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Mythen, Monstren, Mutationen:
Ein Besuch bei Dr. Lakra


Ob Glamour-Fotos mexikanischer Schönheiten, Puppen oder Magazin-Cover – nichts ist vor Dr. Lakras Stift sicher. Statt Haut verziert der Tattoo Artist mittlerweile bevorzugt Bilder vergangener Dekaden. Mit seinen bizarren Studien über Eros und Vergänglichkeit ist der Künstler bereits seit 2005 in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Daniel Hernandez erkundet Lakras psychedelisches Universum.


Eine junge, dunkelhäutige Frau öffnet mir die Tür. "Erwartet er dich?", fragt sie kurz. Ich nicke. "Da lang", sagt sie, weist mir die Richtung, um sich dann weiter um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Das Atelier des Künstlers befindet sich im zweiten Stock eines gepflegten Hauses im Hacienda-Stil, dessen Räume sich um einen offenen Innenhof herum gruppieren. Das Gebäude befindet sich in einer engen Straße von Oaxaca, einer Stadt im üppig grünen Süden Mexikos. Ich steige die Treppe hinauf und lande in einem großen Raum mit weiß getünchten Wänden. Er erinnert an eine makabere Version der Werkstatt des Holzschnitzers Geppetto, dem Schöpfer Pinocchios. Eine wahre Fundgrube des Bizarren – die Regale quellen über vor verstümmelten Puppen, nostalgischem Spielzeug, alten Glasflaschen, Büchern, Schallplatten, Magazinen. Neben einem Stapel von Drucken, die mit graffitiartigen Tätowierungen versehen sind, liegen Schachteln und Flaschen mit toten Insekten sowie Schädel verschiedenster Art. Krude Tags bedecken fast alle Oberflächen und wo das Auge auch hinschaut, stößt es auf Umrisse nackter Frauen, monströse Gesichter oder Stammessymbole.

Auf einem Podest arbeitet über eine Zeichnung gebeugt der Doktor. "Willkommen", sagt er und verzichtet auf jede weitere Form der Begrüßung. "Lass uns anfangen." Von eher kleiner Statur spricht Dr. Lakra mit ruhiger Stimme und macht nicht viele Worte. Während meines Besuchs in seinem Atelier wird klar: Sein Weg zum kommerziellen Erfolg ist ebenso unkonventionell wie die Themen seiner Arbeiten. Nie hat er eine Kunstakademie besucht und, wie sich ebenfalls herausstellt, auch sonst keine Schule. Stattdessen verbrachte Dr. Lakra seine prägenden Jahre in der Gesellschaft von Punks und Tätowierern in Mexico City. Kurz nach dem Mauerfall lebte er als Hausbesetzer in Berlin-Mitte, um danach in Los Angeles und San Francisco rumzuhängen, wo er seine Tätowierkünste verfeinerte. Lakra tauchte tief in die Chicano-Kultur ein und tätowierte die cholos, die Mitglieder der lokalen hispanischen Gangs. Gleichzeitig begann er, mit den Größen der kalifornischen Tattoo-Szene zusammenzuarbeiten, darunter Ed Hardy.

Diese Abenteuer beflügelten seine Laufbahn. Dr. Lakra beschränkte sich nicht mehr länger auf menschliche Haut, sondern fing an, auch Bilder aus alten Magazinen und Büchern mit der Nadel zu bearbeiten. Schnell stießen diese Motive, wie auch Lakras Collagen, Wandbilder und Papierarbeiten, bei der Kunstszene auf großes Interesse. Mittlerweile kann er auf Museumsausstellungen zurückblicken – seine Arbeiten waren im Rahmen von Gruppenausstellungen in der Tate Modern oder dem Yokohama Museum of Art zu sehen – und er ist in bedeutenden Sammlungen vertreten, so auch in der Sammlung Deutsche Bank. Die Grenzen zwischen "high" und "low", zwischen Galerie und Tattoo Studio hat er dabei erfolgreich gesprengt.

"Besonders fasziniert, dass Dr. Lakra seine Karriere als Tätowierer begann, und auch das Papier wie Haut behandelt", erklärt Friedhelm Hütte, Global Head of Art, Deutsche Bank. "Auf ganz eigenwillige Weise bedient er sich am Bilderfundus der populären Kultur, verbindet Appropriation Art mit volkstümlichen Elementen. Indem er Glamour-Fotos aus den Fünfzigern oder nostalgische Postkarten mit dem Stift "tätowiert" und übermalt, verwandelt sie Dr. Lakra in bizarre Studien über Schönheit, Eros und Vergänglichkeit."

Im Zentrum von Dr. Lakras Werk steht die Idee, dass wirklich jede Oberfläche tätowiert werden kann. Und genau das macht er auch – egal, ob es sich dabei um Puppen handelt, Kaffeetassen, alte Magazine und Poster, die er auf Flohmärkten aufgespürt hat, oder jede andere "Haut" seiner Wahl. Das Ergebnis dabei ist – so die mexikanische Kunsttheoretikerin Mariana Botey, die Dr. Lakra seit Jahren kennt – dass er "die Bedeutungsebenen innerhalb der Kette der industriellen Kulturproduktion verschiebt." "Lakras Auffassung von populärer Kultur ist sehr differenziert", führt Botey weiter aus. "Besonders was gewisse Phänomene der "niedrigen" Kultur anbetrifft. Fragen des Geschmacks weisen hier auch auf unterschwellige Klassenstrukturen hin."

Anders ausgedrück: Triviale Pin-ups oder Anzeigen verwandelt Lakra mit seinem Tätowiergerät in Kunstwerke, die von den verborgenen Sehnsüchten oder Obsessionen vergangener Zeiten künden. "Es geht mir um die Verwandlung von bestimmten Objekten”, erklärt der Künstler. „Es geht um Dinge, die jemand aus irgendeinem Grund als wertvoll erachtet hat und retten wollte. Also wirft er sie nicht weg, sondern hebt sie auf und sie erlangen eine andere Art von Wert."

Dr. Lakra schaut sich die Abbildungen seiner Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank an und bleibt an einem Magazincover hängen. Es wirbt für Imperial, eine mexikanische Biersorte, die es schon lange nicht mehr gibt. Auf dem Bild ist eine Blondine zu sehen. Mit gesenktem Kopf und seltsam melancholischem Gesichtsausdruck sitzt sie an einem kleinen Tisch, auf dem eine Bierflasche steht. Kleid und Frisur signalisieren, dass das Bild aus den 1930er Jahren stammt. Die Haut des Models hat Lakra mit Tattoos bedeckt – Clownsgesicht, Schlange, Spinnweben, Totenkopf. Um ihren Hals schlingt sich ein tätowiertes Seil und in Anbetracht ihres Gesichtsausdrucks scheint es genau dorthin zu gehören.

"Das ist etwas, das du niemals völlig verstehen kannst", sagt Lakra. "Du betrachtest ein Bild, das irgendwann einmal modern war – gut genug, um als Titelbild für ein Magazins zu dienen. So etwas macht mich unglaublich neugierig. Ich will wissen, wie die Leute damals gelebt haben, was sie dachten, wie die Dinge damals waren. Es fungiert als eine Art Zeitmaschine."

Dr. Lakra wurde 1972 als Jeronimo Lopez Ramirez geboren. Sein Vater, Francisco Toldeo, ist ein gefeierter Künstler Oaxacas. Den seltsamen Spitznamen erhielt er in den späten 1980er Jahren, als er in Mexico City mit dem Tätowieren begann. Dr. Lakra war immer mit einer alten Arzttasche unterwegs, in der er seine Ausrüstung transportierte. "Wie diese da", sagt er und deutet auf eine verkrumpelte Ledertasche, die auf einem Fenstersims liegt. "Lakra" bedeutet auf Spanisch "Abschaum" oder "Ganove". Und irgendwie blieb der Name haften.

"Ist das da die originale Tasche?" "Nein, die habe ich während einer peda" verloren," – während einer langen Nacht mit sehr viel Alkohol.

In den frühen 1990ern kehrte Dr. Lakra aus den USA nach Mexico City zurück, um sein eigenes Tattoo Studio zu eröffnen. Die lokale Kunstszene steckte damals gerade mitten in einem Wandlungsprozess. Die so genannte "90er Generation" formierte sich in einer Zeit des Übergangs in der mexikanischen Gesellschaft. Die um sich greifende politische Korruption, eine Kulturelite, die sich jeder Veränderung verweigerte, das Aufkommen des Internets und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) – all diese Faktoren führten zu einer fast explosionsartigen Vermehrung unabhängiger Kunsträume und experimenteller Projekte. So beteiligte sich Dr. Lakra auch an den Happenings in der legendären Panaderia, einem Projektraum in Condesa, einem Viertel im Zentrum Mexico Citys.

Doch schon vor seinem Auslandsaufenthalt war Dr. Lakra in der im Aufbruch begriffenen Kunstszene der Stadt präsent. In den späten 1980ern schloss er sich einer Gruppe von Künstlern an, die sich jeden Freitag bei Gabriel Orozco traf, der inzwischen zum wohl bekanntesten Vertreter der mexikanischen Gegenwartskunst avanciert ist. Gemeinsam mit Abraham Cruzvillegas, Damian Ortega und Gabriel Kuri traf man sich, um zu zeichnen und zu malen oder sich über Bücher auszutauschen. Diese Verbindung ist von entscheidender Bedeutung für Lakras Karriere. Jahre später gründete Gabriel Kuri zusammen mit Monica Manzutto die Galerie Kurimanzutto. Und Dr. Lakra gehörte zu den ersten Künstlern, die sie einluden, bei ihnen auszustellen.

Im Kreis der Kurimanzutto-Künstler ist er allerdings eine Ausnahme, denn Lakras Kunst ist alles andere als konzeptuell. Stattdessen schafft er mit jeder Arbeit einen weiteren Baustein seines alternativen Universums. Es entspringt einer überschäumenden Imagination und ist von sexueller Dekadenz, Groteskem und Psychedelischem geprägt. Eine Welt, bevölkert von unförmigen Monstern, Frauen mit enormen Brüsten, Wahrsagern, bösen Hexen und kleinen Kindern, die gar nicht so niedlich sind wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

Für seine erste Ausstellung in den neuen Räumen von Kurimanzutto arbeitet Lakra im Herbst 2009 zwei Wochen lang an einem riesigen Bild. Es überwucherte schließlich sämtliche Wände und sogar Teile des Bodens und der Decke. Das Ganze wirkte wie ein außer Kontrolle geratener LSD-Trip, ein wahrer Alptraum, in dem sich auf den weißen Galeriewänden comicartige Bilder von Sex, Hexerei und Verstümmelung neben Götterfiguren oder anatomischen Studien fanden.

"Jeder erkannte darin etwas anderes. Für Mariana Botey waren es Halluzinationen, für dich Alpträume. Da sind sehr viele Interpretationen möglich, das ist ein ganz offener Diskurs", erklärt Dr. Lakra. Die technische Qualität der Installation war außergewöhnlich, doch die Arbeit war nicht auf Dauer angelegt. Als die Ausstellung vorbei war, wurde sie schlicht übermalt. Lakra blieben nur die durchsichtigen Folien mit seinen Entwurfsskizzen. "Die Arbeit existiert nicht mehr, sie wurde ausgelöscht. Aber das ist ein Teil der Idee."

Dr. Lakras Blick ist intensiv und konzentriert. Auch wenn man nur wenige Minuten mit ihm gesprochen hat, fällt auf, dass er die Welt mit den Augen eines Menschen sieht, der andauernd damit beschäftigt ist, die Oberflächen und Räume um ihn herum zu verändern – zumindest in seinen Gedanken. Davon zeugen auch die zahlreichen Tattoos, die seine Haut bedecken – Hals, Arme, Handgelenke, sogar die Handflächen. Er wirkt wie ein ewiger Punk. Seine Kunst reflektiert seinen Lebensstil, sein Lebensstil seine Kunst.

Warum lebt er dann aber im beschaulichen Oaxaca und nicht im weitaus lebendigeren Mexico City? Seine Antwort ist ganz einfach: "Hier bin ich aufgewachsen bis ich fünf war. Von hier stammt meine Freundin, hier lebt mein Vater und hier wurde mein zweiter Sohn geboren." Aber findet er in diesen kopfsteingepflasterten Straßen auch genügend Inspiration? "In gewisser Weise ja. Es sind zwei ganz unterschiedliche Welten. Die Welt, die ich mir hier oben geschaffen habe und die Welt, die da draußen existiert, sind sehr unterschiedlich. Das gleicht sich irgendwie aus."

Um uns herum lauern einige von Dr. Lakras tätowierten Puppen. Sie sind eingestaubt, die Haare stehen ihnen zu Berge, so als ob man sie mit dem elektrischen Stuhl ins Jenseits befördert hätte. Gerade beschäftigt er sich allerdings lieber mit fotoesculturas, den bemalten, reliefartigen Skulpturen, die auf Porträtfotografien basieren und die vor Generationen besonders in der Arbeiterklasse populär waren. Lakra konstruiert natürlich seine ganz eigenen Versionen dieser traditionellen Produkte des mexikanischen Kunsthandwerks, indem er die Gesichter aus Materialien wie Muscheln oder Insektenteilen zusammensetzt.

"Noch eine Sache: Auf dem Bürgersteig vor Kurimanzutto in ist mir ein Totenkopf aufgefallen, den jemand zusammen mit den Buchstaben LKR im Beton hinterlassen hat. Warst du das?"

"Ja. Irgendetwas ist dort kaputtgegangen und sie mussten den Bürgersteig erneuern. Als ich die Galerie verließ, sah ich, dass der Beton noch ganz frisch war und…" Dr. Lakra grinst und fängt an zu pfeifen.




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