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Aufbruch in die virtuelle Welt
Walter Pichlers futuristische Visionen


Seit den 1960er Jahren arbeitet Walter Pichler im Grenzbereich zwischen Skulptur und Architektur, entwirft utopische Stadtmodelle und Plastiken wie seinen legendären "TV-Helm". Pichler ist mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Die von der Bank konzipierte Ausstellung "Joseph Beuys / Walter Pichler. Zeichnungen" stellte 1996 ein bedeutendes Konvolut von Beuys-Zeichnungen den Papierarbeiten des 1936 geborenen Österreichers entgegen. Silke Hohmann stellt den Erfinder des "Tragbaren Wohnzimmers" vor.


Eine Gestalt sitzt an einem langen Arbeitstisch. Die Figur ist dreiviertel abgewandt, dunkel schraffiert, und doch transparent: Die perspektivischen Linien des Stuhls, des Tisches, sogar die Achsen der eigenen Gliedmaßen und des Rückgrats durchdringen sie. Zwischen dem Kopf des Zeichners und seiner Rechten, die einen Stift hält, verläuft ein schmaler Schatten. Oder ist es doch eine andere, eine ebenso immaterielle Verbindung, die hier zwischen dem Verstand und der ausführenden Hand angedeutet wird? Eine Art Datenstrom vielleicht, der das Gedachte in die Sichtbarkeit überführt? Sitzender Zeichner heißt die 1991 entstandene Arbeit Walter Pichlers aus der Sammlung Deutsche Bank lapidar. Als wäre es eine Tätigkeit unter vielen möglichen, die der Künstler hier skizziert hat. Doch die innere Spannung der Figur, das körperliche Durchdrungensein von Konstruktionslinien und ihre dabei gleichzeitig instabile, in sich verkeilte Position lassen keinen Zweifel zu, dass es hier um eine existenzielle Haltung geht.

Knapp fünfundzwanzig Jahre zuvor. Ein Mensch trägt einen weißen, sich U-Boot-artig nach vorne und hinten auswölbendem Helm. Sein gesamter Kopf verschwindet in der futuristischen Kapsel, nur der Titel lässt darauf schließen, was im Inneren passiert. Der TV-Helm von 1967 ist eine technische Apparatur, die den Benutzer isoliert und zugleich einbettet in schier grenzenlose Informationszusammenhänge: Abgeschirmt gegen die Außenwelt, ist der Träger vollkommen fokussiert auf den Bildschirm vor seinen Augen. Die Arbeit Walter Pichlers nimmt nicht nur formal die erst Jahrzehnte später entwickelte Cyber-Brille voraus. Auch die inhaltlichen Fragen des medialen Erlebens formuliert er, lange bevor die "virtuelle Welt" entdeckt wird. Tragbares Wohnzimmer nannte Pichler seine Erfindung, und zumeist wird ihm dies als bitterer Sarkasmus ausgelegt – wenn in der guten Stube doch nur die Glotze flimmert, kann man getrost auf Schleiflackschränke und Usambaraveilchen verzichten, so könnte man den Untertitel deuten. Doch das ist nicht die einzige Lesart.

Walter Pichler war wahrscheinlich schon damals ein Medienkritiker und ist es wohl bis heute. Doch er ist auch ein konzeptionell denkender Künstler, der sich schon früh mit Raum befasst – über die vier Wände, über die Struktur von Städten hinaus. Seine vordenkerischen Entwürfe der Prototypen, pneumatische Wohnblasen aus PVC, suchten schon in den sechziger Jahren zwischen Design, Architektur und Kunst nach Antworten auf die Fragen des individualisierten Lebens von morgen. Mit Anleihen aus der Raumfahrt und modernsten Materialien machen Pichlers futuristische Skulpturen auch heute noch Lust auf die Zukunft von damals, selbst wenn seinen Botschaften ein skeptischer Unterton nachgesagt wird.

In den sechziger Jahren arbeitete er nach einem Studium an der Hochschule für Architektur in Wien mit seinem Freund, dem später international bekannten Architekten Hans Hollein, an einem neuen Architekturbegriff. Im Jahr 1963 stellen die beiden gemeinsam unter dem Titel Architektur in der Galerie nächst St. Stephan aus: Hollein und er beschäftigen sich mit utopischen architektonischen Entwürfen, sie setzen der gewachsenen Kleinteiligkeit der Stadt eine modernistische Großvision aus Beton entgegen, und erklären die Architektur für "befreit von den Zwängen des Bauens." Diese Aussage lässt sich ohne weiteres auf den TV-Helm übertragen, wenn man ihn nicht nur als Scheuklappen-Apparatur betrachtet, sondern umgekehrt als eine freidenkerische Erweiterung des Raums: Wer braucht noch vier Wände, wenn er die ganze Welt haben kann?

"The Medium is the message" konstatierte Marshall McLuhan in seinem medientheoretischen Standardwerk Die magischen Kanäle – Understanding Media, das ein Jahr nachdem Pichler seinen TV-Helm gezeigt hatte, in Deutschland erschien. McLuhan wurde zunächst ebenso einseitig interpretiert: Das technische Gerät ist so mächtig, dass es auch ohne Inhalte funktioniert, lautete die kulturpessimistische Deutung seiner Thesen. Verdummung, soziale und physische Störungen, Gleichschaltung schienen programmiert. Dabei war McLuhan vielmehr nüchterner Beobachter und eher affirmativer Analyst als warnende Kassandra.

Für die kulturelle Bedeutung des TV-Helms von Pichler ist es am Ende unerheblich, ob das Werk als zynischer Kommentar auf die soziale Vereinzelung durch Fernsehkonsum gedacht war – wenngleich es unwahrscheinlich erscheint, dass der perfektionistische, ausgebildete Architekt sich mit einer eindeutig soziologisch motivierten Arbeit zufrieden gegeben hätte. Unabhängig von seinen Intentionen markiert das Werk, zeitgleich mit wenigen anderen wie Ivan Sutherlands Head-Mounted-Display aus demselben Jahr, jenen Quantensprung von der physischen in die virtuelle Welt. Sie behandeln weniger die Psyche des Einzelnen, als sie eine neue Definition für Raum suchen.

Dem Motiv der Einbettung ist Walter Pichler bis heute treu geblieben, wenngleich sich seine Mittel stark verändert haben. Pichler ist einer der bedeutendsten lebenden Künstler Österreichs – und wäre es lieber nicht. "Ich will schon lange nicht mehr Künstler genannt werden", sagte er vor wenigen Jahren der "Zeit", die ihn anlässlich seiner Ausstellung in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts in seinem ländlichen Anwesen in St. Martin im äußersten Burgenland besuchte. Dort lebt Pichler seit 1972, kurz nach jenen umstürzlerischen Jahren der späten Sechziger suchte er bewusst Abstand vom Museums- und Ausstellungsbetrieb. "Den meisten geht es ja nur darum, reich und berühmt zu werden."

Worum aber geht es Walter Pichler? Ihn auf eine Position festzulegen, scheint unmöglich – so verschieden wirken seine ersten, fast poppigen Arbeiten aus den sechziger Jahren von seinen heutigen Werken. Damals ein Visionär, heute ein Rückwärtsgewandter?

Das Denken über Gattungsgrenzen hinaus kennzeichnet Walter Pichlers architektonisches, zeichnerisches und skulpturales Werk bis heute. Für seine menschenähnlichen Skulpturen aus Holz und Metall baut er eigens Ausstellungsräume, die irgendwo zwischen Tempel und Container zu verorten sind. Die Skulpturen bewegen sich daraus nie fort: Pichler sieht das Zusammenspiel aus Raum und Objekt als unerlässlich an. Das eine wäre ohne das andere nicht komplett. Man muss diese Räume aufsuchen. Und auch Pichler selbst meidet die Öffentlichkeit des Kunstbetriebs weitgehend.

Seine systematische Entsagung passt nach wie vor gut zu Walter Pichlers kritischem Ansatz von einst, und gleichfalls kann man das gelebte Statement für Verwurzelung ein kühnes Raumkonzept nennen, weil es alle gegenwärtigen Gegebenheiten (Mobilität für alle, ortlose Kommunikation, globalisierte Kunstwelt) widerständig in Frage stellt. Der zeitlose Sitzende Zeichner von 1991 ist ein Verwandter jenes Benutzers des TV-Helm, der die Datenströme vor seiner Zeit empfing. Beide Figuren sind Stellvertreter, die fragen: Was wollen wir sein, und zu welchem Preis? Walter Pichler hat sich aus diesen Fragen nicht ausgeklinkt. Er hat sich nur so deutlich entschieden wie kaum ein anderer Künstler.




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