oder Unschärfe. Was sich auf der Leinwand an Prozessen tatsächlich entwickelt, lässt sich mit den digitalen Werkzeugen jedoch nur ansatzweise simulieren. Ich möchte den Malakt diesmal eher mit einem chemischen Vorgang vergleichen. So wurde die verwendete Ölfarbe Schicht um Schicht abgetragen. Durch das Beimischen von Lösungsfarbe setzte ein Verflüssigungsprozess ein, was die Komplementärfarben Rot und Grün auf der Bildserie Retina ineinander fließen ließ.

"Retina" basiert auf der Aufnahme eines Flachbildschirms, auf dem beim Zeitpunkt des Fotografierens der Kanal "Comedy Central" lief. Man fragt sich, weshalb eine derart umständliche Übersetzungsarbeit stattfindet – vom medialen Bildträger über die digitale Fotografie bis hin zum gemalten Bild.

Der Versuch, mit dem gemalten Bild schrittweise wieder eine physische Präsenz herzustellen, mag unökonomisch erscheinen. Doch erst das gemalte Bild macht das entmaterialisierte Sehen, das heute durch die technischen Bild- und Erinnerungsmedien stattfindet, erneut zu einem körperlich nachvollziehbaren Erlebnis. Die zunehmend medialisierte Wahrnehmung zieht eine Verflüchtigung des Materials sowie die Angleichung ganz unterschiedlicher Oberflächen nach sich. So wirkt ein Metall auf einer Digitalfotografie weich, eine Wolke dagegen hart. Es findet eine völlige Verzerrung der Realität statt. Nicht nur für den Betrachter, auch für mich ist der physische Aspekt der Malerei die Grundvoraussetzung, den eigenen Körper wieder spüren zu können.

Das Ineinanderfließen von organischen und synthetischen Oberflächen kehrt also ähnlich wie bei der "Snow Lounge"-Serie als Gestaltungsprinzip wieder. Zwischen Ihren neuen, scheinbar völlig ungegenständlich wirkenden Bildern, die auf Aufnahmen von Holzoberflächen oder den Oberflächen von Flachbildschirmen basieren, tauchen unvermittelt wieder erkennbare Motive auf, der Umriss des "Stern"-Logos etwa oder die Reproduktion einer Kinderzeichnung.

Meiner Auffassung nach erschwert jegliche Art von Symbol den direkten Zugang zur Realität. Daher gibt sich meine Version des Sterns als ein konstruiertes Gestaltungsmittel zu erkennen. Doch obschon ich die Originalgröße des Sterns, dem Symbol der gleichnamigen Zeitschrift, verändert und seine rote Erkennungsfarbe herausgezogen habe, erweist sich die reduzierte Version als ein Hingucker. Das Stern-Bild ist eines der wenigen Bildfragmente, die man als Betrachter noch zu dechiffrieren vermag. Ansonsten wird man in der Ausstellung vergeblich nach wieder erkennbaren Bildern suchen. Denn anders als bei meinen früheren Bildern habe ich jede Form von Erinnerungsfragment diesmal ausgelöscht. Es werden keine nachvollziehbaren Informationen übermittelt, der Betrachter ist vielmehr auf seinen subjektiven Interpretationsschlüssel zurückverwiesen. Ich gehe bei meinen Arbeiten immer weniger ergebnisorientiert vor und reflektiere stattdessen zunehmend den Prozess der Wahrnehmung. Mir geht es etwa um Fragen, wie Bildeffekte heute erzeugt werden und welche Formen der Standardisierungen es gibt. Leider fällt mir immer häufiger auf, dass die Ergebnisse auf dem gestalterischen Gebiet oft unglaublich langweilig sind, ob das nun die Verwendung von Symbolen auf Bildträgern oder die Plakatgestaltung betrifft.

Höre ich da eine latente Medienkritik aus Ihren Worten?

Nein. Ich verstehe meine Ausstellung nicht als Medienkritik. Ich mache dem Betrachter vielmehr einen Vorschlag. Ein Angebot, Bildprozesse zu denken.

Eberhard Havekost. Retina
15.01. - 14.03.2010
Schirn Kunsthalle, Frankfurt




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