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Kunst = Kapital
Joseph Beuys, seine Schüler und die Sammlung Deutsche Bank


"Beuys and Beyond – Teaching as Art" ist die dritte Ausstellung mit Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die durch renommierte lateinamerikanische Museen tourt. Sie zeigt Arbeiten von Joseph Beuys und seinen Schülern im Dialog mit lateinamerikanischer Gegenwartskunst. Friedhelm Hütte, Global Head of Art, Deutsche Bank, über die immense Bedeutung von Beuys für die Unternehmenssammlung und das Kunstengagement der Deutschen Bank.


Joseph Beuys gilt vielen Kunstinteressierten als Inbegriff des Künstlers und Lehrers, er war Visionär und Mentor zugleich. Sein Einfluss reichte dabei weit über die Sphäre der Kunst hinaus: der "erweiterte Kunstbegriff" schließt die Umgestaltung der gesamten Gesellschaft mit ein. Mit seinem berühmten Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler" meinte Beuys, dass jeder Menschen ein kreatives Potential besitzt, das unterstützt werden muss: "Je höher die Kreativität der Menschen ist, um so höher ist das Volksvermögen, um so höher ist die Fähigkeit, die Dinge so zu regeln, dass sie in höchstmöglichen Maß produktiv und effektiv werden im Sinne aller." Dieses innovative Potential von Kunst und Kreativität steht auch im Zentrum des Kunstengagements der Deutschen Bank. Die Förderung junger Künstler ist seit rund drei Dekaden ein bedeutender Teil der Unternehmenskultur. Im Zentrum steht dabei die Sammlung Deutsche Bank.

Ein Hauptziel ist es, die Kunstwerke der Sammlung einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, in Deutschland und rund um die Welt – so auch in den Ländern Lateinamerikas: 2003/04 stellte die Wanderausstellung Die Rückkehr der Giganten figurative deutsche Malerei aus der Sammlung Deutsche Bank vor. Ein Panorama deutscher Fotokunst zeigte 2006/07 die Schau Mehr als das Auge fassen kann. Mit Beuys and Beyond – Teaching as Art setzt die Deutsche Bank jetzt die Zusammenarbeit mit ihren lateinamerikanischen Partnerinstitutionen fort – und intensiviert sie zugleich. Denn die Ausstellung ist in zweierlei Hinsicht ein Novum. Nicht nur, weil hier erstmals nach seinem Tod Beuys im direkten Dialog mit seinen Schülern Lothar Baumgarten, Jörg Immendorff, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Katharina Sieverding und Norbert Tadeusz gezeigt wird. Das Prinzip dieser Gegenüberstellung wird auch auf die unterschiedlichen Kunstszenen in Lateinamerika erweitert. Auf jeder Station der Schau werden die Arbeiten einheimischer Lehrer und Schüler denen von Beuys und seinen Studenten gegenübergestellt. So veranschaulicht die Ausstellung ein Thema, das für die Deutsche Bank bereits lange von großer Bedeutung ist – die Rolle des Künstlers als Lehrer und Mentor sowie die Vermittlung von Kunst.

Und wer wäre da wohl eine ikonographischere Figur als Joseph Beuys? Als er 1961 seinen Lehrstuhl an der Kunstakademie Düsseldorf antritt, lässt es sich allerdings noch nicht absehen, dass sich der damals 40-jährige zu einer fast messianischen Künstlerpersönlichkeit entwickeln wird. Doch wie kein anderer verkörpert er schon bald die Sehnsucht nach einem fundamentalen gesellschaftlichen Aufbruch und leistet mit seinem Werk einen ganz spezifisch deutschen Beitrag zur internationalen Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre. Als Reaktion auf das weitgehend restaurative kulturelle Klima der Adenauer-Ära tritt bereits Anfang der 1960er Jahre eine neue Künstlergeneration auf den Plan. So propagiert die Fluxus-Bewegung die Loslösung vom traditionellen Verständnis eines Kunstwerks als materiellem Objekt, die Einbeziehung von Idee und Aktion. Es geht um die Vereinigung von Kunst und Leben. Neben Nam June Paik oder Wolf Vostell ist vor allem Beuys der Protagonist, der diese Bewegung vorantreibt und mit einem neuen Kunstverständnis die Öffentlichkeit polarisiert.

Bis zu seiner umstrittenen Entlassung 1972 wegen der Forderung, ein unbeschränktes Aufnahmeverfahren einzuführen, prägt Beuys eine ganze Generation von Studenten mit seiner Idee eines erweiterten, demokratischen Kunstbegriffs. Im Mittelpunkt steht hierbei die utopische Vorstellung der "Sozialen Plastik". Beuys erklärt, dass sie erst dann in Erscheinung treten wird, "wenn auch der letzte lebende Mensch auf dieser Erde zu einem Mitgestalter, einem Plastiker oder Architekten am sozialen Organismus geworden ist."

Zur Bildung des "neuen Menschen" findet Beuys in der Akademie eine institutionelle Plattform, die aber auch selbst noch reformiert werden muss. In seiner Klasse werden deshalb die traditionellen, streng hierarchischen Unterrichtsformen von diskursiven Auseinandersetzungen abgelöst. Während dieser "Ringgespräche" diskutiert der Professor mit seinen Studenten gleichermaßen künstlerische wie gesellschaftliche Fragen. Seine von Philosophie, Anthroposophie und einer alternativen Ökonomie geprägte Definition von Kunst schließt auch das direkte politische Engagement mit ein. So besetzt er 1971 gemeinsam mit Studenten das Sekretariat der Akademie, um gegen Zulassungsbeschränkungen zu protestieren.

Zugleich geht es Beuys um mehr als Theorie und Aktion. "Es wird oft behauptet, in meiner Klasse sei alles nur konzeptionell oder politisch. Ich lege aber größten Wert darauf, dass etwas sinnlich Greifbares entsteht, bei breiten erkenntnistheoretischen Grundlagen", sagt er 1972 in einem Interview mit Georg Jappe. "Am Wichtigsten ist für mich, dass der Mensch anhand seiner Produkte Modelle erfährt, wie er am Zusammenhang des Ganzen mitwirken kann; und nicht nur Artikel produziert, sondern Bildhauer oder Architekt wird am gesamten sozialen Organismus. Die zukünftige Gesellschaftsordnung wird sich nach den Gesetzmäßigkeiten der Kunst formen." Wie sehr seine Unterrichtsmethoden auf diesen Gesetzmäßigkeiten basieren, zeigen auch die Minneapolis Fragmente aus der Sammlung Deutsche Bank. Die Serie entstand 1974 anlässlich eines Vortrags an der dortigen Universität. Die flüchtigen Zeichnungen, Wörter und Diagramme veranschaulichen Beuys’ Lehrtätigkeit ganz unmittelbar – als fließender Prozess, der Diskussionen und Denkvorgänge initiiert. Nur selten gab der Professor seinen Studenten konkrete Aufgaben. Stattdessen galt es, eigene Inhalte, Ziele und Lösungswege zu finden.

Zu welch unterschiedlichen Resultaten seine Schüler gelangten, zeigt die Ausstellung Beuys and Beyond – Teaching as Art anhand von Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank. Von den geometrisch-bunten Abstraktionen Imi Knoebels über die gegenständlichen Aquarelle von Norbert Tadeusz bis hin zu Katharina Sieverdings konzeptuellen Fotoarbeiten entfaltet sich ein breites Panorama von Medien, Strategien, ästhetischen und inhaltlichen Ansätzen. Gleichzeitig dokumentiert die Ausstellung, wie stark Beuys’ Kunstphilosophie die Entstehung der Sammlung Deutsche Bank geprägt hat.

1979 wird die Unternehmenssammlung ins Leben gerufen – am Ende einer Dekade, in der die Kunst verstärkt den Kontakt mit der gesellschaftlichen Realität sucht. In den 1970er Jahren veranstaltet nicht nur Beuys seine Aktionen in Fußgängerzonen, wo er die Passanten mit Flugblättern zum Einsatz für mehr direkte Demokratie auffordert. Künstler gehen in Fabriken, um den Arbeitsalltag kennen zulernen und Berührungsängste auf beiden Seiten abzubauen. Und Harald Szeemanns documenta 5 setzt 1972 auf neue Formen der Kunstpräsentation außerhalb des musealen Kontextes. Kultur für alle lautet dann auch der programmatische Titel von Hilmar Hoffmanns 1979 erschienenem Buch, in dem der einflussreiche Politiker fordert, Kunst und Kultur einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Diesem zutiefst demokratischen Ansatz ist auch die Deutsche Bank verpflichtet. Unter dem Motto "Kunst am Arbeitsplatz" leistete sie Pionierarbeit: Kunst wird eben nicht als dekorative Wertanlage für die Vorstandsetagen betrachtet, sondern als kulturelles Kapital, das allen Mitarbeitern, Besuchern und der Öffentlichkeit zu Gute kommen soll. Von Anfang an ging es insbesondere darum, die unmittelbare Begegnung mit zeitgenössischen Positionen außerhalb etablierter Institutionen wie Museen oder Galerien zu ermöglichen – in den Büros der Mitarbeiter, in Konferenzräumen oder auf den Gängen. Anfangs organisiert man intern Mitarbeiterführungen, später wird das Kunstengagement durch öffentliche Führungen, zahlreiche Leihgaben an Museen sowie weltweit tourende Ausstellungen aus der Sammlung mit begleitenden Publikationen verstärkt nach außen getragen. "Kunst=Kapital" lautet Beuys’ berühmte Formel, die den Nerv der damaligen Zeit trifft. Die Deutsche Bank ist eines der ersten Unternehmen, die ihn beim Wort nimmt und das Engagement für die Gegenwartskunst zu einem festen Bestandteil der Unternehmenskultur macht.

Einer der frühesten und bedeutendsten Ankäufe für die Sammlung Deutsche Bank ist dann auch ein Konvolut von Beuys-Zeichnungen. Es ist kein Zufall, dass man sich für Zeichnungen entscheidet. Von Beginn an konzentriert sich die Sammlung Deutsche Bank auf dieses Medium, das die erste Idee, den Entwurf, das Konzept veranschaulicht – jene Elemente, in denen sich der kreative, künstlerische Prozess auf ganz direkte, unmittelbare Weise spiegelt. Auch für Beuys ist die Zeichnung ein überaus wichtiges Medium: Er betrachtete sie als "Verlängerung des Gedankens".

Vergleicht man die Arbeiten von Beuys‘ Studenten mit denen ihres Professors, ist es offensichtlich, dass sie trotz stilistischer oder thematischer Parallelen keinesfalls als Epigonen zu betrachten sind. Im Gegenteil: Es ist Beuys’ erklärtes Ziel, seine Studenten dabei zu unterstützen, ihren individuellen Weg zu finden. Obwohl Beuys etwa Jörg Immendorffs vom Maoismus geprägter Bilderwelt und dem Medium Malerei überhaupt sehr skeptisch gegenüberstand, regte er ihn doch zu neuen Sichtweisen an. Die Erkenntnis, "dass Malerei etwas Prozesshaftes hat" wirkte für Immendorff "wie ein Türöffner".

Beuys’ Forderung, Kunst und Leben miteinander zu verbinden, gilt auch für ihn. WWenn es etwas gab, was ich nie wollte, war es, als Künstler im Elfenbeinturm zu bleiben", erklärte Immendorff 2005. So arbeitete er von 1971 bis 1981 – einer Zeit, in der er schon an wichtigen Ausstellungen wie der documenta teilnahm – ganz bewusst als Kunsterzieher an einer Düsseldorfer Hauptschule. Und mit seinen betont "kunstlosen", von Agitprop und Comics geprägten Bildern bezieht er regelmäßig Stellung zu gesellschaftlichen Themen, etwa mit seinen Werken aus der Reihe Café Deutschland, die die deutsche Teilung thematisieren.

Auch Katharina Sieverdings Fotoarbeit Trauer und Wut (1981) greift ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen auf: die Hausbesetzungen in West-Berlin Anfang der 1980er Jahre. Indem sie die Fotografie zu ihrem bevorzugten Medium macht, emanzipiert sich Sieverding ganz bewusst von Beuys’ ästhetischen Vorstellungen. So erkundet sie in Serien wie Transformer (1973/74) ihr eigenes Gesicht, setzt sich mit Geschlechterrollen, Glamour, Mode und den Images der Massenmedien auseinander.

Viele Studenten der Beuys-Klasse sind vor allem von der charismatischen Ausstrahlung des Professors beeindruckt, der ihnen als personifizierter Widerstand gegen den vorherrschenden Zeitgeist erscheint. "Er war trotz seines Alters offen, rebellisch, hat Dinge in Frage gestellt, die andere seiner Generation wortlos hinnahmen", erklärt Imi Knoebel in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Petra Richter. "Wir brauchten jemanden, der auch auf der Suche war wie wir. Wir suchten nach dem Extremen." Für ihn, seinen Künstlerfreund Rainer (Imi) Giese oder auch Lothar Baumgarten waren die Person Beuys und seine Haltung weitaus wichtiger als sein Werk. Knoebels von der reduzierten Formensprache des russischen Konstruktivismus geprägten Arbeiten stehen dann auch im diametralem Gegensatz zu Beuys’ eigener Position. Den Gegenpol zu Knoebels Abstraktionen bilden die gegenständlichen Arbeiten von Norbert Tadeusz. Während an der Akademie der erweiterte Kunstbegriff durchgespielt wird, bleibt er dem Realismus treu und bezieht sich auf deutsche Expressionisten wie Otto Mueller.

In ihrer Divergenz demonstrieren die Arbeiten in Beuys and Beyond – Teaching as Art nicht nur die immense Kreativität des wohl einflussreichsten deutschen Künstlers des 20. Jahrhunderts und seiner Schüler. Sie veranschaulichen auch einen wichtigen Abschnitt der jüngeren deutschen Kulturgeschichte und zeigen nicht zuletzt, wie entscheidend das Denken von Beuys die Entstehung der Sammlung Deutsche Bank geprägt hat. Die Förderung zeitgenössischer Kunst ist ein integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Engagements der Deutschen Bank. Denn Kunst stellt Fragen, schafft Neues. Sie inspiriert uns, eröffnet neue, unverbrauchte Perspektiven, hilft dabei, Grenzen und kulturelle Barrieren zu überwinden. Deshalb unterstützt die Bank viel versprechende Nachwuchskünstler und ermöglicht einer breiten Öffentlichkeit den Zugang zu zeitgenössischen Positionen. Mit ihrem Kunstengagement leistet die Deutsche Bank so einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung unserer globalen Gesellschaft.




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